Samstag, 23. April 2016

29: Aufzeichnungen eines Aufgewachten, Teil 5: Fuck Logic - Die theologische Seite

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Essay 5: Fuck Logic – Die theologische Seite
Eigentlich reicht die wissenschaftliche Seite bereits aus, um einzusehen, dass es nur vernünftig ist, die Bibel nicht als das Wort Gottes zu akzeptieren. Aber auch wenn den Christen auf wissenschaftlichem Gebiet ein solch eisiger Wind um die Ohren weht, ziehen sie sich dennoch wieder direkt in die vermeintlich sichere Zuflucht in Buchform zurück, die das Ganze ausgelöst hat – etwa, indem sie auf einen geäusserten Zweifel an Gottes Güte mit einem Bibelvers antworten, der Gottes Güte preist, die sie ja in ihren Leben ach so intensiv zu erleben glauben. Die Illusion der supertollen, konsistenten Bibel hält sich dank selektiver Wahrnehmung, Ignoranz und geistigen Scheuklappen hartnäckig. Die Bibel ist in den Köpfen der Christen die meiste Zeit über stark zensiert. Wenn man für einmal nicht nur Jesu Wohltaten berücksichtigt, sondern alles zugleich vor dem inneren Auge nebeneinanderhält, inklusive alle sich widersprechenden Aussagen, die verstörende Brutalität Gottes und seines Volkes, all die unglaubwürdigen mythologischen Geschichten, dann entsteht ein zutiefst verwirrendes, verstörendes Bild. Die Kirche hat aus ein paar Bibelstellen ein Universum der Gerechtigkeit, Gnade und Freude mit einem perfekten Gott voller Liebe gebastelt, und in diesem Universum leben Christen tagein, tagaus. Nur eine ausgedehnte Bibellektüre holt sie gelegentlich kurz in die Realität zurück. Der unangenehme Rest der heiligen Schrift, den viele Christen nie in seiner Vollständigkeit kennen lernen, wird blind akzeptiert und dann totgeschwiegen oder unter Ausschluss von Moral und Verstand als gut bezeichnet. 

Wenn einmal eine biblische Horrorstory unter uns Jugendlichen zur Sprache kam, waren peinliches Schweigen und ein schneller Themawechsel die Folge. Man spricht und predigt vor allem lieber über die Teile, die Hoffnung spenden. Es ist wohl zum grössten Teil der Planung meiner Kirchgemeinde zu verdanken, dass ich den Glauben ablegen konnte, denn immer wieder bekam ich es als Prediger mit "schwierigen" Stellen zu tun. Und wenn man über eine solche Stelle predigt, wird man zur Konfrontation und Meinungsbildung gezwungen. Man muss sich dafür entscheiden, was man von dieser Stelle hält und kriegt Predigt für Predigt ein immer klareres Bild davon, was man eigentlich glaubt und was eben nicht. In einer Diskussionsgruppe, einem sogenannten "Hauskreis", kann man bei der Behandlung von schwierigen Stellen einfach schweigen und zum nächsten Punkt übergehen. Doch als Prediger muss man quasi die Passage, die einem zugeteilt wurde, öffentlich verteidigen. Und das zwang mich dazu, mich tiefgehend mit meinem Glauben auseinanderzusetzen, bis ich merkte: Hier stimmt was nicht.

Das ganze verstörende, unlogische Durcheinander fängt schon im Garten Eden an. Der allmächtige, allwissende und liebende Gott stürzt die Menschen wegen trivialen Ungehorsams in abgrundtiefes Elend  es entsteht eine Lage, mit der weder er noch die Menschen glücklich sind, und Gott ist sich voll bewusst, dass es dazu kommen wird. Das kann unmöglich der bestmögliche Weg gewesen sein. Was ist Gott nochmal? Allmächtig, allwissend und allgütig, richtig? Ein allmächtiger Gott muss überhaupt nichts, er kann jedes Problem auf unzählige Arten lösen. Wenn wir das in Betracht ziehen, dann sind die Pläne, die er für die allermeisten Menschen angeblich hat, überaus grausam, unsinnig und im Gegensatz zu den „Segnungen“, mit denen andere überschüttet werden, extrem ungerecht – als ginge es nicht anders! Was soll das ganze Leid, das Gott zulässt? Die Ex-Gläubige Tracie Harris bringt es auf den Punkt: „Entweder schickt dieser Gott Vergewaltiger, damit sie sich an Kindern vergreifen, oder er sieht dabei zu und sagt: ‚Wenn du fertig bist, bestrafe ich dich.‘ Wenn ich die Vergewaltigung eines Kindes verhindern könnte, würde ich es tun.“ 

