Dienstag, 1. Januar 2019

60: 3 Tipps für produktive Diskussionen

Beginnen wir das neue Jahr mit ein paar guten Vorsätzen!

Ich sage es immer und immer wieder: Es ist enorm wichtig, zu wissen, was wahr ist und was nicht. Es fällt uns meist sehr schwer, die Fehler in unseren eigenen Ansichten zu erkennen - bei anderen geht das viel leichter. Deswegen brauchen wir Diskussionen, in denen wir miteinander über unsere Ansichten reden. Es kommt oft zu Diskussionen, aber die sind oft sehr, sehr unproduktiv und sogar kontraproduktiv. Produktive Diskussionen - also Diskussionen, in denen alle Beteiligten sich möglichst weit vom Falschen entfernen und dem Wahren annähern - sind aber sehr wichtig. Nach über 20 Jahren als Christ und 3 Jahren als Religionskritiker, der in diesen drei Jahren fast täglich in Diskussionen verwickelt war, möchte ich deshalb ein paar Anregungen dazu auflisten, wie man als Atheist die Chance auf produktive Diskussionen über Religion maximieren kann.

1. Je nach Setting aktive oder passive Rolle wählen

Was meine ich mit der aktiven und der passiven Rolle?

In der aktiven Rolle bringt man Argumente und Gegenargumente vor. Diese Vorgehensweise bewirkt aufgrund des Backfire-Effekts meist wenig bis gar nichts beim direkten Gesprächspartner, kann aber bei Zuschauern etwas bewirken. Studien haben gezeigt: Menschen, die direkt mit Fakten konfrontiert werden, die ihren Ansichten widersprechen, wechseln für gewöhnlich sofort in den Verteidigungsmodus, die Offenheit nimmt massiv ab und die eigenen Überzeugungen werden umso standhafter proklamiert. Doch wenn man nur dabei zusieht, wie jemand mit Fakten konfrontiert wird, die der eigenen Überzeugung widersprechen, ist man nicht der subjektiv empfundenen Gefahr ausgesetzt, sein Gesicht zu verlieren, und kann deswegen viel offener darüber nachdenken. 

Wenn man vor Publikum (Social Media-Kommentarspalte, öffentliche Debatte o.ä.) mit einer Person diskutiert, geht es um viel mehr Leute als nur den Diskussionspartner. Oft ist der Diskussionspartner sowieso besonders wenig offen, wenn er sich aktiv um eine öffentliche Diskussion bemüht bzw. diese ausgelöst hat, also seinen Glauben aktiv verteidigen will. Dann lohnt es sich, primär an das Publikum zu denken, das zusieht, ohne die Angst, sein Gesicht zu verlieren. So sagte einmal Matt Dillahunty: "Manchmal weiss ich praktisch ohne Zweifel, dass nichts, was ich sage, am Glauben meines Gesprächspartners etwas ändern wird. Ich tue es nicht diesen Leuten zuliebe, ich tue es für diejenigen da draussen, die zusehen und hin- und hergerissen oder verunsichert sind, diejenigen, die offener sind für Vernunft und Argumente."

In der passiven Rolle stellt man nur Fragen. In Anlehnung an die sokratische Methode und das moderne Konzept der Street Epistemology stellt man Fragen zu den Aussagen seines Gegenübers, die es diplomatisch und unaufgeregt dazu bringen, die Standfestigkeit seiner Überzeugungen zu überprüfen. "Warum glaubst du das? Woher weisst du das? Wenn du diesen Grund nicht zur Verfügung hättest, würdest du dann immer noch glauben? Wenn man mit dieser Begründung auch unzählige andere Dinge begründen kann, ist das dann eine gute Begründung?" Diese Methode hat riesiges Potential, da sie gar nicht zu einer Diskussion im eigentlichen Sinne führt. Stattdessen erklärt eine Person der anderen, warum sie glaubt, was sie glaubt, und führt sich unter Anleitung selbst vor Augen, wie glaubwürdig ihre Überzeugungen sind. Es ergibt sich kein 1 gegen 1-Szenario, sondern man tritt dem Gläubigen als interessierter Gesprächspartner gegenüber und tut nichts, was als böswillige Attacke gewertet werden könnte (auch wenn man das natürlich nicht ganz ausschliessen kann). 

Diese Methode empfiehlt sich sehr für Gespräche unter vier Augen. Sie bringt Leute so effektiv wie nichts anderes weg vom Falschen und hin zum Wahren, ohne dass Porzellan zerschlagen wird, wie die vielen Street Epistemology-Videos bei YouTube zeigen. Die Methode verlangt etwas Übung, ist aber sehr schnell erlernt, und das bisschen Aufwand lohnt sich enorm. Es reicht eigentlich, sich immer wieder Videos von Gesprächen anzusehen. Zusätzlich ist das Buch "A Manual for Creating Atheists" von SE-Begründer Peter Boghossian empfehlenswert.

