Dienstag, 1. Januar 2019

60: 3 Tipps für produktive Diskussionen

Beginnen wir das neue Jahr mit ein paar guten Vorsätzen!

Ich sage es immer und immer wieder: Es ist enorm wichtig, zu wissen, was wahr ist und was nicht. Es fällt uns meist sehr schwer, die Fehler in unseren eigenen Ansichten zu erkennen - bei anderen geht das viel leichter. Deswegen brauchen wir Diskussionen, in denen wir miteinander über unsere Ansichten reden. Es kommt oft zu Diskussionen, aber die sind oft sehr, sehr unproduktiv und sogar kontraproduktiv. Produktive Diskussionen - also Diskussionen, in denen alle Beteiligten sich möglichst weit vom Falschen entfernen und dem Wahren annähern - sind aber sehr wichtig. Nach über 20 Jahren als Christ und 3 Jahren als Religionskritiker, der in diesen drei Jahren fast täglich in Diskussionen verwickelt war, möchte ich deshalb ein paar Anregungen dazu auflisten, wie man als Atheist die Chance auf produktive Diskussionen über Religion maximieren kann.

1. Je nach Setting aktive oder passive Rolle wählen

Was meine ich mit der aktiven und der passiven Rolle?

In der aktiven Rolle bringt man Argumente und Gegenargumente vor. Diese Vorgehensweise bewirkt aufgrund des Backfire-Effekts meist wenig bis gar nichts beim direkten Gesprächspartner, kann aber bei Zuschauern etwas bewirken. Studien haben gezeigt: Menschen, die direkt mit Fakten konfrontiert werden, die ihren Ansichten widersprechen, wechseln für gewöhnlich sofort in den Verteidigungsmodus, die Offenheit nimmt massiv ab und die eigenen Überzeugungen werden umso standhafter proklamiert. Doch wenn man nur dabei zusieht, wie jemand mit Fakten konfrontiert wird, die der eigenen Überzeugung widersprechen, ist man nicht der subjektiv empfundenen Gefahr ausgesetzt, sein Gesicht zu verlieren, und kann deswegen viel offener darüber nachdenken. 

Wenn man vor Publikum (Social Media-Kommentarspalte, öffentliche Debatte o.ä.) mit einer Person diskutiert, geht es um viel mehr Leute als nur den Diskussionspartner. Oft ist der Diskussionspartner sowieso besonders wenig offen, wenn er sich aktiv um eine öffentliche Diskussion bemüht bzw. diese ausgelöst hat, also seinen Glauben aktiv verteidigen will. Dann lohnt es sich, primär an das Publikum zu denken, das zusieht, ohne die Angst, sein Gesicht zu verlieren. So sagte einmal Matt Dillahunty: "Manchmal weiss ich praktisch ohne Zweifel, dass nichts, was ich sage, am Glauben meines Gesprächspartners etwas ändern wird. Ich tue es nicht diesen Leuten zuliebe, ich tue es für diejenigen da draussen, die zusehen und hin- und hergerissen oder verunsichert sind, diejenigen, die offener sind für Vernunft und Argumente."

In der passiven Rolle stellt man nur Fragen. In Anlehnung an die sokratische Methode und das moderne Konzept der Street Epistemology stellt man Fragen zu den Aussagen seines Gegenübers, die es diplomatisch und unaufgeregt dazu bringen, die Standfestigkeit seiner Überzeugungen zu überprüfen. "Warum glaubst du das? Woher weisst du das? Wenn du diesen Grund nicht zur Verfügung hättest, würdest du dann immer noch glauben? Wenn man mit dieser Begründung auch unzählige andere Dinge begründen kann, ist das dann eine gute Begründung?" Diese Methode hat riesiges Potential, da sie gar nicht zu einer Diskussion im eigentlichen Sinne führt. Stattdessen erklärt eine Person der anderen, warum sie glaubt, was sie glaubt, und führt sich unter Anleitung selbst vor Augen, wie glaubwürdig ihre Überzeugungen sind. Es ergibt sich kein 1 gegen 1-Szenario, sondern man tritt dem Gläubigen als interessierter Gesprächspartner gegenüber und tut nichts, was als böswillige Attacke gewertet werden könnte (auch wenn man das natürlich nicht ganz ausschliessen kann). 

Diese Methode empfiehlt sich sehr für Gespräche unter vier Augen. Sie bringt Leute so effektiv wie nichts anderes weg vom Falschen und hin zum Wahren, ohne dass Porzellan zerschlagen wird, wie die vielen Street Epistemology-Videos bei YouTube zeigen. Die Methode verlangt etwas Übung, ist aber sehr schnell erlernt, und das bisschen Aufwand lohnt sich enorm. Es reicht eigentlich, sich immer wieder Videos von Gesprächen anzusehen. Zusätzlich ist das Buch "A Manual for Creating Atheists" von SE-Begründer Peter Boghossian empfehlenswert.