Eine beliebte Entschuldigung von Christen bezieht sich darauf, dass Gott unseren freien Willen einschränken würde, wenn er Verbrechen verhindern würde. Was für ein Witz. Ich nehme an, solche Leute schreiten nicht ein, wenn ihre Kinder auf einander los gehen und schliessen nachts ihre Türen nicht ab und lassen die Fenster offen, um den freien Willen von Einbrechern nicht einzuschränken. Andere sagen, das Leid solle uns Lebenserfahrung bringen. Nur leider ist das in vielen Fällen wie etwa bei der während 24 Jahren im Keller ihres Vaters eingesperrten und vergewaltigten Elisabeth Fritzl extrem sadistisch und spricht dem allmächtigen Gott die Fähigkeit ab, jemandem etwas beizubringen, ohne ihn oder sie zu traumatisieren oder sogar zu töten. Zudem würden wir die ganze unter Qualen erworbene Lebenserfahrung in unserem „wirklichen Zuhause“ – im ewigen Paradies – nicht mehr brauchen, weil dort der Umgang mit Schwierigkeiten nicht mehr erforderlich wäre. Und um dieses heile Paradies zu schaffen, muss uns Gott doch entweder den freien Willen wegnehmen – falls wir den je hatten – oder Bedingungen schaffen, in denen die Menschen einen freien Willen haben können, ohne dass alles vor die Hunde geht. Da stellt sich nur eine Frage: Warum nicht gleich so?

Noch einmal zurück zum Sündenfall. Es steht geschrieben, dass Gott den Menschen eine Aufgabe gibt, die die Unterscheidung von Gut und Böse verlangt, ihnen aber die Fähigkeit dazu vorenthält. Dann isst Eva von der Frucht (Paulus darf später im Timotheusbrief dieses Vergehen als Rechtfertigung für die sexistischen Verbote für Frauen benutzen, die in nicht wenigen Gemeinden in Anfällen von Rationalität und Humanismus missachtet werden) und wird zusammen mit Adam aus dem Garten geworfen. Die ersten Menschen und all ihre Nachkommen werden dann verflucht und allein gelassen.

Zur Verdeutlichung: Stellen Sie sich vor, Sie wohnen in einer Wüste in einem wunderbar klimatisierten Haus voller Reichtümer. Sie kriegen Kinder. Irgendwann kommt Ihnen der Gedanke, dass die Kinder ja eigentlich nicht freiwillig bei Ihnen sind. Sie wollen die Kinder also vor die Wahl stellen; sie sollen sich zwischen dem ewigen Elend in der Wüste und ihrem komfortablen Haus entscheiden (!). Anstatt sie danach zu fragen, stellen Sie einen Joghurt in den Kühlschrank und sagen Ihren Kindern im Vorschulalter: „Wer das isst, stirbt.“ Die unerfahrenen Kinder können sich der Trageweite ihres Handelns in dieser Situation niemals bewusst sein. Warum sollten sie diesen Joghurt nicht essen? Was heisst „sterben“? Wenn sie das wüssten, so würden sie unter Garantie die Finger vom Kühlschrank lassen  doch sie sind unerfahren. Zudem lassen Sie noch jemanden in die Wohnung, der beim Kühlschrank steht und den Kindern einredet, sie könnten das Joghurt bedenkenlos verspeisen. Und als die Kinder sich dann zum Verzehr des leckeren Joghurts hinreissen lassen, sagen Sie ihnen: „Soso, ihr wollt offensichtlich gar nicht bei mir wohnen, ihr liebt mich nicht. Raus in die Wüste mit euch.“ Das ist krank. Es war ein Test des blinden Gehorsams und nicht der Liebe, und für einen allwissenden Gott wäre so ein Test sowieso gar nicht nötig. Und selbst wenn das tatsächlich eine bewusste, informierte Entscheidung von Adam und Eva war  dann sollten die beiden allein die Konsequenzen zu tragen haben, nicht sämtliche Menschen, die später noch per Inzest (!) gezeugt werden! Es zeigt sich, dass der biblische Gott wie im Blockbuster „Exodus  Gods and Kings“ sehr treffend dargestellt vielmehr ein trotziges, sadistisches Kleinkind als ein allmächtiger, allwissender und allgütiger Vater ist.