Natürlich ist diese Einteilung nicht in Stein gemeisselt. Auch ich wechsle manchmal zwischen den Ansätzen hin und her, gehe in einer Kommentarspalte auch mal in die passive Rolle oder nehme die aktive Rolle in Gesprächen unter vier Augen ein. Mit der Erfahrung wird man besser darin, einzuschätzen, was in einer spezifischen Situation am produktivsten sein könnte.

2. Sachlich, ruhig und niveauvoll bleiben

Es gibt kaum etwas, das die Chance auf eine produktive Diskussion schneller vernichtet als Unsachlichkeit, wutentbrannte Äusserungen, schlechte Argumente und billige Plattitüden. Natürlich ist es völlig verständlich, dass Frust und Wut und die Lust auf's Auslachen hochkommen, wenn manche Gläubigen in der Öffentlichkeit neue Rekorde in Sachen Irrationalität und verzerrte Moral aufstellen. Aber wer den wütenden, respektlosen Atheisten gibt, hat für gewöhnlich von Beginn weg verloren. Man erfüllt damit genau das Klischeebild, das viele Gläubige von Atheisten haben, und das ermöglicht es ihnen, einen ohne Umschweife abzustempeln und einem nicht weiter zuzuhören. Und sie stempeln dabei nicht nur eine Einzelperson ab, sondern auch den Atheismus an sich. 

Man sollte in dieser Hinsicht vorleben, was man von anderen erwartet. Wer nichts von "verbitterten, engstirnigen Atheisten" hören will, der sollte auch nicht von "geisteskranken Religioten" reden. Wer sachlich und ruhig vorgeht, bietet so gut wie keine Angriffsfläche, sodass der Fokus da bleibt, wo er hingehört - auf den fragwürdigen Behauptungen des Theismus.

"Je grösser der Dachschaden, desto schöner der Ausblick zum Himmel!" "Religion ist Opium für das Volk!" "Glauben heisst nicht wissen!" "Selig sind die geistig Armen!" "Es gibt keinen Gott, fertig aus!" Es kursieren unzählige billige Sprüche und Pseudoargumente für Atheismus im Netz. Und wenn man die gegenüber Gläubigen benutzt, dann impft man sie gegen Atheismus. Die Forschung hat gezeigt, dass Leute fester in ihren Überzeugungen verankert werden, wenn sie mit einer kleinen Dosis schwacher Argumente der Gegenseite konfrontiert werden. Denn dann denken sie, sie hätten nicht nur ihre eigenen Überzeugungen begründet, sondern auch das Beste von der Gegenseite gesehen und mit Leichtigkeit entkräftet.

Wer produktive Diskussionen möchte, sollte sich möglichst auf das wirklich Beste vom Besten beschränken. Tun Sie nichts, was Sie dazu bringen würde, die Gegenseite sofort nicht mehr ernst zu nehmen, wenn sie sich so verhielte. Wenn Sie produktivere Diskussionen erreichen möchten, dann informieren Sie sich über Denkfehler und Skeptizismus, über Apologetik und ihre Widerlegung und gucken Sie viel Street Epistemology und The Atheist Experience (viel Inspiration gibt's hier). Achten Sie darauf, dass Ihre Haltungen konsistent sind, und konzentrieren Sie sich mehr auf Überzeugungen als auf Menschen. Dann wird Ihnen mehr und mehr klar werden, welche Aussagen Gläubige wirklich zum Nachdenken bringen können und welche dafür zu unreflektiert, zu platt oder schlicht zu falsch sind.

3. Sich möglichst keine Beweislast aufbürden

Im Zentrum einer produktiven Diskussion über den Glauben an Gott sollte der Glaube an Gott stehen. Weil der extrem schwer zu verteidigen ist, passiert es leicht, dass vom Thema abgelenkt wird. Aber oft lenken Atheisten selbst vom Thema ab und setzen sich auf den heissen Stuhl, der eigentlich dem Gläubigen zustünde. Das passiert, wenn man selbst positive Behauptungen aufstellt, die Beweise verlangen: "Es gibt keinen Gott", "Jesus hat nie existiert", "Die Bibel ist nichts als Unsinn" - und auch das Pochen auf die Evolution gehört dazu. Manche dieser Dinge sollte man nicht sagen, weil sie kaum zu beweisen sind, andere lassen sich gut beweisen, aber völlig unabhängig davon gilt: Wenn man produktiv über den Glauben diskutieren möchte, sollte der Glaube immer im Zentrum der Diskussion bleiben.

Bürden Sie sich keine Beweislast auf, das müssen Sie als Atheist nicht. George Smith schrieb: "Die Kritik des Theismus ist die Verteidigung des Atheismus. Atheismus ist nicht das Fehlen eines Glaubens an Gott plus gewissen positive Ansichten, Atheismus ist das Fehlen eines Glaubens an Gott. Können wir zeigen, dass der Theismus durch nichts gestützt wird, dass er falsch oder unsinnig ist, dann haben wir zugleich die Berechtigung des Atheismus begründet." Lassen Sie die Gläubigen ihre Behauptungen verteidigen, sonst wird die Diskussion unproduktiv. Versuchen Sie nicht, zu beweisen, dass keine Götter existieren. Fragen Sie stattdessen, ob eine Behauptung allein deshalb glaubwürdig ist, weil sie nicht endgültig widerlegt ist, und illustrieren Sie Ihre Aussage mit Beispielen. Lassen Sie die Evolution beiseite. Ob die Schöpfung eine glaubwürdige Erklärung ist, ist nicht davon abhängig, ob die Evolutionstheorie stimmt oder nicht. Wenn Sie etwas nicht erklären oder beweisen können, wird nicht automatisch der Theismus korrekt.

