Religiöse Argumente

Christen verwenden viele sehr verschiedenartige Aussagen, um ihren Glauben zu verteidigen oder plausibel zu machen - da  kann man schon mal die Übersicht verlieren, und oft fällt einem die beste Antwort nicht ein, wenn man sie gerade sehr brauchen könnte. Deswegen habe ich über längere Zeit verschiedenste gängige apologetische Äusserungen gesammelt und mit meiner Community bei Facebook besprochen. Das Endresultat ist die folgende Liste von 36 Argumenten mit den aus meiner Sicht bestmöglichen Antworten, hoffentlich eine wertvolle Ressource für alle Wahrheitsliebhaber da draussen! Es geht um alles von der Epistemologie und den Grundlagen der Philosophie über die Naturwissenschaft bis hin zu Bibelargumenten, persönlichen Erfahrungen, emotionalen Einwänden und Theodizee.

#1: «Es wurde nie bewiesen, dass Gott nicht existiert.»


Können Sie beweisen, dass Sie kein Serienmörder sind? Können Sie beweisen, dass sich das Märchen "Dornröschen" so nie zugetragen hat?

Eine Grundregel des logisch-kritischen Denkens ist die sogenannte Beweislast: Wenn etwas behauptet wird, dann ist diese Behauptung erst plausibel, wenn der Behauptende sie begründet. Sie ist nicht allein deswegen plausibel, weil ihr Gegenteil nicht begründet wurde. Wenn sich mit einem Argument eine riesige Anzahl absurder Behauptungen verteidigen lässt, ist es ein schlechtes Argument. Und das ist bei diesem Argument in extremster Weise der Fall, denn man könnte sich wohl unendlich viele Dinge ausdenken, deren Inexistenz bislang nicht belegt wurde. Der Vorbringende müsste also an eine unendliche Anzahl von Dingen glauben, wenn er dieses Argument für gültig hält.

Ausserdem kritisiert der Vorbringende hier die Beweislosigkeit einer Ansicht. Er impliziert also, dass Ansichten von Beweisen gestützt werden müssen, und muss sich im Folgenden der Frage stellen, ob er denn Beweise für seine Ansichten hat. Wenn ihm – wie so vielen Theisten – die Unbewiesenheit seiner Ansichten egal ist, wäre es unredlich, die selbe Unbewiesenheit bei anderen Ansichten zu kritisieren. Entweder oder!

Mit grosser Sicherheit existieren Dinge, die wir heute (noch) nicht nachweisen können. Früher konnte man nicht nachweisen, dass alle Materie aus Atomen besteht. Man konnte auch nicht nachweisen, dass die Erde das Zentrum des Universums ist. Die eine nicht nachweisbare Behauptung stellte sich als wahr heraus, die andere als falsch. Das lehrt uns: Mit Urteilen über nicht untersuchbare Behauptungen sollte man sich zurückhalten. Der Moment, ab dem es vernünftig ist, eine Behauptung als wahr zu akzeptieren, ist der, in dem man gute Gründe dafür gefunden hat. Nur weil man nicht sicher weiss, dass eine Behauptung falsch ist, ist es nicht weise, von ihrer Wahrheit auszugehen.

#2: «Atheismus ist auch nur ein Glaube.»


Nicht zwangsläufig. Wer nicht an Gott glaubt, muss nicht zwingend behaupten, es gebe keine Götter. Wir als Nichtgläubige behaupten in der Frage nach Gott nichts, sondern nehmen nur die Behauptung nicht an, es gebe Gott, und müssen in der Folge an keinen unbegründeten Ansichten festhalten – würden wir behaupten, es gebe keine Götter, so würden wir etwas behaupten und müssten es begründen.

Es gibt eine schöne Analogie zur Verdeutlichung:

Stellen wir uns ein grosses Glas mit lauter bunten Murmeln vor. Davor stehen Person A und Person B.

Person A: «Ich denke, die Anzahl Murmeln ist gerade.»

Person B: «Das glaube ich dir nicht.»

Person A: «Also denkst du, sie sei ungerade?»

Person B: «Nein. Ich sehe nur nicht ein, warum du behauptest, sie sei gerade.»

Nicht an Gott zu glauben, ist nicht dasselbe wie zu behaupten, es gebe keinen Gott. Man kann auch einfach die gefällten Urteile anderer Leute ablehnen und keine ungerechtfertigten Behauptungen in den Raum stellen.

Es ist in diesem Zusammenhang zudem hilfreich, sich vor Augen zu führen, wie Gerichte vorgehen. Wird jemand des Mordes angeklagt, so lautet das Urteil nach dem Prozess nicht «schuldig» oder «unschuldig», sondern «schuldig» oder «nicht schuldig». Das Gericht versucht, herauszufinden, ob es gute Gründe gibt, von der Schuld des Angeklagten auszugehen. Findet es keine, so wird der Angeklagte nicht für unschuldig erklärt, sondern es wird festgehalten, dass es keine guten Gründe gibt, ihn für schuldig zu erklären. Und dann hat er vernünftigerweise keine Verurteilung verdient.

Genau so sollte auch in der Frage nach Gott vorgegangen werden. Die Christen klagen Gott der Existenz an, und wir Nichtgläubigen befinden ihn aufgrund mangelnder Belege nicht für schuldig. Wenn uns dann die Christen vorhalten, wir hätten aber nicht bewiesen, dass er unschuldig sei, können wir nur mit den Achseln zucken und darauf hinweisen, dass wir das nicht behaupten und es kein guter Grund für eine Verurteilung ist. 

#3: «Man muss nicht alles beweisen – man kann nicht einmal beweisen, dass die Realität existiert.» (Solipsismus)


Man muss etwas nur beweisen, wenn es einem etwas bedeutet, ob es stimmt oder nicht. Und es gibt wenige Dinge, bei denen es entscheidender ist, zu einem fundierten Urteil zu gelangen, als bei einer so einflussreichen Sache wie Religion. 

Zur Unmöglichkeit abschliessender Beweise für die Existenz der Realität: Das ist strenggenommen richtig. All unsere Wahrnehmungen kommen von unseren Sinnesorganen
und werden vom Gehirn zusammengesetzt und interpretiert, und deswegen können wir nie mit letzter
Gewissheit wissen, ob unsere Wahrnehmung wirklich eine objektiv vorhandene Aussenwelt
repräsentiert (die Haltung, davon auszugehen, dass dem nicht so ist, nennt man Solipsismus).

Die Sache ist die: Erstens brauchen wir keine absolute Gewissheit, um manche Schlussfolgerungen als besser einstufen zu können als andere, und zweitens: Selbst wenn unsere Realität nicht die «echte Realität» sein sollte – dann hätten wir keinen Zugriff auf die «echte Realität», wir sind an unsere Realität und die in ihr geltenden Regeln gebunden. Wir müssen einen Weg finden, darin optimal zu leben, egal, ob wir nun glauben, dass sie echt ist oder nicht. Und in dieser Realität gilt: Manche Dinge existieren und andere nicht. Und die verlässlichste Methode, um zwischen diesen Dingen zu unterscheiden, ist es, vernünftig zu sein und sich auf Belege und Argumente zu stützen.

#4: «Wenn man Gott ehrlich sucht, findet man ihn auch.»


Es ist wichtig, sich zu verdeutlichen, was man mit diesem Argument impliziert: Es gibt unzählige Menschen, die Gott gesucht und nicht gefunden haben oder durch ihre Suche zu einer anderen Religion als dem Christentum gelangt sind. Bringt man dieses Argument vor, bezeichnet man pauschal jeden einzelnen Menschen, der nach Gott gesucht hat und dennoch nicht (mehr) an Gott glaubt, als unehrlich.

Es sollte offensichtlich sein, dass man es sich zu einfach macht, wenn man so viele Menschen dermassen verleumdet, ohne sie und ihre Motive zu kennen. Christen wehren sich oft sehr heftig dagegen, wenn Aussenstehende pauschal über Bekehrungserlebnisse und andere Zeugnisse von Gläubigen urteilen. In gleicher Weise sind Ungläubige verständlicherweise oft ungehalten, wenn man ihnen unlautere Motive unterstellt, ohne ihre wahren Motive zu kennen.