Erst wirft er die Menschen hinaus ins Elend. Dann schaut er zu, wie sie sich bekriegen:
„Als aber der HERR sah, dass des Menschen Bosheit sehr gross war auf Erden und alles Gebilde der Gedanken seines Herzens nur böse allezeit, da reute es den HERRN, dass er den Menschen gemacht hatte auf Erden, und es bekümmerte ihn in seinem Herzen. Und der HERR sprach: Ich will den Menschen, den ich erschaffen habe, vom Erdboden vertilgen, vom Menschen an bis auf das Vieh und bis auf das Gewürm und bis auf die Vögel des Himmels; denn es reut mich, dass ich sie gemacht habe!“.

Ein allmächtiger, allwissender Gott, der eine seiner Taten bereut, was laut anderen Bibelstellen gar nie vorkommt (z.B. 1. Samuel 15, 29). Und der dann noch beschliesst, sämtliche Menschen mit 8 Ausnahmen auf grausame Weise auszurotten – was er dann auch wieder bereut. Es ist mir unmöglich, angesichts solcher Taten einen „gnädigen, guten Gott“ zu preisen. Ich kann das alles einfach nicht mehr als Handeln eines höheren Wesens taxieren, das wir beschränkten Menschen in seiner Perfektion halt nicht verstehen können. Nein, meine sehr hilfreichen MitchristInnen, ich kann nicht „einfach glauben“, ich kann nicht "auf Gottes Güte vertrauen", wenn mir seine Unglaubwürdigkeit und Bosheit so offenkundig entgegenschlagen!

Im weiteren Verlauf des alten Testaments wird es nicht besser. Die Israeliten dürfen morden und massakrieren, ethnisch säubern und Besitz an sich reissen  solange sie das nicht innerhalb ihres eigenen Volkes tun. Gott verhängt drakonische Strafen für oft lächerliche "Vergehen" – einmal tötet er einen Mann, der seine Bundeslade festhält, damit sie nicht zu Boden fällt (2. Samuel 6, 3-7), einmal zwei Männer, die nicht ganz korrekt opfern (3. Mose 10, 1+2), einmal viele, weil sie "murren" (4. Mose 21, 4-6),  und einmal stimmt ihn Mose um, als er wieder einmal beschliesst, sein gesamtes auserwähltes Volk zu vernichten (4. Mose 14, 11). Gott ist im AT ein blutrünstiges, sexistisches, rassistisches, gnadenloses Monster, und sein immer noch bis aufs letzte Strichlein gültiges Gesetz (Matthäus 5, 17-20 / Lukas 16, 17) glänzt mit Unmenschlichkeit und amoralischen und unmoralischen Elementen – wie man es von einem Werk primitiver Bronzezeit-Vagabunden eben erwarten würde. Und es ist ja nicht so, dass es im NT bis auf die guten Taten Jesu viel besser würde: Gott fällt nichts Besseres ein, als sich bzw. seinen Sohn grausam für sich selbst zu opfern, damit er die Sünden der Menschheit vergeben kann und um dann ein System zu kreieren, in dem ein auf dem Totenbett bekehrter Serienmörder ohne Konsequenzen im Himmel landet und ein gütiger Atheist in das "ewige Feuer" wandert. Von den Gräueln der Offenbarung will ich gar nicht erst anfangen...

