Mittwoch, 20. Januar 2016

7: Unwirksame Kritik

Es ist mittlerweile etwas mehr als ein Jahr her, dass ich zum ersten Mal bewusst im Internet Kritik an der Bibel und dem Christentum gesucht und angeschaut habe. Seither habe ich das immer öfter getan, und so lernte ich die "Kriegsführung" der Ungläubigen immer besser kennen. Es gibt sehr gute Inputs - aber die muss man auch gut suchen. Es ist mir aufgefallen, dass die grosse Mehrheit der Kritik an Bibel und Christentum - speziell auf Facebook - von Christen ignoriert oder kurz und knapp abgetan wird. Als Ex-Christ leuchten mir die Gründe dafür hell entgegen; ich weiss, mit welchen Vorgehensweisen und Argumenten man bei Christen typischerweise nie oder fast nie punkten kann - teils zu Unrecht, was ich erläutern werde. Schauen wir uns die fünf Kategorien an und lernen wir, effektiver zu argumentieren.

1 "Blasphemie"
Argumentationsmuster: "Scheiss auf deine blöde Religion"
Deshalb wirkt es nicht: Löst nur Wut und Ablehnung aus

Bei dieser Kategorie gibt es kaum etwas zu diskutieren, denn sie ist zu verurteilen: Es kann aus ihr kaum je etwas Gutes kommen und man sollte meiner Meinung nach die Finger davon lassen. Es handelt sich dabei nicht um Kritik, sondern um die bösartige, gezielte Verletzung von religiösen Gefühlen. Sie wirkt überheblich, enorm respektlos und bestärkt Christen in ihren negativen Vorstellungen von Ungläubigen. Kurzum: "Blasphemie" richtet in erster Linie Schaden an und bringt niemandem etwas.

2 Naturgesetze gegen Wunder ins Feld führen
Argumentationsmuster: Ein Wunder kann nicht passiert sein, da es gegen die Naturgesetze verstösst
Deshalb wirkt es nicht: Christen verstehen Wunder als wundersame Verstösse gegen die Naturgesetze

Dieser Fehler ist typisch für wissenschaftsaffine Religionskritiker, die nie Christen waren: Man versucht, ein Wunder dadurch zu widerlegen, dass man seine Verstösse gegen die Naturgesetze darlegt. Beispiel: "Um über's Wasser gehen zu können, hätte Jesus eine Geschwindigkeit von 72 km/h draufhaben müssen." Das ist sehr rational, aber bei Christen prallt es direkt ab, da der Kritiker die Eigenschaften eines Wunders missachtet: Es ist charakterisiert als ein Verstoss gegen die Naturgesetze. Gott ist per Definition allmächtig, er kann die Naturgesetze ignorieren, wie er will. Ja, das Bild hier nebenan hat eigentlich absolut Recht: Das beschriebene Ereignis hätte unter Berücksichtigung der Naturgesetze für ein Riesenchaos auf dem gesamten Globus gesorgt. Aber Gott kann alles, er kann die Naturgesetze nach Belieben manipulieren. Das ist das Totschlagargument in solchen Fällen und macht eine weiteres Attackieren des jeweiligen Vorfalls unmöglich. Dass wir erklären können, wie ein Regenbogen entsteht, hält Christen nicht davon ab, zu glauben, dass Gott den Prozess auslöse und steuere.

3 Fehler von Christen kritisieren
Argumentationsmuster: Christen begehen schlimme Taten, deshalb muss ihr Glaube kritisiert werden
Deshalb wirkt es nicht: Christen geben immer dem Menschen die Schuld, nie der Bibel

In den meisten Fällen gilt: Wenn man als Argument gegen die Wahrheit der Bibel zweifelhaftes Verhalten von Gläubigen hervorhebt, ist für Christen sofort klar: Menschen sind fehlbar, der Glaube nicht. "Auch Gläubige sündigen, sie bleiben ja Menschen." "Die Kreuzzüge hätte Gott nicht gutgeheissen." "Jesus würde nicht gegen Schwule hetzen." Die schlechten Taten eines Menschen sind aus der Sicht eines Christen nie ein ausreichender Grund, seinen Glauben zu kritisieren.

Allerdings ist dieses Argumentationsmuster oft zu Unrecht unwirksam: Nämlich etwa dann, wenn das zweifelhafte Verhalten stellenweise von der Bibel gestützt wird. Die Hexenverbrennungen im Mittelalter sind beispielsweise eine Weiterführung des alttestamentlichen Gesetzes (2. Mose 22, 17), von dem laut Jesus "auch der kleinste Buchstabe" für immer Bestand hat (Matthäus 5, 17+18) und das gemeinsam mit all den anderen biblischen Aufforderungen zum Töten eine riesige Ausnahme zu "Du sollst nicht töten" darstellt. Da ist also die Bibel direkt und wörtlich die Quelle für verabscheuungswürdiges Verhalten - es handelt sich aus biblischer Sicht gar nicht um einen Fehler, und somit muss der Glaube kritisiert werden. Und wenn ein Christ etwas tut, das aus biblischer Sicht ein Fehler ist, dann kann man ihn an den folgenden Stellen festnageln:

Psalm 119, 3: "Denn welche auf seinen Wegen wandeln, die tun kein Übel."

1. Johannes 2, 4: "Wer da sagt: Ich kenne ihn, und hält seine Gebote nicht, der ist ein Lügner, und in solchem ist keine Wahrheit."

1. Johannes 3, 6-9: "Wer in ihm bleibt, der sündigt nicht; wer da sündigt, der hat ihn nicht gesehen noch erkannt. Wer Sünde tut, der ist vom Teufel; denn der Teufel sündigt von Anfang. (...) 9 Wer aus Gott geboren ist, der tut nicht Sünde, denn sein Same bleibt bei ihm; und kann nicht sündigen, denn er ist von Gott geboren."