Ersparen Sie sich also den heissen Stuhl und nutzen Sie die vorhandene Zeit sinnvoll, indem Sie über die Plausibilität der theistischen Behauptungen diskutieren. Das ist wesentlich erfolgsversprechender, als krampfhaft zu versuchen, das Gegenteil der Behauptungen zu beweisen. Sie sind als Atheist keinen Glaubenssätzen verpflichtet und können jederzeit "Das weiss ich nicht" sagen. Und so können Sie Ihrem Gegenüber gleichzeitig implizit einiges über rationales Denken, einen gesunden Skeptizismus und intellektuelle Redlichkeit beibringen, ohne allzu militant zu wirken.

Fazit

Was ist Ihr Ziel, wenn Sie sich kritisch über den Theismus äussern? Wollen Sie provozieren, sich über andere erheben, sich amüsieren? Mein Ziel ist es, Menschen näher an Rationalität und Humanismus zu bringen und dabei selber dazuzulernen. Formate wie Street Epistemology und The Atheist Experience erzielen viele Erfolge, und ein Erfolg ist nicht nur, wenn ein Gläubiger zum Atheisten wird. Alles, was einen Gläubigen ein wenig vernünftiger macht, ist ein Erfolg. Man weiss nie, was man bewirkt. Niemand wird seine Meinungen von einem Moment zum anderen von Grund auf verändern. Aber man kann immer kleine Schritte begünstigen und Samen des Zweifels säen, die über Monate und Jahre vielleicht viel Gutes bewirken.

Letztlich sind produktive Diskussionen gut für uns alle. "Das Ziel des Diskutierens sollte nicht der Sieg, sondern der Fortschritt sein", sagte Joseph Joubert. Produktive Diskussionen bringen uns alle näher zur Wahrheit, und das ist meiner Ansicht nach ein wahrlich ehrenhaftes Ziel. Ich möchte so viele wahre Dinge und so wenige falsche Dinge wie möglich glauben, und ich möchte anderen möglichst effektiv dabei helfen, diesem Ziel ebenfalls näherzukommen, und dabei selbst von ihnen Hilfe erhalten. Sie auch? Bei Fragen stehe ich gerne zur Verfügung :)

Ein frohes Neues!

-Ihr Scrutator

Mittwoch, 19. Dezember 2018

59: Jesus vs. Luke Skywalker - Wäre das Christentum austauschbar gewesen?

Wer bei diesem Titel Fanfiction erwartet hat, in der der Gottessohn gegen den Helden der Rebellion kämpft, wird leider enttäuscht (würde ich aber mit Interesse lesen, wenn's jemand schreiben will!). Es geht um eine andere Frage, die aber ebenfalls enorm spannend ist: Hätte nicht jede andere Ideologie den gleichen Erfolg haben können wie das Christentum?

Der Grund dafür, dass ich mich mit dieser Frage beschäftige: Aktuell darf ich das neue Buch von Joachim Sohn für den Alibri-Verlag lesen und rezensieren. Der fetzige Titel: "Wie ich Jesus Star Wars zeigte". Sohns Protagonist Florian Schneider möchte in dem Buch zeigen, dass die Behauptungen des Christentums erfunden sind, indem er in der Zeit zurückreist und Jesus zum Krieg der Sterne-Freak macht. So soll in der neuen Geschichte das Star Wars-Universum die Kultur dominieren und unzähligen Menschen als wahre Geschichte vorkommen. Was im Buch darauf passiert, werde ich hier natürlich nicht verraten. Überlegen wir einmal unabhängig davon: Ist das Christentum so austauschbar? Hätte jede Weltanschauung die Chance auf einen vergleichbaren Siegeszug wie das Christentum gehabt?

Teilweise ja...

Fundamental wichtig für den Erfolg des Christentums war die politische Dimension. Am 27. Februar 380 ernannte Kaiser Theodosius I. das Christentum zur römischen Staatsreligion. Dadurch wurde der Kult von einer absurden Weltuntergangssekte mit wenigen Anhängern, wie es immer schon unzählige gab, zu einer unvergleichlichen Macht, die all ihre Mitbewerber und Gegner gewaltsam unterdrückte und niederstreckte, die Kultur und Ethik Europas zutiefst vereinnahmte und zur absoluten Norm wurde. Es war nicht so, dass ein paar wenige Christen nach Rom kamen und durch deren Wirken bald immer mehr und mehr Leute erstaunt anerkannten, dass diese Religion der Wahrheit entsprach.