Hier begegnen wir dem wohl zentralsten Problem bei der christlichen Auseinandersetzung mit theologischen Problemen: Die Bibel ist voller Grausamkeit und Ungerechtigkeit, aber Jesus sagte: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst." Christen nehmen dieses Zitat und stellen dann ihre eigene Interpretation davon über alles in der Bibel, was dem zu widersprechen scheint. Jesus wäre da nicht einverstanden: Das Kleingedruckte zur Nächstenliebe ist gewaltig. Wie wir etwa bei Markus 7, 9+10 sehen, wo sich Jesus für die Hinrichtung unfolgsamer Teenager stark macht, hatte er ein etwas limitierteres Verständnis von Liebe als die meisten von uns modernen Menschen. Die vielzitierte Geschichte mit der Ehebrecherin ("Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein") passt nicht dazu, und schau her: In den ursprünglichen Manuskripten der Evangelien findet sich die Geschichte nicht. Christen wählen aus, welche biblischen Gesetze ihnen gefallen und welche nicht und belegen so, dass ihre Moral nicht aus der Bibel kommt, sondern dem Buch überlegen ist. Ein kurzer TestWürden Sie Ihre Kinder für ewig in einen brennenden Keller (siehe z.B. Markus 9, 43) sperren, weil sie Ihre Liebe abgewiesen haben? Nein? Dann sind Sie bereits moralischer und humaner als Jahwe. 

Christen sind nicht bereit, Gott für all seine Schandtaten anzuklagen. Sie stempeln Gott als allezeit gut ab und berauben sich so der Möglichkeit, einen bösen Gott von einem Guten unterscheiden zu können. Viele sagen: „Das ist halt das alte Testament, das war alles noch anders…“ Ach ja? Zunächst einmal ist das AT die Grundlage für das NT, das ist nicht irgendwie "ungültig" geworden 
– da könnt ihr Jesus fragen. Und fragt euch bitte: Kann ein solcher Umgang mit Menschen "ungültig" werden und ist dann nicht mehr schlimm? Kann es irgendeine Rechtfertigung für die zahllosen gewaltigen Gräueltaten dieses Schöpfers geben, wenn man berücksichtigt, dass ein allmächtiger, liebender Gott zu nichts gezwungen sein kann? Christen verhalten sich wie missbrauchte Ehefrauen: Sie sehen all das Leid, das Gott ihnen und anderen zufügt, aber sie sagen: "Er meint das nicht so, er liebt mich doch... Es ist alles meine Schuld... Was soll ich denn ohne ihn?" 

Wenn Sie schon erleben durften, wie ein Christ versucht, Völkermord zu rechtfertigen, dann gratuliere ich Ihnen  Sie haben aus erster Hand erfahren, was Religion aus Menschen machen kann. Meist wird entweder ins Feld geführt, die vernichteten Völker seien vom Greis über die Hausfrau bis zum Embryo abgrundtief böse gewesen, oder die Bibel sage nicht, dass sie mit den Gräueltaten einverstanden sei  beides Quatsch, das erste ganz offensichtlich und das zweite nach einiger Bibellektüre, die zeigt, dass Mörder wie Mose und David als gerechte Männer Gottes angesehen werden und Gott immer wieder selbst zur Streitaxt greift. Wenn Sie unter Beweis stellen wollten, dass Sie so richtig verachtenswert böse sind, wie würden Sie das tun? Viel übler als Völkermord geht ja wohl nicht, oder? Ich habe Christen Dinge sagen hören wie: „Diese Menschen mussten sterben, damit Gottes Macht demonstriert wird!“. Fragen Sie mich nicht, wie es möglich ist, sich in der Liebe Gottes geborgen zu fühlen und gleichzeitig so etwas auszusprechen. Ich weiss nicht, wie vielen Christen solche Paradoxe in solchen Momenten bewusst werden. Man drängt diese inneren Kämpfe stets krampfhaft in den Hintergrund, durch selektive Wahrnehmung und/oder irrationale Rationalisierung.