1. Johannes 5, 18: "Wir wissen, daß, wer von Gott geboren ist, der sündigt nicht; sondern wer von Gott geboren ist, der bewahrt sich, und der Arge wird ihn nicht antasten."

4 Gott für das Leid verantwortlich machen
Argumentationsmuster: In dieser Welt gibt es viel Leid, also muss ihr Schöpfer grausam oder machtlos sein
Deshalb wirkt es nicht: Christen schieben die Verantwortung auf den Menschen und den Sündenfall

Das Leid in der Welt ist eins der beliebtesten Themen bei Kritik an Religion. Doch die allermeisten Christen verwenden wieder ein vermeintliches Totschlagargument: Sie ziehen Gott völlig aus der Verantwortung, indem sie die "gefallene Welt" als unmittelbare Folge des Sündenfalls ansehen. Wir Menschen hätten ja selbständig sein wollen, und diesen Wunsch habe Gott uns erfüllt. Gott sei Liebe, Freude und Perfektion, und abseits von ihm gebe es das halt nicht. Mord, Krieg, Misshandlungen: Das sei alles das Werk von Menschen. Damit ist die Diskussion für Christen beendet: Die Menschen sind schuld, und Gott ist sogar noch so lieb, uns aus diesem selbst verursachten Schlamassel zu retten. Deswegen erreicht ein Bild wie das da oben bei Christen meist sehr wenig. "Ja, schlimm, aber Gott leidet mit diesen armen Kindern..."

Damit Kritik an der leidenden Welt Wirksamkeit entfaltet, muss dabei der Fehlschluss der Christen angegriffen werden, dass wir Menschen selbst an der Misere Schuld seien und Gott überhaupt nichts dafür könne. Das ist nicht besonders schwer, ich werde es in einem künftigen Blogeintrag zur "Heilsgeschichte" im Detail tun.

5 An menschliche Logik und Vernunft appellieren
Argumentationsmuster: Was gegen die menschliche Logik und Vernunft ist, muss hinterfragt werden
Deshalb wirkt es nicht: Christen finden, die menschliche Logik und Vernunft müssten hinterfragt werden

Hier haben wir einen enorm harten Brocken und genau genommen das Grundsatzproblem: Für Ungläubige mag es etwa logisch und vernünftig sein, zu denken, dass man auch am Sonntag etwas tun darf, was als Arbeit durchgehen könnte, ohne dass irgend jemand zu Schaden kommt, oder dass ein uraltes Buch, das über Jahrhunderte hinweg aus den Schriften unzähliger Autoren zusammengebastelt wurde, nicht fehlerfrei sein kann. Aber dass menschliche Logik und Vernunft gegen die Bibel sprechen, ist für Christen kein Argument. Denn es steht geschrieben:

Sprüche 3, 5: "Verlaß dich auf den HERRN von ganzem Herzen und verlaß dich nicht auf deinen Verstand."

"Gott ist grösser als wir, seine Wege sind nicht unserer Wege, nein, sie sind viel höher als unsere..." "Wir können Gott nicht verstehen, er ist sooo viel schlauer als wir..." Manche Christen haben mir erzählt, sie wollten Gott auch gar nicht verstehen, denn wenn sie ihn verstünden, würden sie sich auf Augenhöhe mit ihm fühlen, und dann wäre er ja kein Gott mehr. Weil an manchen Stellen der Bibel steht, Gott sei Liebe, müsse folglich jede bösartig erscheinende Handlung Gottes Liebe sein, die einfach nur für unsere menschlichen Gehirne nicht erfassbar sei. So denken Christen, und wie man dagegen vorgeht... Tja, das ist eins der grossen Rätsel, vor denen wir Bibelkritiker stehen. Ich habe bereits einen Gastautoren engagiert, der sich der Thematik widmen wird.

Dennoch ist klar: Auch wenn sich Christen schnell einigeln, bietet dieses Gebiet eine riesige Angriffsfläche. Wissenschaftliche Argumente wie die Evolution, Studien zu Gotteserfahrungen und Gebet oder fehlende Beweise für Sintflut, Sklaverei in Ägypten etc. bringen Gläubige regelmässig ins Schwanken: Sie wollen ja eigentlich schon ihrem Verstand vertrauen, weil sie das sonst in jedem anderen Lebensbereich tun. Deswegen ist auch ein Post mit naturwissenschaftlicher Kritik von einem Experten in Planung. Auch die Hervorhebung von Widersprüchen und Fehlern in der Bibel appelliert an die Logik, und das ist das Erfolgsrezept dieses Blogs: Hey Christen, lernt wieder, eurem Verstand zu vertrauen!

Schlusswort
Nun wissen Sie also, welche fünf Arten von Angriffen auf den Glauben oft wenig erfolgsversprechend sind, und wieso dem so ist. Die Devise muss heissen: Überlegt und präzise vorgehen. Eine differenzierte Argumentation ist das A und O, wenn man bei Christen etwas bewirken will. Denn geht man oberflächlich vor, lassen sich Christen meist nicht einmal auf eine Diskussion ein. Und ja, auch auf die besten Argumente finden Christen Antworten, das müssen sie, da bei ihnen immens viel davon abhängt, dass ihr Glaube bestätigt wird - aber je besser das Argument, desto länger und intensiver muss der Christ nachdenken, und umso wahrscheinlicher ist es, dass ihn seine eigene Antwort nicht befriedigt. Und wenn das geschieht, war der Angriff wirksam.

-Ihr Scrutator

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