Solange das Christentum die Macht Roms nicht auf seiner Seite hatte, war es genau so erfolglos wie so ziemlich jede andere Sekte seiner Zeit (siehe hierzu auch Blogeintrag #57). Man hätte jede Religion zur Staatsreligion machen und ihr so riesige Macht verleihen können. Doch ob das wirklich gereicht hätte, um jeder beliebigen Religion zu einem so beispiellosen Erfolg wie dem des Christentums zu verhelfen, ist dennoch zu bezweifeln.

...aber in vielerlei Hinsicht auch nicht

Die politischen Instrumente hätten also jeder Religion helfen können und hätten auch der Jedi-Religion bestimmt zu einigem Erfolg verholfen, wäre sie zu jener Zeit gepredigt worden. Doch der Erfolg des Christentums ist allein damit nicht ausreichend zu erklären. Es hat sich im "Survival of the fittest" unter den Religionen auch aufgrund einiger Eigenschaften durchgesetzt und so lange gehalten, die andere Religionen nicht oder nicht im gleichen Umfang besitzen und die seinen Erfolg enorm begünstigt haben. Andere Religionen wären mit der politischen Unterstützung nicht so weit gekommen wie das Christentum. Und das liegt meiner Ansicht nach primär an folgenden Gründen:

1. Ein kritikimmuner Gott
Der Gott der Bibel ist kein Troll, der im Wald umherhüpft, kein Wassergeist in einem See, kein
primitiver Regenmacher auf einer Wolke, kein Monster auf einem Berggipfel. Er ist unsichtbar, unerfassbar, überall und doch nirgends. Er wird als komplett unwiderlegbar definiert, sodass kein neues Wissen über die Welt einen Gläubigen dazu bringen könnte, ihn als widerlegt anzusehen.

Um den christlichen Gott vor Kritik zu schützen, hat man zudem einige weitere hocheffektive Barrieren errichtet. In der Bibel wird die Vernunft des Menschen als höchst beschränkt und fehleranfällig bezeichnet. Gott und sein Handeln stehen ihr zufolge so weit über dem menschlichen Intellekt, dass der Mensch niemals darüber urteilen kann. Wenn irgendetwas merkwürdig oder sogar komplett bekloppt und unlogisch erscheint, dann erscheint es halt dem beschränkten Menschen so, aber in Wahrheit ist das alles stimmig und gut, nur halt auf eine Weise, die der beschränkte Mensch nicht verstehen kann. Es wird als Tugend angepriesen, ohne Belege und sogar trotz Gegenbelegen zu glauben und zu gehorchen.

Heute wird nahezu jeder bekannte Denkfehler zur Verteidigung des Christentums eingesetzt. Praktisch alle Fehler, die Menschen im Denken immer wieder machen, begünstigen das Christentum: Popularitätsargumente, Traditionsargumente, Autoritätsargumente, cum hoc ergo proter hoc, das Verschieben der Beweislast, falsche Dilemmata, der Auswahlfehler, der Bestätigungsfehler, Ignoranzargumente, emotionale Argumente, das Überschätzen persönlicher Erfahrungen etc. etc.

2. Ein eingreifender Gott
Obwohl Gott als Wesen im Christentum sehr abwesend ist, ist er durch sein Wirken ständig sehr präsent. Das Leben ist eine Reise mit Gott, man führt eine enge Beziehung mit ihm, man kann immer zu ihm sprechen. Das Christentum verbindet sich auf diese Weise eng mit dem Alltag des Gläubigen. Die Götter anderer Religionen sind für den Alltag der Menschen oft nicht vergleichbar von Relevanz. Das Christentum vereinnahmt den Alltag des Gläubigen enorm und sorgt so dafür, dass diesem die Religion immer wichtig bleibt.

Ein weiterer zentraler Punkt hierbei ist: Nahezu jeder glückliche Zufall im Leben wird zum Beweis für Gott, da Gott ja einen Plan für einen hat, selbst in den banalsten Alltagssituationen bei einem ist, einen unterstützt und mit einem "redet". Ständig hat der Gläubige das Gefühl, Beweise für die Existenz und Güte seines Gottes zu erhalten - ganz besonders, wenn er vorher dafür gebetet hat. Das ist ein hervorragender Mechanismus, der den Glauben und die Wertschätzung des Gläubigen laufend stärkt und aufrechterhält.

3. Emotionale Geiselnahme
Das Christentum begnügt sich nicht damit, den Status einer Mythologie zu haben, in der die Götter eine Art Sitcom-Familie sind, deren Geschichten man sich erzählt, wie etwa in der griechischen oder nordischen Mythologie. Das Christentum stürzt sich direkt ins Leben der Menschen, in ihr tiefstes Inneres. Es packt sich den Menschen und sagt ihm: "Ich weiss, du hast Selbstzweifel. Ich weiss, du hast Schuldgefühle. Du hast Recht, du bist alles andere als perfekt, und die Welt ist es auch nicht. Aber es gibt da einen, der ist perfekt. Und der liebt dich mehr, als ein Mensch es je könnte. Du brauchst keine Angst vor dem Tod zu haben und musst dich nicht mit dem schwierigen Leben auf der Erde zufriedengeben. Denn dein Schicksal ist das Paradies - ewige Freude, maximale Gerechtigkeit."