Wir würden nie sagen, dass jeder, der ehrlich seinen Glauben hinterfragt, Atheist wird, und alle anderen einfach als unehrlich abstempeln. Wir fragen Gläubige nach ihren Gründen, statt sie pauschal zu verurteilen. Und wir wünschen uns, dass Gläubige sich auch uns gegenüber so verhalten.

#5: «An Gott muss man halt glauben.»


Hier muss zuerst der zentrale Begriff geklärt werden. «Glauben» ist hier so gemeint, dass man Gottes Existenz blind, ohne jeden Grund annehmen müsse (Hebräer 11, 1). Da stellt sich zuallererst die Frage, ob das überhaupt möglich ist. Stellen wir uns vor, ich behaupte, in einer Eiche in meinem Garten lebe ein magischer grüner Troll namens Eberhard. Können Sie nun die Erkenntnismethode des Glaubens anwenden, um sich von der Existenz dieses Trolls zu überzeugen? Sie können so tun, als wären Sie überzeugt, aber wirklich glauben werden Sie es nicht, denn Ansichten sind nicht Willenssache.

Wenn ich Ihnen keine Gründe dafür nenne, warum Sie an den Troll glauben sollten, können Sie auch nicht an ihn glauben. Deswegen gehe ich davon aus, dass jeder aus Gründen an Gott glaubt und niemand die Erkenntnismethode des Glaubens verwendet, wie sie in der Religion verstanden wird.

Nehmen wir aber an, es wäre möglich, etwas ohne Grund zu glauben. Wäre es dann eine gute Idee? Die Frage ist: Gibt es irgendeine Behauptung, die man anhand des Glaubens nicht akzeptieren könnte? Die Antwort ist: Nein. Das macht den Glauben zur schlechtesten denkbaren Erkenntnismethode. Man kann mit dem Glauben jede Religion «rechtfertigen», er ist von Naivität nicht zu unterscheiden.

Wenn einem also daran gelegen ist, ob die eigenen Ansichten wahr sind oder nicht, sollte man vom Glauben definitiv die Finger lassen. Denken Sie nur einmal darüber nach, wie Sie reagieren würden, wenn wir Nichtgläubigen als einziges Argument nennen würden: «Vertrauen Sie einfach darauf, dass Gott nicht existiert.» 

#6: «Glaube ist etwas ganz Alltägliches. Man kann auch nur glauben, dass einen sein Partner liebt.»


Die Behauptung hier lautet, dass es ganz normal sei, Dinge ohne Grund als wahr zu akzeptieren, und als Beispiel wird die Liebe genannt. Ist das wirklich so?

Denken wir über Liebe nach. Wir kennen die Arten, auf die Menschen romantisches Interesse und Liebe ausdrücken, und wenn wir wissen wollen, ob uns jemand liebt, tun wir das, indem wir aus seinem Verhalten Schlüsse ziehen. Wenn wir an jemandem interessiert sind, scannen wir sein Verhalten, auf der Suche nach Belegen für romantisches Interesse.

Warum denken wir, dass jemand, der auf der Strasse mit Blumen in der Hand auf eine ihm völlig unbekannte Person zu rennt und ihr einen Heiratsantrag macht, nicht alle Tassen im Schrank hat? Weil wir rein "glaubensbasierte" Rückschlüsse auf Liebe als irrational und falsch erkennen; weil wir wissen, dass das nicht die Art ist, auf die Menschen zum Schluss gelangen, dass jemand sie liebt. Wir gehen davon aus, dass unsere Partner uns lieben, weil wir Anhaltspunkte dafür haben, wir tun das nicht völlig grundlos – und wenn doch, dann verhalten wir uns äusserst unvernünftig.

Wenn wir darüber nachdenken, wie wir in unserem Leben mit Behauptungen umgehen, wird uns nach und nach klar, dass diese Erkenntnismethode namens «Glauben» nirgendwo Verwendung findet. Wir haben immer irgendwelche Anhaltspunkte, wenn wir etwas als wahr akzeptieren – und wenn nicht, dann erkennen wir das Akzeptieren der entsprechenden Ansicht in aller Regel als unvernünftig. Spätestens, wenn man sie vor Gericht stellt und der Richter sagt «Es gibt keine Beweise, aber ich glaube tief in meinem Herzen, dass Sie schuldig sind», würden wohl auch die letzten Verfechter der Erkenntnismethode namens «Glauben» eingestehen, dass diese Methode keine gute Sache ist. 

#7: «Gott kann man nicht mit dem Verstand finden, nur mit dem Herzen.»


Hiermit ist in der Regel gemeint, dass der Glaube an Gott keine "Kopfsache", sondern reine "Herzenssache" sei. Doch hat der Glaube an Gott wirklich nichts mit dem Verstand zu tun?

Wenn wir Gottes Existenz auf der Basis von Erlebnissen oder Gefühlen, also quasi mit dem Herzen akzeptieren, ziehen wir aus einem Grund – hier also einem Erlebnis oder Gefühl – einen Schluss. Man kann nur anhand des Verstandes Schlüsse ziehen. Glaube ist immer auch "Kopfsache", und folglich ergibt es absolut Sinn, über die rationale Rechtfertigung des Glaubens zu reden. 

#8: «Gott übersteigt den Verstand und unterliegt nicht der Logik. Man kann diese Dinge nicht auf ihn anwenden.»


Überlegen wir einmal, was die Konsequenzen wären, wenn Gott nicht Verstand und Logik unterläge. Es würde bedeuten, dass wir nicht ansatzweise verstehen könnten, was Gott überhaupt ist und wie er funktioniert. «Gott existiert» würde dann so viele Informationen beinhalten wie «Hablurpoglucks existiert». Gott könnte zugleich existieren und nicht existieren. Er könnte auch halb oder zu einem Viertel existieren. Wir könnten uns an keinem einzigen Wort der Bibel orientieren, da wir ja nur Verstand und Logik zur Verfügung haben, um aus Texten Informationen zu entnehmen. Texte von einem Wesen, das nicht Verstand und Logik unterliegt, könnten das Gegenteil von dem bedeuten, was da steht, und unendlich viel anderes – es liesse sich nicht bestimmen.

Man könnte nichts mehr über Gott glauben, da in diesem Zusammenhang keine Regeln gelten würden. Wenn man sagt, man glaube an einen Gott, der mit dem Verstand nicht zu erfassen sei, so sagt man: «Ich habe keine Ahnung, wovon ich hier eigentlich gerade rede.» Zu behaupten, Gott unterliege Verstand und Logik nicht, macht Gott nicht plausibler, sondern stellt ihn in eine Reihe mit Unsinn. Man kann jeden Unsinn damit verteidigen, dass er halt nicht Verstand und Logik unterliege. Und eine Methode, die alles verteidigen kann, ist keine gute Methode.

#9: «Auch an Logik, Wissen und Vernunft kann man nur glauben.»


Wenn man das sagt, setzt man eine ganze Menge an Dingen voraus. Zunächst einmal die Logik, denn man setzt voraus, dass die Konzepte, die dieser Satz übermitteln soll, mit sich selbst identisch und nicht widersprüchlich etc. sind. Würde die Logik nicht gelten, wären nicht einmal simpelste Gedanken denkbar, da keine Regeln mehr gelten würden. Die Logik ist ein unverzichtbares Grundgerüst. Sie ist die einzige Brille, durch die wir die Welt überhaupt betrachten können.

Als Nächstes setzt man auch die Vernunft voraus, denn man nennt ein Argument und appelliert an die Vernunft seines Gegenübers. Ein Argument gegen die Vernunft ist ein Argument gegen das Argumentieren und widerlegt sich folglich selbst. Genauso verhält es sich auch mit einem Argument gegen das Wissen: Könnte man nichts wissen, so könnte man auch keine Argumente formulieren und aussprechen und niemand könnte sie aufnehmen und verstehen.

Das Argument widerlegt sich also bereits selbst. Aber auch so ist klar, dass man an Logik, Wissen und Vernunft nicht glauben muss. Die Logik müssen wir voraussetzen, da ansonsten die gesamte Realität ein einziges unverstehbares Durcheinander aus gleichzeitig existierenden und nicht existierenden Dingen mit widersprüchlichen Eigenschaften wäre. Und die Wissenschaft glaubt nicht einfach an Wissen und Vernunft, sondern sie benutzt diese Dinge – mit Erfolg. Es funktioniert. Natürlich ist Wissen nie absolut sicher und die Vernunft nicht perfekt, aber das heisst nicht, dass sie völlig unverlässlich und nutzlos sind, wie ihre Erfolge bis heute immer und immer wieder beweisen. 