Die Liste von Bibelstellen, die mir den Glauben erschweren, ist noch lang. Christen schwärmen gern von biblischen Prophezeiungen, die in Erfüllung gegangen seien. Das sind aber enorm zweifelhafte Fälle, es handelt sich um Pseudo-Prophezeiungen. Wenn sich die "Prophezeiung" erfüllt, dass sich dereinst "ein Land formen" werde, dann ist das so beeindruckend, wie wenn ich prophezeie, ich werde heute Abend ein Steak essen, und mir dann im Restaurant eines bestelle. Wenn steht, in den letzten Tagen werde es unfolgsame Kinder, Krieg und Naturkatastrophen geben, wollen Sie das ernsthaft als von Gott eingegebene Zukunftsvoraussage einstufen? Würde es Sie überraschen, wenn ich Ihnen erzähle, dass es aufgrund solcher Stellen während der gesamten Zeit seit der Fertigstellung der Bibel Leute gab, die dachten, das Ende der Zeit stehe kurz bevor? Eine ernstzunehmende Prophezeiung wäre etwas wie "Am 23. Tag des siebten Monats im 2020sten Jahr nach Christus werden an einem Ort namens Sankt Franziskus 247 Menschen bei einem Erdbeben ums Leben kommen." Wenn sich die Bibel an solchen echten Prophezeiungen versucht, versagt sie (Gott sagt etwa in Hesekiel 29+30, dass er Ägypten zur grossen menschenleeren Einöde machen und den Nil austrocknen lassen würde, was nie passiert ist), und das sollte einen mehr als stutzig machen. Und was machen wir etwa aus diesen Versprechen Jesu:

„Denn wahrlich ich sage euch: So ihr Glauben habt wie ein Senfkorn, so mögt ihr sagen zu diesem Berge: Hebe dich von hinnen dorthin! so wird er sich heben; und euch wird nichts unmöglich sein.“

„Alles, um was ihr in meinem Namen bittet, werde ich tun, damit der Vater im Sohn verherrlicht wird. Wenn ihr mich um etwas in meinem Namen bittet, werde ich es tun.“

„Es stehen einige hier, die werden den Tod nicht schmecken, bis sie den Menschensohn kommen sehen in seinem Reich."

Das ist alles falsch. Es hat mich schon immer irgendwie verstört, wenn eine christliche Worshipband vor- und das hochgehypte Publikum nachgrölte: „Through you, I can do anything, I can do all things, nothing is impossible!“  obwohl doch alle ganz genau wissen, dass das im direkten Gegensatz zu ihrer Alltagserfahrung steht. Das allermeiste, worum man Gott bittet, kriegt man nicht, und wenn die Motive dahinter noch so ehrenhaft sind. Und die dritte Stelle: Jesus selbst sagte mehrfach, dass seine Rückkehr unmittelbar bevorstehe. Der amerikanische Comedian Grant Lyon fragt mit Recht: „Wie viele tausende Jahre wird es noch dauern, bis die Leute einsehen, dass wir es da nicht mit einem Erlöser zu tun haben, sondern mit einem Vater, der ‚nur mal eben Zigaretten holen‘ ging?“.

Die Bibel ist ein inkonsistentes, wenig glaubwürdiges Buch, das als Gottes Wort bezeichnet wird, weil es sich selbst so nennt. Beim AT handelt es sich um die Legenden eines kleinen Volkes in der Wüste  warum sonst würde der Gott der ganzen Welt ausgerechnet die Juden auserwählen und den Rest der Welt ignorieren? Die Evangelien wurden Jahrzehnte nach Jesu Tod von gebildeten griechischsprachigen Männern (also auf Basis von Hörensagen und nicht von Jüngern) geschrieben, widersprechen einander und enthalten zahlreiche Indikatoren für fiktive Literatur. Und auch sonst fehlt es nicht an Widersprüchen, die das Buch als willkürliche Zusammenstellung menschengemachter Geschichten über antiquierte Mythen kennzeichnen. Bei diesen Widersprüchen handelt es sich einerseits um Inkonsistenzen in den Geschichten, andererseits um gravierende Uneinigkeit über die Lehre, die die ganzen verschiedenen Konfessionen erklärt. Wie kommt man in den Himmel, durch Glauben oder durch Werke? Manche Stellen sagen, der Glaube reiche völlig aus, andere widersprechen dem unmissverständlich. Hat es je einen Menschen gegeben, der Gott gesehen hat, oder einen, der gerecht war? Ja und Nein. Wie soll man den unvollkommenen Nächsten behandeln? Siebzig Mal sieben Mal vergeben wie bei Jesus oder Sünder aus der Mitte verstossen wie bei Paulus? Wie kann Gott sich bzw. seinen „Sohn“ für sich selbst opfern, um seinen eigenen Groll gegen uns zu beruhigen? Was ist mit dem alten Gesetz  hat Jesus nun gesagt, kein Strichlein davon werde vergehen, oder hat er, wie Paulus sagte, mit seinem Tod die Bindung ans Gesetz aufgehoben? Bei Letzterem haben sich die Christen für den Mittelweg entschieden: Such dir was aus. Homoverbot? Toll, gefällt mir, unterstützen. Keine Kleidungsstücke tragen, die aus zwei verschiedenen Stoffen bestehen (3. Mose 19,19)? Nö, das muss man heute nicht mehr beachten...