Das Christentum packt die allermeisten Menschen an ihren wundesten Punkten, an ihren Selbstzweifeln und Ängsten. Wer hat das nicht? Es sagt dem Menschen, dass Gott eine unersetzliche Quelle von Liebe, Hoffnung und Moral sei, ohne die kein Mensch wirklich leben könne. Es gibt ihm "Antworten" auf seine drängendsten Fragen. Es verspricht ihm maximales Glück über maximale Zeit (Paradies) und droht ihm gleichzeitig mit maximalem Leid über maximale Zeit (Hölle). Dadurch gewinnt das Christentum Menschen, die in Lebenskrisen stecken, und bindet die Gläubigen an sich wie kaum eine andere Ideologie. Es drängt darauf, zum wichtigsten Teil des Lebens seiner Anhänger zu werden, den die Anhänger unter gar keinen Umständen verlieren wollen. Das bringen viele andere Religionen kaum in vergleichbarem Ausmass mit.

4. Missionierung
Das Christentum verlangt mit Nachdruck, dass man es weitergibt, sowohl an seine Kinder als auch an alle anderen Menschen. Die ganze Welt soll die "Gute Nachricht" hören, und es geht dabei um mehr als Leben und Tod, wie Punkt 3 gezeigt hat. Die Menschen werden bis in die Haarspitzen dazu motiviert, andere zu Christen zu machen, und das hat massgeblich zur Verbreitung des Glaubens beigetragen. Religionen, die nicht auf Mission beharren, bleiben Randphänomene und sterben aus. Die Indoktrination von Kindern ist bis heute der Hauptgrund für den "Erfolg" des christlichen Glaubens, denn wenn man das Christentum als Kind seriös eingetrichtert bekommt, wird man es kaum wieder los.

5. Spirituelle Erfahrungen
Was Gläubige wie nichts anderes scheinbar in ihren Ansichten bestätigt, sind persönliche Erfahrungen. Fragen Sie einen Gläubigen, ob er noch gläubig wäre, wenn es keine Schöpfungsargumente, keine historischen Argumente, überhaupt keine logischen Argumente für Gott gäbe, und er wird dies in fast allen Fällen ohne zu zögern bejahen. Christen glauben, Gott erlebt zu haben, ihm begegnet zu sein - das überzeugt Menschen und macht sie gegen Argumente so resistent. Würden Sie Leuten Gehör schenken, die gegen die Existenz Ihres Grossvaters argumentieren? Wohl kaum, Sie kennen und lieben Ihren Grossvater ja, Sie waren in seiner Gegenwart, Sie sind ihm begegnet und er ist ein fester Teil Ihres Lebens! Und so real fühlt sich Gott auch für die meisten Christen an, und der Grund dafür sind Zufälle, die Gott zugeschrieben werden, und spirituelle Erfahrungen, die teils unfassbar intensive Emotionen auslösen und als Begegnungen mit Gott gedeutet werden.

Um die glücklichen Zufälle ging es bereits bei Punkt 2. Nun fehlen noch die spirituellen Erlebnisse. Dabei geht es um überwältigende Gefühle von Glück, Erleichterung, Euphorie und Verbundenheit mit etwas Grösserem. Damit es dazu kommt, braucht es bestimmte soziologische und psychologische Prozesse. Das Christentum hat hervorragende Wege gefunden, spirituelle Erlebnisse hervorzurufen. Es führt dem Menschen seine Fehlerhaftigkeit und scheinbare Hoffnungslosigkeit vor Augen und überschüttet ihn dann mit Liebe und scheinbarer Hoffnung. Es bindet Menschen in Gemeinschaften ein, in denen sich mächtige Gruppendynamiken bilden, es bringt sie mit Musik und Meditation (Gebet) und dem Gedanken an eine allumfassende, allmächtige, unendlich liebende Vaterfigur dazu, teils überwältigende Gefühle zu empfinden oder sogar Spontanheilungen zu erleben. So denken Menschen, dass sie Gottes Präsenz spüren und sein Wirken sehen und sind fortan felsenfest von seiner Existenz überzeugt und gegenüber rationaler Argumentation nahezu komplett resistent.

Fazit

Wie wir sehen, gibt es viele Gründe für den Erfolg des Christentums, die im gemeinsamen Zusammenspiel eine enorme Wirkung entfalten. Die Religion bringt zahlreiche sehr erfolgsversprechende Eigenschaften mit, die anderen Religionen oft fehlen. Natürlich war die politische Dimension absolut entscheidend und ohne Kaiser Theodosius I. wäre das Christentum nie zu dem geworden, was es heute ist - aber der Kaiser allein hat den Erfolg nicht zu verantworten. Die Jedi-Religion müsste sich beim Christentum in vielerlei Hinsicht eine Scheibe abschneiden, wenn sie den gleichen Erfolg haben wollte: Sie müsste sich so gut wie möglich gegen Kritik immunisieren, sich eng in den Alltag der Gläubigen einbinden, ihre Anhänger mit Indoktrination, Versprechungen und Drohungen emotional als Geiseln nehmen, Missionierung fordern und einen Nährboden für spirituelle Erlebnisse schaffen. Wenn's dann noch mit der politischen Machtübernahme klappt, sieht's gut aus.