#10: «Wahrheit ist subjektiv. Für mich gibt es Gott.»


Wenn ich sage, dass in meiner Realität all Ihre Besitztümer mir gehören, würden Sie das akzeptieren? Wenn ich glaube, dass es keine Schwerkraft gibt, kann ich dann fliegen?

Manche Dinge sieht jeder Mensch anders. Das bedeutet aber nicht, dass es keine objektiven Fakten gibt, die für alle gleichermassen gelten. Ob es Gott gibt oder nicht, ist keine Frage des Geschmacks: Er existiert entweder für alle oder für alle nicht. Die Meinungen, die die Leute dazu haben, haben darauf genauso wenig Einfluss wie auf die Existenz jedes anderen Wesens. 

#11: «Die Mehrheit der Menschen glaubt an Gott.»


Es gab Zeiten, da glaubten fast alle Menschen, die Erde sei flach und die Sonne drehe sich um sie. Lange Zeit glaubten unzählige Menschen, Krankheiten würden von bösen Geistern oder Hexen verursacht, Wasser öffne die Poren, was Krankheiten Tür und Tor öffne, und ein Aderlass sei eine hervorragende Heilmethode. War dem dann auch so? Ist Wahrheit eine demokratische Angelegenheit? Es sollte jedem Gläubigen sehr leicht fallen, die Schwäche dieses Arguments zu durchschauen: Egal, welcher Religion man anhängt, es gibt immer mehr Menschen, die nicht mit einem einverstanden sind, als Gleichgesinnte. Und trotzdem richtet man sich nicht nach der Mehrheit, denn man weiss: Auch eine Mehrheit kann sich irren.

#12: «Der Glaube an Götter und das Bedürfnis nach Gott sind im Menschen angelegt. Der Mensch hat schon immer Götter angebetet. Das deutet darauf hin, dass es Gott gibt.»


Das wäre kein Argument für einen spezifischen Gott wie den aus der Bibel. Zudem: Viele Dinge sind im Menschen angelegt. Das heisst aber nicht automatisch, dass die gut und richtig sind. Und nur weil ich mir etwas wünsche, heisst das nicht, dass es dieses Etwas auch zwangsläufig geben muss. Abgesehen davon können sehr viele Leute zufrieden ohne Bedarf nach einem Gott leben, auch solche wie ich, die früher fest vom Gegenteil überzeugt waren.

Und wenn ein spezifischer Gott diesen Sinn für das Göttliche in uns hineingelegt haben sollte, um alle Menschen zu sich zu führen, dann ist seine Strategie spektakulär gescheitert, wie die unzähligen verschiedenen Religionen und Konfessionen zeigen. 

#13: «Die Wissenschaft kann nicht erklären, wie es zum Urknall kam und wie das Leben entstand.»


Die Wissenschaft hat dazu sehr wohl durchaus plausible Thesen entwickelt. Nehmen wir aber einmal an, wir hätten wirklich keine Ahnung. Die Frage ist: Wie lautet die vernünftige, redliche Reaktion auf diesen Umstand? Rechtfertigt eine Wissenslücke eine andere Reaktion als «Ich weiss nicht»?

Und selbst wenn wir wüssten, dass die Entstehung des Universums und des Lebens irgendwie nicht «von selbst» geschehen sind – woher wüssten wir, wer oder was da eingegriffen hat? Selbst wenn wir wüssten, dass ein «Jemand» dafür verantwortlich ist, woher wüssten wir, dass es ein Gott ist? Und selbst wenn wir wüssten, dass es ein Gott ist, woher wüssten wir, dass es unter all den Göttern, die die Menschheit als Schöpfer angebetet hat, ausgerechnet der hebräische Gott Jahwe ist?

#14: «Brillante Wissenschaftler haben an Gott geglaubt und tun dies heute noch.»


Zunächst einmal könnte man hier einfach anführen, dass auch sehr schlaue Menschen nicht an Gott geglaubt haben und folglich Aussage gegen Aussage steht und dass viele Wissenschaftler das Wort "Gott" anders benutzten als die Religiösen. Es lässt sich aber noch einiges mehr hierzu sagen. Wenn Albert Einstein gesagt hätte, dass 2+2 = 5 sei, dann wäre das immer noch falsch. Dass Einstein das gesagt hat, täte nichts zur Sache. Autorität ist immer den Prinzipien der Logik untergeordnet.

Das Genie Isaac Newton war ein Anhänger der Alchemie, und dennoch ist Alchemie Quatsch. Nur weil Newton in einigen Dingen ausserordentlich schlau vorging, heisst das nicht automatisch, dass das ausnahmslos immer der Fall war. Manche hervorragenden Wissenschaftler waren Rassisten und Faschisten. Eine Aussage muss sich völlig unabhängig davon, wer sie geäussert hat, als wahr erweisen. Es reicht nicht, darauf hinzuweisen, dass schlaue Menschen an Gott geglaubt haben – man müsste aufzeigen, dass sie aus vertretbaren rationalen Gründen an Gott glaubten, und das war bisher noch bei niemandem der Fall.

Newton etwa scheiterte daran, die Planetenbahnen zu berechnen, und argumentierte folglich, Gott halte die Planeten in ihrer Bahn. Das ist ein simpler logischer Fehler, nämlich der des Ignoranzargumentes: «Ich weiss nicht, folglich: Gott». Der renommierte Genetiker Francis Collins kam zum Glauben, weil er einem gefrorenen Wasserfall begegnete, der in drei Teile geteilt war, was ihn an die Dreieinigkeit erinnerte. Auch dies ist weit entfernt davon, ein logischer Schluss zu sein.

Wer mit Autorität argumentiert, setzt logische Stimmigkeit voraus. Die muss aber demonstriert werden. 

#15: «Wissenschaft und Glaube sind vereinbar.»


Hierbei muss man sich zunächst vor Augen führen, dass die Wissenschaft eine Methode ist, während es sich bei der christlichen Religion um einen Katalog von Behauptungen handelt. Wir müssen uns also fragen, ob die Grundsätze der wissenschaftlichen Methode und die Behauptungen der Religion zusammenpassen.

Zuerst anzuführen wären dabei natürlich die vielen Behauptungen der Bibel über die Wirklichkeit, die von der Wissenschaft als falsch erkannt worden sind und deswegen seither zumeist willkürlich als "Metaphern" o.ä. entschuldigt werden.

In der Wissenschaft werden fehlerhafte und unverlässliche Erkenntnismethoden nicht berücksichtigt, was bedeutet, dass blinder Glaube, persönliche Erfahrung, Offenbarung oder Autorität als Begründungen für Behauptungen nicht akzeptiert werden, was in der Religion anders gehandhabt wird. Auch betrachtet die Wissenschaft ihre Ansichten nicht wie die Religion als unumstössliche, ewige Wahrheiten, sondern lediglich als die aktuell besten Erklärungen, die die verfügbaren Belege zulassen und die jederzeit revidiert werden können.

Es gibt also unaufhebbare Differenzen zwischen wissenschaftlichem und religiösem Denken, wenn es darum geht, was wahr ist und wie man das herausfindet. 

#16: «Man muss die Bibel an Stelle X bildlich interpretieren.» 


Hierbei sollte man sich folgende 4 Fragen stellen:

1. Kann die jeweilige Stelle überhaupt bildlich verstanden werden? Es gibt viele Stellen, bei denen das schlicht nicht möglich ist. So können etwa Gesetze, also direkte Handlungsanweisungen, nicht bildlich verstanden werden.

2. Würde eine bildliche Interpretation etwas an der Problematik der jeweiligen Stelle ändern? Die Bibel spricht etwa im Schöpfungsbericht davon, dass die Erde vor der Sonne geschaffen wurde. Keine bildliche Interpretation der Welt kann an dieser falschen Reihenfolge etwas ändern. Wenn ich jemanden als Arschloch bezeichne, dann meine ich das nicht wörtlich. Das macht es aber nicht besser. Und gleichsam ist es auch nicht viel besser, wenn Jesus es nicht wörtlich gemeint hat, dass die Juden Kinder des Teufels sind oder dass man sich Körperteile ausreissen soll, um nicht zu sündigen und nicht in der Hölle zu landen. Es geht um die Botschaft der jeweiligen Stelle.