Hier noch eine besonders gewaltige Inkonsistenz: „Niemand kann zu mir kommen, es sei ihm denn von meinem Vater gegeben!“. Nachdem Jesus das gesagt hat, wenden sich „viele seiner Jünger“ von ihm ab. Und jetzt habe ich endlich den Mut, dasselbe zu tun. Ich verstehe diese Jünger jetzt (oder sollte ich sagen, ich traue mich nur endlich, diese Menschen zu verstehen..?). Jesus sagt hier, es gebe keine freie Entscheidung zum Heil, Gott bestimme, wer errettet werde. Und das bestätigt eine Passage aus dem Römerbrief, Kapitel 9, Vers 14-23:

„Was wollen wir nun sagen? Ist etwa Ungerechtigkeit bei Gott? Das sei ferne!“.

Paulus zeigt zunächst einmal sein erzchristliches Bild, das aus selektiver Wahrnehmung, einem kaputten Verstand und Angst vor Offenheit entsteht: Gott ist grundsätzlich von allen Vorwürfen freizusprechen. Und dann getraut er sich, Folgendes als Gerechtigkeit zu verkaufen:

„'Wem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und über wen ich mich erbarme, über den erbarme ich mich‘. So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen. Denn die Schrift sagt zum Pharao: „Eben dazu habe ich dich aufstehen lassen, dass ich an dir meine Macht erweise, und dass mein Name verkündigt werde auf der ganzen Erde“. So erbarmt er sich nun, über wen er will, und verstockt, wen er will. 

Nun wirst du mich fragen: Warum tadelt er dann noch? Denn wer kann seinem Willen widerstehen? Ja, o Mensch, wer bist denn du, dass du mit Gott rechten willst? Spricht auch das Gebilde zu dem, der es geformt hat: Warum hast du mich so gemacht? Oder hat nicht der Töpfer Macht über den Ton, aus derselben Masse das eine Gefäss zur Ehre, das andere zur Unehre zu machen? Wenn nun aber Gott, da er seinen Zorn erweisen und seine Macht offenbaren wollte, mit grosser Langmut die Gefässe des Zorns getragen hat, die zum Verderben zugerichtet sind, damit er auch den Reichtum seiner Herrlichkeit an den Gefässen der Barmherzigkeit erzeige, die er zuvor zur Herrlichkeit bereitet hat?“

Das ist einer der krassesten und direktesten, unmissverständlichsten Widersprüche zu der „guten Nachricht“, die mir seit Kindestagen aufgedrückt wurde, und es zeigt: Der Gott der Bibel scheint, wenn man die komplette Bibel beizieht – wovon Christen so weit als möglich die Finger lassen –, ein kindischer Despot zu sein. Ein paar Seiten später wird er wieder als liebender Vater porträtiert. Dann lässt er den Teufel auf Hiob los, schickt sein Volk 40 Jahre lang in die Wüste oder lässt Kinder zerschmettern und schwangere Weiber aufschlitzen.

Berücksichtigt endlich einmal die ganze Bibel, liebe Christen. Viele Ideen darin sind noch nicht einmal neu – Götter wurden ja schon lange vorher erfunden, weil sich die Leute früher vieles einfach nicht erklären konnten. Und die Bibel hat sogar das eine oder andere offensichtlich abgekupfert; es gibt ältere Geschichten aus der Antike mit erschreckend ähnlichen Vorkommnissen. Das perfekte Bild der Bibellehre bröckelt und bröckelt, bis man irgendwann sagen muss: Sich darauf „einfach mal einzulassen“, das „einfach zu glauben wie ein Kind“ – ist das nicht ein zutiefst fragwürdiger Entscheid?

->Zu Teil 6 der Aufzeichnungen eines Aufgewachten<-

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

sehr gut geschrieben, stimme ich zu 100% zu