Dass auch andere die Mechanismen nutzen können, zeigen andere erfolgreiche Religionen - der Islam ist dem Christentum in vielerlei Hinsicht enorm ähnlich und entsprechend erfolgreich. Es wäre sehr interessant, zu sehen, wie sich all das anhand des Star Wars-Universums umsetzen liesse. Jedenfalls kann niemand beweisen, dass es Yoda nicht gibt, und wenn wir unseren Kindern mit Ernsthaftigkeit erzählen würden, dass die Macht in ihren Alltag eingreift, dann würden sie sie überall erkennen. Ich lese dann mal weiter und bin gespannt, wie Joachim Sohn die Sache in "Wie ich Jesus Star Wars zeigte" angeht. Meine Rezension wird bald bei Facebook zu lesen sein. Bis dahin wünsche ich eine frohe Wintersonnenwende!

-Ihr Scrutator

Freitag, 26. Januar 2018

58: Zehn Dinge, die mir Christen unabsichtlich über sich verraten (Übersetzung)

Ich will ja möglichst viel "original content" liefern, aber wenn jemand, wie Neil Carter in diesem Fall wieder einmal, in so treffenden Worten so ein wichtiges Thema abhandelt, gebe ich gerne auch anderen Autoren eine Plattform. Der Mann hinter Godless in Dixie beschreibt in diesem Blogeintrag das Phänomen, dass Christen Atheisten - besonders Ex-Christen - oft fälschlicherweise Dinge vorwerfen, die auf sie selbst zutreffen (Ansätze davon sind auch in seinem von mir untertitelten Vortrag vorhanden). Ich befand den Beitrag für absolut übersetzungswürdig - hier ist er nun in meiner deutschen Fassung!


Man kann ja von Sigmund Freud halten, was man will, aber seltsame Neurosen hin oder her – der Mann gelangte zu einigen brillanten Einsichten über menschliches Verhalten. Einer seiner grössten Beiträge zum Studium menschlichen Verhaltens war seine Beschreibung von Abwehrmechanismen, diesen skurrilen kleinen Dingen, die wir alle tun, um mit uns selbst besser klarzukommen. In letzter Zeit ist mir aufgefallen, dass besonders einer dieser Abwehrmechanismen, die Projektion, oft vorkommt, wenn Christen darüber sprechen, wie sie meinen Unglauben wahrnehmen. Wikipedia fasst das Konzept prägnant zusammen:

In der Psychoanalyse nach Sigmund Freud versteht man unter Projektion einen Abwehrmechanismus, bei dem eigene, unerwünschte Impulse z. B. im Sinne von Gefühlen und Wünschen einem anderen Menschen (oder Gegenstand) zugeschrieben werden. (de.wikipedia.org)

Ich würde damit zögern, hier mit dem Finger auf die Christen zu zeigen, wenn das nicht so erstaunlich oft vorkäme oder ich nicht bereits das Leben auf beiden Seiten dieser ideologischen Kluft kennen würde. Beides ist aber der Fall, und deswegen sind mir die folgenden Dinge regelrecht ins Auge gestochen und ich hatte das Bedürfnis, sie niederzuschreiben. Hier nun also…

Zehn Dinge, die Christen mir über mich sagen, die sich eigentlich um sie drehen

1. Deine Weltsicht ist egozentrisch und macht dich zum Mittelpunkt von allem. 
Das ist höchst ironisch, da tatsächlich das Gegenteil der Fall ist. Ich sehe mich als einen Organismus unter einer Unmenge von Organismen auf meinem Planeten, und mein Planet ist nur einer von – wieviel, Billionen? Nichttheisten wie ich sind weit davon entfernt, der Mittelpunkt des Universums zu sein – vielmehr stehen wir mit unserer Unbedeutsamkeit im riesigen Ganzen einer grösseren Herausforderung gegenüber. Vergleichen Sie das mit der Geschichte, die aussagt, eine einzige Person habe alles geschaffen, was es gibt, und diese Person interessiere sich enorm für die kleinsten Details deines Alltags. Sie höre alles, was du sagst (und denkst!) und orchestriere jedes Ereignis in deinem Leben, damit alles so läuft, wie es sollte. Ich denke nicht, dass etwas Egozentrischeres als das denkbar ist.

2. Du bist engstirnig und nicht gewillt, zuzugeben, dass du falsch liegen könntest. 
Das ist besonders ironisch, wenn es von jemandem kommt, der heute immer noch der selben Religion anhängt, in die er hineingeboren wurde. Im Gegensatz dazu habe ich ein Spektrum von Ansichten durchlaufen und mir schliesslich meinen Weg aus dem Glaubenssystem hinaus gebahnt, in das ich hineingeboren worden war, und ich hinterfrage täglich, was ich glaube. Ich habe ziemlich viel darüber nachgedacht, wie viele Dinge meine heutigen Ansichten ändern könnten, aber wenn die Christen gefragt werden, was ihre Meinung ändern würde, lautet die Antwort meistens «nichts».