3. Woran erkennt man, dass die eine Stelle wörtlich zu nehmen ist und die andere bildlich? Es ist bekannt, dass damalige Autoren bisweilen keinen grossen Wert auf eine Unterscheidung von Fakt und Fiktion legten – aber wie erkennt man an einer Bibelpassage, die nicht klar als Gleichnis o.ä. markiert ist, dass sie nicht wörtlich gemeint ist? Wenn man irgendeine Stelle zur Metapher umdeklariert, braucht man dafür objektive Kriterien. Hat man die nicht, so kann man ab sofort nicht mehr unterscheiden, was die Bibel denn wörtlich meint und was nicht. Dann können auch das Doppelgebot der Nächstenliebe, die Auferstehung oder Gott selbst reine Metaphern sein, die jeder so verstehen kann, wie immer er will.

In den allermeisten Fällen gibt es keine objektiven Kriterien, wenn eine Bibelstelle zur Metapher umdeklariert wird, und dann muss man solche Argumente als willkürliche ad hoc-Ausreden zurückweisen, die einzig und allein deswegen vorgebracht werden, weil die Wissenschaft nachgewiesen hat, dass sich die Bibel in einigen Punkten geirrt hat, oder weil unsere moderne Ethik uns andere Ansichten vermittelt hat.

4. Wie sollte die bildliche Interpretation ausfallen? Da es hierzu keine Leitlinien gibt, kann die Interpretation nur weitgehend willkürlich ausfallen und keinen Plausibilitätsanspruch geltend machen.

#17 «Man muss Bibelstelle X im Kontext betrachten. Sie ist ein Kind ihrer Zeit und nur für diese gedacht.»


Mit dem "Kontext" ist in solchen Einwänden entweder der Kotext gemeint, also der Text um die jeweilige Stelle herum, oder der geschichtlich-kulturelle Hintergrund der Stelle.

Ist der Kotext gemeint, so ist dieser nun anzuführen und es muss im Detail aufgezeigt werden, inwiefern sich die Bedeutung der jeweiligen Stelle denn so radikal um 180 Grad verändert, wenn man den umstehenden Text miteinbezieht. Einfach nur "Kontext" rufen ist noch kein Gegenargument.

Wird der geschichtlich-kulturelle Hintergrund angeführt, so stellt sich zunächst die Frage, ob ein allmächtiger, allgütiger Gott ein "Kind jener Zeit" sein kann. Hat er die jeweilige Stelle nicht zu verantworten, so muss der Sonderanspruch der göttlichen Herkunft der Bibel aufgegeben werden. Die nächste zu beantwortende Frage ist, ob eine faktisch falsche oder aus heutiger Sicht ethisch verwerfliche Aussage wirklich dadurch kritikimmun wird, dass falsche und ethisch verwerfliche Aussagen zur jeweiligen Zeit gang und gäbe waren.

Und woran erkennt man es eigentlich, dass eine bestimmte Bibelstelle nur für die jeweilige Zeit gedacht war, eine andere aber zeitlos gültig sein soll? Gibt es einen anderen Massstab als Willkür? Wenn nicht, dann gibt es keine falschen und richtigen Sichtweisen und Fundamentalisten sind genauso im Recht wie Hyperliberale. Und das ist ein Problem.

#18 «Evolution und Glaube sind vereinbar.»


Die Evolution ist ein Prozess, bei dem aufgrund von natürlicher Selektion besser angepasste Organismen ihre Gene eher weitergeben können als schlechter angepasste Organismen, wodurch sich die Organismen mit der Zeit verändern. Sie ist ein Prozess, der nicht zielgerichtet verläuft, der äusserst ineffizient und langsam vonstatten geht, der massenhaft «Abfall» auftürmt und durch Leid und Tod angetrieben wird.

Ohne Gnade werden unzählige Lebewesen grausam ausgerottet, wodurch sich das Erbgut stückweise besser an die Umgebung anpasst, und wenn Veränderungen in der Umgebung zu schnell passieren, sterben ganze Arten rasch aus. Es dauert Millionen von Jahren, bis das Leben überhaupt entsteht, geschweige denn, bis der Mensch die Bühne betritt, und dieser Mensch ist gezeichnet von seiner evolutionären Vergangenheit, was ihm etwa schmerzende Weisheitszähne und zahlreiche funktionsfreie Körperteile wie das Steissbein, die Haaraufrichtemuskeln oder den kleinen Zeh eingebrockt hat.

All das ist nicht mit einem Gott kombinierbar, der allmächtig ist, zielgerichtet arbeitet und für die betroffenen Lebewesen nur das Beste im Sinn hat. 

#19: «Die fundamentalen Konstanten des Universums sind perfekt abgestimmt; wären sie nur minimal anders, wäre kein Leben möglich gewesen. Folglich muss Gott diese Konstanten so eingestellt haben.»


Das Feinabstimmungsargument behauptet: Wenn die fundamentalen physischen Konstanten des Universums nicht so "eingestellt" wären, wie sie es sind, wäre kein Leben möglich. Folglich müsse ein Designer diese Konstanten bewusst so justiert haben. Hier die Probleme bei diesem Argument:

1. Wir wissen letztlich nicht, warum die physischen Konstanten so sind, wie sie sind. Wer Unwissen als Argument nutzt, begeht den Fehler des Ignoranzargumentes. Nur weil wir etwas nicht wissen, wird nicht automatisch ein bestimmter Gott zur richtigen Erklärung.

2. Das Argument setzt etwas voraus, was wir nicht wissen können: Dass kein Leben möglich wäre, wenn die Konstanten anders aussähen. Wir haben keine Vergleichsuniversen und -urknälle und können das folglich nicht beurteilen, und unter Physikern herrscht Uneinigkeit darüber, wie gross der Spielraum bei diesen Konstanten jeweils ist (teilweise ist er grösser, als von christlichen Apologeten behauptet wird).

3. Einem allmächtigen Gott könnte es komplett egal sein, unter welchen Bedingungen er Leben schafft. Ein allmächtiger Gott schafft Konstanten, die er auf die x-te Stelle nach dem Komma justieren muss, damit er Leben schaffen kann? Wie plausibel klingt das?

4. Nur weil etwas unwahrscheinlich ist, muss es nicht Absicht gewesen sein. Dass Leben in unserer Form entstehen konnte, könnte sehr unwahrscheinlich gewesen sein. Einen 6er-Pasch zu würfeln, ist auch sehr unwahrscheinlich. Denkt man aber etwas weiter, so stellt man fest, dass jede andere Würfelkombination gleich wahrscheinlich ist und uns der 6er-Pasch nur deshalb als etwas Besonderes erscheint, weil wir das willkürlich so festgelegt haben. Und genauso verhält es sich auch mit unserer Existenz: Für uns ist sie besonders, aber jeder andere Zustand des Universums wäre wohl genau gleich unwahrscheinlich gewesen.

5. Nur weil etwas zu etwas anderem geführt hat, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass die Ursache bewusst zur Herbeiführung ihrer Wirkung eingesetzt wurde. In diesem Kontext heisst das: Nur weil die Bedingungen im Universum unsere Entwicklung ermöglichten, muss das nicht heissen, dass das gewollt war. Meine Grosseltern sorgten mit der Wahl ihrer Kirchengemeinde für die Grundlagen für meine Existenz, weil mein Vater dann dort zur Kirche ging und meine Mutter kennenlernte. Aber sie taten das nicht bewusst, damit ich entstehe.

6. Das Argument ignoriert, dass 99,999999% des Universums nicht für Leben geeignet sind und das Leben Jahrmilliarden voller grauenvoll-brutaler, ineffizienter Selektion brauchte, um sich hier etablieren zu können, und auch heute sind die Bedingungen weit, weit entfernt davon, perfekt auf uns abgestimmt zu sein.

P.S. Oft kommt dieses Argument von Menschen, die die Wissenschaft als nur einen Zugang zur Wahrheit unter vielen bezeichnen, der sehr eingeschränkt und unverlässlich sei, und die z.B. die Evolution anzweifeln oder verwerfen, weil sie keine wirkliche Wissenschaft sei, da sie sich mit der unbeobachtbaren Vergangenheit beschäftige. Das Feinabstimmungsargument setzt aber ein erhöhtes Vertrauen in die wissenschaftliche Methode voraus, wie sie auch bei der Evolution angewandt wird.

#20: «Die Welt ist perfekt designt, das kann kein Zufall gewesen sein. Folglich muss Gott existieren.» 


Perfekt designt? Werfen wir nur einmal einen nüchternen Blick auf den Menschen: Da finden wir Weisheitszähne, Allergien, hohe Verletzungsanfälligkeit, ständige Abhängigkeit von Nahrung und Schlaf, ein Loch, das zum Atmen und zur Nahrungsaufnahme zugleich genutzt wird, absurd verwickelte Nervenbahnen, ineffiziente Organe, fehleranfälliges Erbgut… Biologen reden oft von den «Wundern der Natur», aber man muss beachten, dass das so gemeint ist: «Für eine natürliche Entstehung ist das beachtlich.» Die Liste von Dingen, die allein am Menschen besser hätten designt werden können, ist riesig. Von einem perfekten Design kann also definitiv nicht die Rede sein.

Die Welt ist in vielerlei Hinsicht wunderschön und beeindruckend, aber auch in vielerlei Hinsicht hässlich, absurd und herzlos. Wenn man den biblischen Sündenfall als Erklärung für die Designfehler und Hässlichkeiten nennen möchte, kann man das Designargument nicht mehr nutzen, weil es sich jetzt nicht mehr auf die Realität bezieht, sondern auf eine angebliche Realität in der Vergangenheit, auf die nichts hindeutet und die wissenschaftlichem Wissen widerspricht.

Oft wird gesagt, die Komplexität des Lebens beweise seine Geschöpftheit. Bei einem Haus oder einer Uhr, die man am Strand findet, wisse man ja auch sofort, dass es/sie designt und nicht natürlichen Ursprungs sei. Dass wir bei diesen Dingen sofort wissen, dass sie designt wurden, liegt allerdings ganz einfach daran, dass wir aus Erfahrung wissen, dass Häuser und Uhren von Menschen gebaut werden. Zudem wird in diesem Argument das Haus bzw. die Uhr der umgebenden Natur gegenübergestellt, um das «Design» zu beweisen. Im Anschluss dann die Natur der Natur gegenüberzustellen, um ihr Design zu beweisen, ist gelinde gesagt nicht gerade die logischste Vorgehensweise.

Die Evolutionstheorie erklärt die Komplexität des Lebens inklusive dessen Mängel schlüssig – nicht anhand von «Zufall», sondern anhand von vorhandenen Bedingungen und Selektionsmechanismen – und wird von unzähligen Belegen aus zahllosen Fachgebieten gestützt. Nehmen wir aber einfach mal an, es gäbe absolut keine Erklärung für die Komplexität des Lebens. Wenn dem so wäre, wäre die einzige vertretbare Antwort auf die Frage nach ihrer Herkunft: «Ich weiss nicht, woher die kommt.» Und selbst wenn wir wüssten, dass in die Entstehung des Lebens, das wir kennen, eingegriffen wurde – das würde nicht bedeuten, dass zwangsweise ein Jemand dahintersteckt. Selbst wenn wir wüssten, dass es ein Jemand war – das würde nicht bedeuten, dass es zwangsweise ein Gott war. Und selbst wenn wir wüssten, dass es ein Gott war – das würde nicht zwangsweise bedeuten, dass es der christliche Gott war. 

#21: «Ich habe Gott erlebt.»


Dies ist ein Argument, das man gegen aussen nicht verwenden kann, weil eine Offenbarung immer nur für den direkten Empfänger eine Offenbarung wäre. Für jeden anderen, der die Offenbarung nicht erlebt hat, handelt es sich um nichts weiter als Hörensagen. Man sollte sich also keine Hoffnungen machen, wenn man seinen Glauben mit persönlichen Erfahrungen verteidigen möchte. Dafür gibt es auch noch weitere Gründe. 

Vertreter aller Religionen und auch Leute, die an Geister, Aliens oder anderes glauben, erzählen von persönlichen Erfahrungen. Wenn man persönliche Erfahrungen als gültige Argumente einstuft, muss man all diesen Leuten Glauben schenken und verliert die Übersicht vor lauter Glaubenssätzen, die sich zudem oft gegenseitig widersprechen. Und hier finden wir das nächste Problem: Religionen geben sich in aller Regel als die einzig wahre Religion aus. Das heisst, wenn eine davon stimmt, sind alle anderen falsch. Sie können nicht alle wahr sein, aber alle falsch. Wir müssen also davon ausgehen, dass die allermeisten Menschen, die glauben, einen bestimmten Gott erlebt zu haben, sich bei der Deutung ihrer Erlebnisse irren.

Auffällig ist zusätzlich, dass fast jeder Gläubige unter all den unzähligen Göttern, die die Menschheit angebetet hat, ausgerechnet den Gott seiner Eltern erlebt haben will. Wenn persönliche Erfahrungen ehrlich suchender Menschen verlässliche Erkenntnismethoden wären, würden wir erwarten, dass es keine Rolle spielt, wo und als wessen Kind man geboren wird. Dass die allermeisten Leute ausgerechnet an den Gott ihrer Eltern und nie an einen Gott glauben, von dem sie noch nie gehört haben, spricht dafür, dass die Deutung der persönlichen Erlebnisse vom Umfeld abhängt und nicht vom Wahrheitsgehalt dieser Erlebnisse. Diese Tatsachen sollten jeden Gläubigen sehr skeptisch machen.

In der Wissenschaft werden persönliche Erfahrungen als ganz und gar nicht schlagkräftig angesehen, weil man dort schon lange erkannt hat, dass sich der Mensch leicht täuscht und seine Erinnerungen bisweilen stark von der Realität abweichen. Wenn wir Krankheiten nach persönlicher Erfahrung diagnostizieren würden, würden wir wohl immer noch davon ausgehen, dass Dämonen Menschen krank machen oder dass Wasser die Poren für Erreger öffnet. Gerade wenn es um lebensverändernde Ansichten mit einschneidenden Konsequenzen geht, sollten wir uns nicht auf die subjektive Deutung persönlicher Erfahrungen verlassen. Würden Sie die Evolution akzeptieren, wenn die Wissenschaftler nur sagen würden, ihre persönliche Erfahrung habe ihnen offenbart, dass die Evolution ein Fakt sei?

Besonders wichtig ist es, zu berücksichtigen, dass in religiösen Gemeinschaften sehr leicht mächtige soziale und psychologische Dynamiken entstehen können. Es ist kein Wunder, wenn jemand, der in eine liebevolle Gemeinschaft hineinkommt, in der man an eine allmächtige, allgütige Vaterfigur glaubt und zusammen mit Musik darüber "meditiert", wundervolle Gefühle und Euphorie erlebt, neue Kraft schöpft, Süchte und psychische Probleme überwindet und einen neuen Sinn im Leben sieht. Das ist völlig normal, psychologisch problemlos erklärbar und kommt in verschiedensten Gemeinschaften vor.

Die Erlebnisse anderer Menschen sind uns nicht zugänglich. Wir wollen nicht leugnen, dass andere Menschen beeindruckende, vielleicht sogar unerklärliche Erfahrungen gemacht haben. Aber wir sehen nicht, woran Gläubige es festmachen, dass ihre Erlebnisse auf das Wirken eines spezifischen Gottes zurückzuführen seien und wie sie aus ihnen schliessen, dass ausgerechnet die Bibel ernstgenommen werden sollte. Wenn man etwas nicht erklären kann, dann deutet nichts darauf hin, dass ein spezifischer Gott als Antwort in Frage kommt. Redlichkeit und Bescheidenheit sind gefragt, wenn man der Wahrheit auf die Spur kommen will, die Vernunft, die Wahrscheinlichkeit und Besonderheit von Ereignissen realistisch einzuschätzen, und auch der Mut und die Redlichkeit, einfach mal zu sagen: „Ich weiss es nicht." 

#22: «Der Glaube verändert Menschen.»


Weltanschauungen haben es so an sich, dass sie Leute verändern. Jede Religion kann das, und auch andere Ideologien tun es. Aber nur weil eine Religion einen Menschen verändert, bedeutet das nicht, dass sie wahr ist. Das zeigt nur, dass sie Menschen verändern kann, mehr nicht. Spätestens, wenn wir einsehen, dass verschiedene Religionen mit inkompatiblen Wahrheitsansprüchen Menschen tiefgreifend verändern, sollte uns klar werden, dass eine Religion nicht zwingend wahr sein muss, um Menschen verändern zu können. 