3. Du sehnst dich nach absoluter Gewissheit und hältst die Wissenschaft für unfehlbar.
Zunächst einmal funktioniert Wissenschaft nicht so. Alles, was die Wissenschaft heute sagt, könnte morgen widerlegt werden – aber es wird durch bessere Wissenschaft ersetzt, nicht durch religiöse Dogmen. Die wissenschaftliche Methode kann den verzerrenden Einfluss persönlicher Voreingenommenheit stark reduzieren, aber nie vollständig beseitigen. Aber was diese Besessenheit von Gewissheit anbelangt… Ich habe oft gesagt, dass Gewissheit die Währung des Fundamentalismus ist. Ich sage das, weil mir aufgefallen ist, dass in den Kirchen diejenigen die meiste Autorität innehaben, die sich dessen, was sie glauben, am sichersten sind. Aus meiner Sicht ist es allerdings eine Schwäche, nicht zugeben zu wollen, dass man falschliegen kann, keine Stärke.

4. Du bist moralischer Relativist.
Ich habe noch keinen Atheisten getroffen, der glaubt, Völkermord liesse sich moralisch rechtfertigen, aber ich könnte mindestens ein Dutzend christliche Freunde nennen, die sagen, solange Gott es anordne, gehe es in Ordnung. Sie sagen, ein Vater dürfe niemals sein eigenes Kind ermorden, und fügen im selben Atemzug an, sowohl Abraham als auch Jahwe verdienten Lob dafür, gewillt zu sein, ihren eigenen Söhnen das Leben zu nehmen. Die Vorstellung, dass Gottes Wille Grundlage der Moral sei, ist das schwammigste, relativistischste Moralsystem, das mir je begegnet ist. In diesem System kann so gut wie alles «gut» genannt werden, solange behauptet werden kann, Gott habe es angeordnet.

5. Du denkst, alles sei einfach so plötzlich entstanden. Ich habe nicht genug Glauben, um Atheist zu sein. 

Wollen sie mir jetzt nahelegen, Glaube sei etwas Schlechtes, oder dass man davon «zu viel» haben könne? Und wie definieren sie Glauben jetzt? Wollen sie mit dem Wort «Glauben» hier ausdrücken, dass uns die nötigen Informationen fehlen, um verlässliche Schlüsse zu ziehen, wir aber dennoch unüberlegt unsere Ansichten festlegen? Haben sie zu Ende gedacht, was es mit sich bringt, diese Definition von Glauben zu akzeptieren? Aber zurück zum ersten Teil: Warum ist es schlecht, wenn wir sagen, das Universum «sei» einfach und sei nicht von einer Person gemacht worden, während es in Ordnung geht, wenn sie sagen, es gebe eine grosse unsichtbare Person, die einfach «sei» und von nichts und niemandem gemacht wurde? Es erschliesst sich mir nicht, inwiefern das eine Verbesserung darstellt, wenn es um diese philosophische Frage geht. Und Himmel nochmal, die Tatsache, dass wir nicht wissen, wie das Universum zu dem wurde, was es ist, bedeutet nicht automatisch, dass eure «Grosse unsichtbare Person-Hypothese» die einzige Alternative und automatisch richtig ist.

6. Du schränkst meine religiöse Freiheit ein. 
Das kommt unter amerikanischen Evangelikalen SEHR OFT vor. Wann immer Säkularisten verlangen, dass Bundes-, Staats- und Lokalverwaltungen die in der amerikanischen Verfassung festgeschriebene Trennung von Kirche und Staat durchsetzen, beschweren sich Christen verschiedener Couleur. Das passiert wieder und wieder beim Thema der Gleichstellung von Ehegemeinschaften – ein Fall, bei dem sie das Gesetz nicht auf ihrer Seite haben. Mark Caddo sagte einmal:

Wenn man sein Leben lang privilegiert war, führt das zu einem Problem: Weil man so lange Privilegien hatte, sieht Gleichstellung wie Unterdrückung aus.


Jede Regierungsebene in den Vereinigten Staaten wurde dahingehend entworfen, religiös neutral zu sein. Die Christen sind sich Privilegien aber derart gewohnt, dass die winzigste Reduktion sich wie Verfolgung anfühlt. Selbst den progressiven Christen fällt das am Rest der Kirche seit einiger Zeit auf.

7. Du willst, dass alle so denken wie du. Du hast einen Plan und verfolgst ihn rücksichtslos.
Freidenkende legen viel Wert auf kritische Denkfähigkeiten und persönliche Autonomie, deshalb mögen sie es nicht besonders, wenn den Leuten gesagt wird, was sie zu denken haben. Fundamentalisten und evangelikalen Christen fällt es unsagbar schwer, das zu akzeptieren. Sie gehen instinktiv davon aus, dass jeder sich auf einen unantastbaren Kanon aus Dogmen stützt, und glauben uns nie, wenn wir ihnen sagen, wir hätten keinerlei Probleme damit, wenn die Leute sich ihre eigenen Gedanken machen. Sie wollen, dass jeder wie ein Christ lebt (wie auch immer sie das definieren), und manche versuchen sogar, das anhand der Macht des Gesetzes zu erzwingen. Da sie so oft blind sind, was die Privilegien angeht, die sie bisher genossen haben, fühlt sich unser Widerstand für sie wie grundlose Aggression an, wenn wir uns zur Wehr setzen.