#23: «Das Christentum bietet Antworten auf die grossen Fragen. Der Atheismus kann diese nicht beantworten.»


Das Christentum bietet Versuche, grosse Fragen zu beantworten. Das heisst aber nicht automatisch, dass diese Antworten richtig sind und das Christentum wahr ist. Nur weil eine Weltanschauung Antwort- und Erklärungsversuche zu gewissen ungelösten Fragen beinhaltet, wird sie nicht wahrer.

Wenn ich draussen Hufgeräusche höre, dann würde ein Einhorn diese Geräusche erklären. Deswegen ist es aber noch nicht plausibel, dass es Einhörner gibt. Ich kann ein magisches rosafarbenes Einhorn als Ursache für den Urknall und die Entstehung des Lebens vorschlagen und behaupten, dieses Einhorn liefere den «Sinn des Lebens» – das würde einige Fragen klären. Dadurch wird mein Einhornglaube allerdings nicht plausibler.

Wenn wir die Antworten auf gewisse Fragen nicht kennen, ist es redlicher, sich das auch einzugestehen, statt so zu tun, als wisse man Bescheid. Redlichkeit ist nichts, wofür man sich als Atheist Vorwürfe machen lassen müsste. 

#24: «Es ist besser, zur Sicherheit an Gott zu glauben. Wenn es ihn gibt, gewinnt man dann das ewige Paradies, wenn es ihn nicht gibt, hat man nichts verloren. Wenn man nicht an ihn glaubt und es gibt ihn, landet man hingegen in der Hölle.»


Dieses Argument, das nach seinem Urheber Blaise Pascal "Pascals Wette" genannt wird, beinhaltet einige fragwürdige Annahmen. 

1. Das Argument geht davon aus, dass es nur diese zwei Möglichkeiten gibt: Entweder gibt es den christlichen Gott oder keinen. Das ist ein falsches Dilemma, da viele weitere von Menschen angebetete Götter rein theoretisch existieren könnten. Man ist also nicht einfach in Sicherheit, wenn man an einen der unzähligen möglichen Götter glaubt.

2. Das Argument geht davon aus, dass Gott es nicht durchschauen würde / es ihm egal wäre, dass man nicht ehrlich an ihn glaubt, sondern nur berechnend zur Sicherheit.

3. Das Argument geht davon aus, dass Glaube allein durch Willenskraft herbeigeführt werden kann. Versuchen Sie einmal, sich allein durch Willenskraft davon zu überzeugen, dass Ihnen irgendwann in Ihrem Leben ein mysteriöser Wohltäter eine Million auszahlen wird. Wie Sie merken werden, klappt das nicht, denn was wir über die Realität glauben, können wir nicht einfach grundlos entscheiden.

4. Das Argument geht davon aus, dass religiöser Glaube keinerlei Investitionen beinhaltet. Glaubt man aber der Bibel, so ist einiges an Engagement nötig, um es in den Himmel zu schaffen, und wenn sie nicht wahr wäre, hätte man die Zeit eindeutig besser einsetzen können. Die Behauptung von vorhin mit dem mysteriösen Wohltäter würde denjenigen, der sie glaubt, bestimmt fröhlich stimmen – aber sie würde wohl auch dazu führen, dass er sein Denken, seine Entscheidungen und sein ganzes Leben auf diesen Glaubenssatz ausrichtet. Er hätte vernünftigere Entscheidungen treffen und seine Zeit sinnvoller einsetzen können. Man kann vieles verpassen, seine Selbstwirksamkeit und Rationalität untergraben und sich unnötigen Schuldgefühlen und Ängsten aussetzen, wenn man auf das Christentum "wettet" und dadurch das Leben letztlich zum Vorsprechen an der Himmelstür degradiert, bei dem man sich ganz Jahwe unterwerfen muss. 

#25: «Menschen haben eine selbstlose Moral, die der allgütige Gott ihnen ins Herz geschrieben haben muss.»


Unsere Moral ist oft genug nicht selbstlos, und keine zwei Menschen haben dasselbe Moralkonzept.

Wie auch die Vielfalt des Lebens werden Moral und Altruismus gut durch die Evolution erklärt. Es handelt sich dabei um Überlebensvorteile: Unsere Vorfahren erkannten, dass ihr Überleben sicherer war, wenn sie mit anderen kooperierten und sich in funktionierenden Gemeinschaften zusammenschlossen, in denen Regeln des Zusammenlebens galten. Behandle den anderen, wie du behandelt werden willst – solche Grundregeln wurden schon lange vor der Bibel aufgeschrieben. Und wenn wir aus Mitleid jemandem helfen, so bekämpfen wir dadurch das negative Gefühl des Mit-Leides in uns und handeln aufgrund der Angst davor, im Wissen darum weiterleben zu müssen, dass wir hier nicht geholfen haben, und handeln deshalb letztlich nicht selbstlos.

Wenn wir keine Ahnung hätten, woher die ach so selbstlose Moral kommt, würde das bedeuten, dass wir keine Ahnung hätten, und nichts weiter. Der christliche Gott käme als Erklärung nicht in Frage, denn wenn es ihn gibt, dann hat er etliche Gebote und Weisungen erlassen und ist folglich nicht der Ansicht, dass der Mensch über einen verlässlichen eingebauten moralischen Kompass verfügt. 

#26: «Ohne Gott hat das Leben keinen Sinn.»


Das wäre kein Argument für die Existenz Gottes, sondern nur ein Argument dafür, dass seine Existenz wünschenswert wäre.

Aber überlegen wir uns einmal, was die Existenz eines «Sinn des Lebens» eigentlich bedeuten würde. Es würde heissen, dass das Leben jedes einzelnen Menschen einen unverrückbar vorgegebenen Zweck hätte. Das ist, als hätten wir alle eine Staffelei bekommen, aber dürften nur bestimmte Schablonen zum Malen benutzen.

Wenn jemand sagt, ohne Gott habe das Leben keinen Sinn, dann ist das so, als würde jemand sagen, ohne bestimmte vorgefertigte Schablonen könne man nicht malen. Wenn es niemanden gibt, der einem eine Schablone aufzwingt, dann bedeutet das, dass man mit der Staffelei anfangen darf, was immer man will – wahre Freiheit. Jeder Mensch bestimmt selbst, welchen Sinn er seinem Leben geben möchte, welche Ziele er erreichen will, was er auf der Welt beeinflussen und verändern möchte. 

#27: «Ohne Gott gibt es keine Hoffnung.»


Auch dies ist kein Argument für Gottes Existenz, sondern nur ein Argument dafür, dass seine Existenz wünschenswert wäre.

Unsere Existenz ist wohl endlich. Aber überlegen Sie einmal: Wann in Ihrem Leben war Endlichkeit sonst einmal ein Grund, etwas als völlig sinn- und wertlos zu bezeichnen? Ihr Auto wird eines Tages seinen Geist aufgeben, Ihre Ferien werden eines Tages enden, Ihren Lieblingsfilm und Ihr Lieblingsessen können Sie nur während einer begrenzten Zeit geniessen. Dennoch haben Sie das Auto gekauft und nutzen es, dennoch fahren Sie in die Ferien, dennoch kucken Sie Filme und kochen sich Ihr Leibgericht. Nur weil etwas nicht unendlich ist, ist es nicht sinn- und wertlos, und das gilt auch für Ihr Leben.

Es gibt viel sinnloses Leid und Ungerechtigkeit, die wohl nie bestraft werden wird. Die Frage ist: Wollen wir uns der Realität stellen und effektiv versuchen, sie zu verbessern, oder betäuben wir uns lieber mit Wunschträumen? Ist uns Wahrheit oder Trost um jeden Preis wichtiger? Ich meine: Es gibt viele Wege, auch ohne einen Gott Trost zu finden – sei es bei Mitmenschen, in Kunst, Kultur, Wissenschaft, Philosophie oder sonstwo. Und nur, wenn wir die ungeschminkte Realität im Blick behalten, haben wir eine Chance, sie wirklich zu verbessern. 

#28: «Religion tut Menschen gut.»


Wieder kein Argument für die Wahrheit des Gottesglaubens, sondern nur dafür, dass er wünschenswert wäre.

Dass ihr Glaube ihnen guttut, werden wohl alle Religiösen aussagen, und auch Aussteiger, die heute bezeugen, dass ihnen ihr Glaube alles andere als nur gut getan hat, sagten das früher aus. Es mag in gewisser Hinsicht auch stimmen, aber wir müssen uns das Gesamtbild anschauen, um zu einem vernünftigen Urteil zu gelangen.

Religiöser Glaube beinhaltet zahlreiche Gefahren. Auf der intellektuellen Seite legitimiert der Glaube fehlerhaftes Denken. Er lehrt, dass es gut und richtig sei, Dinge ohne guten Grund zu glauben, unhinterfragt Autoritäten zu glauben und zu gehorchen, subjektiv gedeutete persönliche Erfahrungen und Emotionen über belegte Fakten zu stellen etc. Das behindert die Fähigkeit, rationale Entscheidungen zu treffen und die besten Problemlösungsstrategien zu verwenden, verwehrt einem wertvolle Erkenntnisse und öffnet jedem Unsinn und jeder Unmoral Tür und Tor. Auf der emotionalen Seite beinhaltet die Bibel zahllose Aussagen, die unsägliche Schuldgefühle und Angst hervorrufen und über die Jahrhunderte einen riesigen Berg zerrütteter Seelen hinterlassen haben.

Nun könnte eingewandt werden, dass nicht alle Gläubigen das aus ihren Schriften herauslesen. Das ändert aber nichts daran, dass diese Dinge entweder die richtige Interpretation der "heiligen" Schriften oder zumindest eine plausible, theologisch vertretbare Interpretation davon sind (ich liefere gern Bibelstellen), und in beiden Fällen gehört die Schrift dafür kritisiert.

Es ist inzwischen erwiesen, dass Menschen keinen Glauben brauchen, um glücklich zu sein, und dass es mit Glauben allein niemandem besser geht. Die glücklichsten Länder der Welt sind laut Studien einige der ungläubigsten Länder überhaupt (Skandinavien). Die Dinge, die Gläubigen wirklich guttun, sind Dinge, die mit der Religion oft einhergehen, die aber auch ohne Religion problemlos möglich sind - in erster Linie ein gutes soziales Netz.

Das Leben lässt sich faktisch auch ohne das Religionsplacebo gut bewältigen, und das ist auch besser so, denn dieses Placebo kann haufenweise schlechte Nebenwirkungen haben. 

#29: «Über einen Gott können wir beschränkten Menschen nicht urteilen, also ist es Unfug, ihn ethisch zu kritisieren.»


Wer den Gott, von dem die Bibel spricht, als gut bezeichnet – was Vorbringende dieses Arguments in aller Regel tun –, beurteilt ihn und ist also sehr wohl der Ansicht, dass er beurteilbar ist. Wenn wir diese Gottesvorstellung nicht beurteilen könnten, könnten wir sie auch nicht als gut beurteilen. Mit diesem Argument würde also nicht nur der Kritik, sondern auch der Anbetung Gottes die Grundlage entzogen.

Natürlich könnten wir diesen Gott, falls es ihn gäbe, beurteilen. Und natürlich müssen wir das anhand menschlicher Massstäbe tun - niemand kann Lob dafür erwarten, Menschen z.B. nach den Massstäben für die richtige Behandlung von Hunden zu behandeln. Wer uns Leid zufügt, ist für uns ein negativer Einfluss, eine Gefahr. Wenn es Gott gibt, dann lässt er unsäglich viel Leid zu bzw. verursacht dieses bewusst. Sollte das kritisiert werden oder könnte es dafür eine entschuldigende Begründung geben?

Jede Entschuldigung, die wir bei Menschen für das Erzeugen von Leid akzeptieren, basiert auf der menschlichen Unzulänglichkeit: Wir verzeihen Menschen, weil wir wissen, dass ihr Wissen beschränkt ist und ihr Wille von unzähligen Faktoren beeinflusst wird und weil Menschen oft zwischen mehreren Übeln entscheiden müssen, um ein Ziel zu erreichen. Für Gott gilt nichts davon. Gott ist definiert als allmächtig und allwissend, was bedeutet, dass er zu nichts gezwungen und völlig uneingeschränkt wäre. Es folgt also logisch, dass keine Entschuldigung für Gott möglich wäre und die christliche Gottesvorstellung auf jeden Fall ethisch kritisiert werden muss.

#30: «Gott ist trotz des Leides in der Welt gut, denn er lässt das Leid zu, um uns Dinge beizubringen und unser Leben in die richtige Richtung zu lenken.»


Hier stellen sich einige Fragen:

1. Warum schafft Gott uns ohne das Wissen, das er uns da unbedingt beibringen will, und riskiert mit  seiner merkwürdigen Methode, dass wir es nicht lernen?

2. Hat ein allmächtiger Gott keine besseren, ethischeren Methoden, Ziele zu erreichen und jemandem etwas beizubringen?

3. Gott lässt also zu, dass das Leben hart ist, damit wir dazulernen können. Nun stellt sich die Frage, warum wir denn dazulernen müssen. Die Antwort: Weil das Leben hart ist. Das bedeutet zusammengefasst: Gott lässt zu, dass das Leben hart ist, weil das Leben hart ist. Das ist ein Zirkelschluss, genau wie "Gott gibt uns Karies, damit wir uns die Zähne putzen, und die Zähne müssen wir uns putzen, weil es Karies gibt."

#31: «Gott ist trotz des Leides in der Welt gut, denn wir Menschen allein tragen die Verantwortung dafür.»


Dieses Argument ignoriert zunächst einmal alles Leid, das nicht menschengemacht, sondern in der Welt angelegt ist, darunter Krankheiten, Naturkatastrophen, grosse Teile des Leides in der Tierwelt etc.  Ist dieses Leid die Folge des “Sündenfalls", so werden alle Menschen und Tiere für die Entscheidungen zweier Einzelpersonen bestraft und können ebenso nichts dafür.

Zudem: Gott ist definiert als allmächtig und allwissend, was bedeutet, dass er bei der Erschaffung jedes Menschen wüsste, was dieser Mensch auf der Erde tun würde. Das bedeutet, er entschiede sich mit der Erschaffung jedes Menschen dafür, dass die Vorhaben dieses Menschen Wirklichkeit werden. Ein allmächtiger, allwissender Gott hätte etwa Hitler erschaffen, vorhergesehen, was dieser auf der Erde tun würde, und ihn dann in Kenntnis dessen auf die Erde geschickt und so bewusst und mit voller Absicht den Holocaust ausgelöst.

Zudem ist Gott ja eben definiert als allwissend, allmächtig und allgegenwärtig. Ein solcher Gott stünde gewissermassen bei jeder unmoralischen Tat auf der Erde daneben, mit dem Wissen darum, was gleich geschehen wird, und den Fähigkeiten, es ohne Probleme zu verhindern. Wenn es einen allmächtigen, allgütigen, allwissenden, allgegenwärtigen Gott gäbe, so könnte nichts ohne seine Einwilligung geschehen. Somit wäre so ein Gott für alles Leid direkt verantwortlich bzw. mitverantwortlich.

Und wenn er will, dass wir uns selbst darum kümmern, das Leid abzuschaffen, dann ist er so besorgt um unser Wohlergehen, wie ein Chefchirurg, der sein Krankenhaus einer Bande von Kindergartenkindern überlässt, sich um seine Patienten sorgt.

#32: «Gott ist trotz des Leides in der Welt gut, denn er ist moralisch verpflichtet, uns den freien Willen zu gewähren.»


Dieses Argument nimmt an, dass es unmoralisch wäre, wenn Gott es einem Menschen verunmöglichen würde, seinen Willen uneingeschränkt in die Tat umzusetzen.

Hierbei wird zunächst ignoriert, dass jeder Mensch manche Dinge nicht tun kann, die er tun will, z.B. fliegen. Dieser Gott hätte es uns also bereits verunmöglicht, unseren Willen uneingeschränkt in die Tat umzusetzen. Zudem ist ein solcher freier Wille für alle gar nicht möglich, weil sich die Wünsche verschiedener Menschen widersprechen können. Wenn Gräueltaten passieren, gewährt dieser Gott nur den Tätern ihren Wunsch, während er denjenigen der Opfer übergeht. Der Vorbringende dieses Arguments verteidigt dies als moralisch richtig und will also keine generelle Entscheidungsfreiheit für alle, sondern nur uneingeschränkte Handlungsfreiheit für Übeltäter.