8. Du glaubst nicht wirklich, was du zu glauben behauptest; dein Handeln verrät dich.
Weil ein Bibelvers behauptet, tief drin seien sogar Polytheisten heimliche abrahamitische Monotheisten, können viele Christen nicht akzeptieren, dass Atheisten tatsächlich an keinen einzigen Gott glauben. Ich habe schon darüber geschrieben, dass das ihre Definition des Wortes «Atheist» dermassen unscharf und ungenau macht, dass sie es sogar für Theisten benutzen, die sich nicht komplett dem christlichen Glauben verschreiben. Ein Lieblingstrick von Apologeten ist es, zu sagen, man «bediene sich bei ihrer Weltanschauung», wann immer man einen Unterschied zwischen richtig und falsch suggeriert. Das ist eine nichtssagende Behauptung, aber es scheint sie immer sehr zufrieden zu machen.

Das Ironische ist: Christen sagen, sie glaubten an Dinge wie Gebet, Wunder und ein Leben nach dem Tod, wissen aber ganz genau, dass sie sich bei Krankheit echter medizinischer Behandlung unterziehen müssen, und sie sträuben sich vielleicht noch leidenschaftlicher gegen den Tod als Menschen, die glauben, dass dieses Leben alles ist, was wir kriegen. Sie glorifizieren das allzeitige Gottvertrauen, machen sich aber gleichzeitig Sorgen und arbeiten genau so hart wie alle anderen daran, die Dinge zu erreichen, bei denen sie angeblich darauf vertrauen, dass Gott sich darum kümmert. Würde ich ignorieren, was Christen nach eigener Aussage glauben, und nur darauf schauen, was sie tun, so käme ich zum Schluss, dass sie nicht wirklich an Gebet, Heilung, Himmel oder sogar Hölle glauben. Würden sie wirklich so fest an diese Dinge glauben, wie sie zu denken scheinen, so würden Verhaltensweisen daraus folgen, die es verunmöglichen würden, ein normales Leben irgendeiner Art aufrechtzuerhalten.

9. Du willst einfach, dass Gott dir Dinge gibt. 

Christen verspüren eindeutig das Bedürfnis, Apostasie auf alles andere als logische Schlüsse zurückzuführen, und ihre Lieblingserklärung ist, dass unsere Beweggründe unehrenhaft waren. Möglicherweise motivieren uns eigensinnige Gelüste nach Reichtum, Wohlstand oder Bedeutsamkeit. Wir sprechen oft über die Wirkungslosigkeit des Gebets, aber jahrhundertelange Erfahrung hat sie gelehrt, diesen Einwand als ein weiteres Beweisstück dafür vorzubringen, dass wir einfach Dinge wollen, und wenn Gott sie uns nicht gibt, gehen wir einfach. Gleichzeitig freuen sie sich auf Villen im Himmel an goldenen Strassen und eine Ewigkeit des Glücks und der Gesundheit im nächsten Leben.

10. Du bist besessen von Sex. 
Nicht alle werden dem begegnen, aber manche Christen sehen praktisch jede Bewegung hin zum Unglauben als einen Vorwand für sexuelle Freiheit. Wenn jemand ehrlich die Glaubenssätze seines Glaubens hinterfragt, interpretieren sie das als Versuch, sich von moralischen Einschränkungen zu befreien, was mehr Sex bedeutet. Das sagt besonders viel aus. Ich zögere nicht damit, zu bekennen, dass ich Sex liebe. Ich habe eine positive Einstellung, was Sex angeht, und ich denke, dass die Prinzipien des Humanismus wunderbar damit im Einklang stehen, den eigenen Körper zu besitzen und zu geniessen. Aber Sex macht nur einen gewissen Teil des Tages aus, wissen Sie? Gleichzeitig ist ein unverhältnismässig grosser Teil der christlichen Kultur damit beschäftigt, sexuelle «Reinheit» anzustreben, als würde Selbstbeschränkung in diesem einzelnen Bereich alle anderen Indikatoren moralischer Stärke ausser Kraft setzen. Das Christentum ist ernsthaft verklemmt, was Sex angeht, und die Vielzahl an Regeln, die nur dieses Gebiet betreffen, geht als kollektive Neurose durch.

Mir kommen laufend neue Beispiele für Projektion in den Sinn, aber für den Moment habe ich genug davon aufgelistet. Ich werde einfach mit der Warnung schliessen, dass Sie aufpassen sollten, was Sie über andere sagen, denn Sie verraten diesen Leuten genau so viel über sich selbst, wie Sie ihnen über sie sagen.

[Bildquelle: Shutterstock]

Originaltext: http://www.patheos.com/blogs/godlessindixie/2015/03/06/ten-things-christians-accidentally-tell-me-about-themselves/