Nicht vergessen: Wir gehen dazwischen, wenn unsere Kinder einander in die Haare geraten, und haben die Polizei und Sicherheitsdienste ins Leben gerufen, deren Aufgabe es unter anderem ist, unmoralische Taten zu verhindern. Dies zeigt, dass wir der Meinung sind, dass es genau anders herum ist, als dieses Argument es behauptet: Jemanden daran zu hindern, eine unmoralische Tat zu begehen, ist nicht unmoralisch, sondern löblich. 

#33: «Die Bibel enthält erfüllte Prophezeiungen.»


Es gibt viele Bücher und Menschen, die angeblich eingetroffene Prophezeiungen gemacht haben. Wäre das der Fall, so bedeutete es nur eines: Da hat jemand die Zukunft richtig vorhergesagt. Es würde nicht bedeuten, dass wir wüssten, woher der Prophezeiende sein Wissen hatte, und es würde auch nicht bedeuten, dass jede andere Aussage dieses Buches/Individuums wahr ist.

Wenn es um angebliche göttliche Prophezeiungen geht, sollte man zuerst sicherstellen, dass es sich bei der behaupteten Prophezeiung überhaupt um eine Vorhersage handelt. Irgendwelche Passagen aus dem alten Testament, in denen ein Ereignis geschildert wird, sind keine Vorhersagen (fragen Sie dazu einen schriftkundigen Juden). In einem nächsten Schritt muss man sicherstellen, dass die Prophezeiung vor dem Ereignis gemacht wurde, das sie angeblich prophezeite.

Anschliessend muss verifiziert werden, dass die Erfüllung der Prophezeiung als gesichert gilt und nicht erfunden werden konnte – für die Autoren der Evangelien etwa war es kein Problem, ihre Geschichten so zu verfassen, dass sie zu den angeblichen Prophezeiungen aus dem AT passten. Die Prophezeiung muss so spezifisch sein, dass sie nur durch ein einziges ganz spezifisches Ereignis erfüllt werden kann – zu sagen, dass es irgendwann irgendwo einmal Naturkatastrophen und Krieg geben werde, bedarf keines göttlichen Wissens. Sie darf nichts Alltägliches vorhersagen – wenn ich in einer Gegend, in der ständig Kriege geführt werden, prophezeie, dass eine Stadt irgendwann einmal zerstört werden wird, ist das wahrlich nichts Göttliches.

Zudem darf eine Prophezeiung nichts vorhersagen, das Menschen hören und dann aktiv herbeiführen können. Wenn man einem Volk prophezeit, dass es irgendwann seinen eigenen Staat haben wird, und sich das dann irgendwann eines Tages erfüllt, dann ist das so spektakulär, wie wenn ich prophezeie, dass ich heute ein Steak essen werde, und mir dann im Restaurant eines bestelle.

Keine einzige biblische Prophezeiung erfüllt all diese Bedingungen. Und zum Schluss darf ein Buch, das von einem allmächtigen, allwissenden Gott stammt, keine einzige falsche Vorhersage enthalten. Die Bibel enthält aber mehrere davon: Zum Beispiel stellten sich den Israeliten auf dem Weg ins verheissene Land Gottes Vorhersage entgegen andere Völker in den Weg, die Stadt Tyrus wurde wieder aufgebaut, Ägypten war nie 40 Jahre lang unbewohnt, der Nil trocknete nie aus, und Jesus kam nicht zu Lebzeiten seiner Jünger zurück. 

#34: «Die Bibel sagt, es habe 500 Zeugen für die Auferstehung gegeben.»


Paulus behauptete laut Bibel etwa 20 Jahre nach der angeblichen Auferstehung einer christlichen Korinthergemeinde gegenüber, Jesus sei «mehr als 500 Brüdern erschienen». Mehr als eine Behauptung ist das nicht, denn es liegt kein einziges dieser Zeugnisse vor. Zudem waren die angeschriebenen Korinther ja bereits gläubig und nicht skeptisch. Zur damaligen Zeit waren die allermeisten Leute sowieso grundsätzlich nicht besonders skeptisch, sondern enorm ignorant und abergläubisch. Und selbst wenn jemand Paulus’ Behauptung hätte überprüfen wollen: Damals gab es keine Zeitungen, keine Telefone, kein Internet, keine Flugzeuge, Züge oder Autos. Die Person hätte eine lange, beschwerliche Reise auf sich nehmen und in der ganzen Gegend herumfragen müssen.

Und was hätte sie dann eventuell angetroffen? Ein paar Leute, die dasselbe behaupten, das Paulus behauptet. Was beweist es, wenn jemand etwas behauptet? Im Buch Mormon gibt es eine Liste mit namentlich erwähnten Zeugen, die schwören, die goldenen Tafeln gesehen zu haben, die Joseph Smith von einem Engel erhielt. So einige Leute behaupten, sie seien von Aliens entführt worden. Für die übermenschlichen Kräfte des Gurus Sathya Sai Baba gab es tausende Zeugen. Nimmt man diesen Massstab, verliert man vor lauter glaubwürdigen Behauptungen den Verstand.

Und wenn die Person, die Paulus’ Behauptungen überprüfen wollte, keinen einzigen Zeugen gefunden hätte, hätte das ihren Glauben auch nicht zwingend beeinträchtigt. Kurzum: Man kann nicht davon ausgehen, dass Paulus diese Behauptung nur aufstellen und damit durchkommen konnte, wenn das Christentum wahr ist. 

#35: «Die Jünger sind für ihren Glauben gestorben, das hätten sie niemals getan, wenn sie nicht gewusst hätten, dass Jesus auferstanden war.»


Es gibt kaum verlässliche Aufzeichnungen dazu, wie die Jünger starben, geschweige denn Aufzeichnungen, die belegen, dass sie die Chance hatten, durch einen Widerruf ihrer Aussagen dem Tod zu entrinnen. Abgesehen davon wird hier ein falsches Dilemma benutzt: «Entweder sagten die Jünger die Wahrheit, oder sie hatten alles erfunden, und für etwas Erfundenes würde ja niemand sterben.» Es wird die Möglichkeit ausgeklammert, dass sie sich einfach getäuscht haben könnten, dass sie ehrlich glaubten, Jesus sei auferstanden, weil ihre Wahrnehmung sie in die Irre geführt hatte, weil das Grab aus unerfindlichen Gründen leer war... Wir wissen es nicht. Selbst in unseren Zeiten bei Elvis Presley oder Tupac dauerte es nicht lange, bis nach deren Tod Gerüchte kursierten, die besagten, sie seien noch/wieder am Leben.

Grundsätzlich gilt: Bereitschaft, für eine Überzeugung in den Tod zu gehen, beweist nichts, denn Menschen sind für etliche Behauptungen zu Märtyrern geworden – islamistische Selbstmordattentäter sind nur ein Beispiel. Es zeigt nur, dass da jemand wirklich sehr überzeugt ist, nicht, dass seine Überzeugung zwangsweise auf Fakten basiert. 

#36: «Wenn man annimmt, dass keine schöpferische Kraft hinter dem Universum steckt, dann sind das Gehirn und seine Prozesse also letztlich Zufallsprodukte. Das Denken basiert dann auf Zufall und ist damit nicht vertrauenswürdig. Das würde bedeuten, dass man den Argumenten für den Atheismus nicht vertrauen kann. Es ist, als würde man erwarten, dass verschüttete Milch zufällig eine korrekte Karte von London abbildet.»


Dies ist das sogenannte "Argument from Spilled Milk" von C.S. Lewis, ähnlich dem evolutionären Argument gegen den Naturalismus von A. Plantinga, das argumentiert, das Denken basiere auf evolutionärem Nutzen. Beide Versionen scheitern bereits daran, dass man auch andere Kräfte als den christlichen Gott oder Götter im Allgemeinen annehmen könnte, die das angebliche Problem lösen würden.

Doch vor allem ist klar: Wissenschaft und Philosophie haben über die Jahrhunderte empirisch nachgewiesen, dass sie die Realität korrekt beschreiben können. 

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

Mir hat noch nie jemand so aus der Seele(existiert so etwas überhaupt?) gesprochen. Vielen Dank