Natürlich ist diese Einteilung nicht in Stein gemeisselt. Auch ich wechsle manchmal zwischen den Ansätzen hin und her, gehe in einer Kommentarspalte auch mal in die passive Rolle oder nehme die aktive Rolle in Gesprächen unter vier Augen ein. Mit der Erfahrung wird man besser darin, einzuschätzen, was in einer spezifischen Situation am produktivsten sein könnte.

2. Sachlich, ruhig und niveauvoll bleiben

Es gibt kaum etwas, das die Chance auf eine produktive Diskussion schneller vernichtet als Unsachlichkeit, wutentbrannte Äusserungen, schlechte Argumente und billige Plattitüden. Natürlich ist es völlig verständlich, dass Frust und Wut und die Lust auf's Auslachen hochkommen, wenn manche Gläubigen in der Öffentlichkeit neue Rekorde in Sachen Irrationalität und verzerrte Moral aufstellen. Aber wer den wütenden, respektlosen Atheisten gibt, hat für gewöhnlich von Beginn weg verloren. Man erfüllt damit genau das Klischeebild, das viele Gläubige von Atheisten haben, und das ermöglicht es ihnen, einen ohne Umschweife abzustempeln und einem nicht weiter zuzuhören. Und sie stempeln dabei nicht nur eine Einzelperson ab, sondern auch den Atheismus an sich. 

Man sollte in dieser Hinsicht vorleben, was man von anderen erwartet. Wer nichts von "verbitterten, engstirnigen Atheisten" hören will, der sollte auch nicht von "geisteskranken Religioten" reden. Wer sachlich und ruhig vorgeht, bietet so gut wie keine Angriffsfläche, sodass der Fokus da bleibt, wo er hingehört - auf den fragwürdigen Behauptungen des Theismus.

"Je grösser der Dachschaden, desto schöner der Ausblick zum Himmel!" "Religion ist Opium für das Volk!" "Glauben heisst nicht wissen!" "Selig sind die geistig Armen!" "Es gibt keinen Gott, fertig aus!" Es kursieren unzählige billige Sprüche und Pseudoargumente für Atheismus im Netz. Und wenn man die gegenüber Gläubigen benutzt, dann impft man sie gegen Atheismus. Die Forschung hat gezeigt, dass Leute fester in ihren Überzeugungen verankert werden, wenn sie mit einer kleinen Dosis schwacher Argumente der Gegenseite konfrontiert werden. Denn dann denken sie, sie hätten nicht nur ihre eigenen Überzeugungen begründet, sondern auch das Beste von der Gegenseite gesehen und mit Leichtigkeit entkräftet.

Wer produktive Diskussionen möchte, sollte sich möglichst auf das wirklich Beste vom Besten beschränken. Tun Sie nichts, was Sie dazu bringen würde, die Gegenseite sofort nicht mehr ernst zu nehmen, wenn sie sich so verhielte. Wenn Sie produktivere Diskussionen erreichen möchten, dann informieren Sie sich über Denkfehler und Skeptizismus, über Apologetik und ihre Widerlegung und gucken Sie viel Street Epistemology und The Atheist Experience (viel Inspiration gibt's hier). Achten Sie darauf, dass Ihre Haltungen konsistent sind, und konzentrieren Sie sich mehr auf Überzeugungen als auf Menschen. Dann wird Ihnen mehr und mehr klar werden, welche Aussagen Gläubige wirklich zum Nachdenken bringen können und welche dafür zu unreflektiert, zu platt oder schlicht zu falsch sind.

3. Sich möglichst keine Beweislast aufbürden

Im Zentrum einer produktiven Diskussion über den Glauben an Gott sollte der Glaube an Gott stehen. Weil der extrem schwer zu verteidigen ist, passiert es leicht, dass vom Thema abgelenkt wird. Aber oft lenken Atheisten selbst vom Thema ab und setzen sich auf den heissen Stuhl, der eigentlich dem Gläubigen zustünde. Das passiert, wenn man selbst positive Behauptungen aufstellt, die Beweise verlangen: "Es gibt keinen Gott", "Jesus hat nie existiert", "Die Bibel ist nichts als Unsinn" - und auch das Pochen auf die Evolution gehört dazu. Manche dieser Dinge sollte man nicht sagen, weil sie kaum zu beweisen sind, andere lassen sich gut beweisen, aber völlig unabhängig davon gilt: Wenn man produktiv über den Glauben diskutieren möchte, sollte der Glaube immer im Zentrum der Diskussion bleiben.

Bürden Sie sich keine Beweislast auf, das müssen Sie als Atheist nicht. George Smith schrieb: "Die Kritik des Theismus ist die Verteidigung des Atheismus. Atheismus ist nicht das Fehlen eines Glaubens an Gott plus gewissen positive Ansichten, Atheismus ist das Fehlen eines Glaubens an Gott. Können wir zeigen, dass der Theismus durch nichts gestützt wird, dass er falsch oder unsinnig ist, dann haben wir zugleich die Berechtigung des Atheismus begründet." Lassen Sie die Gläubigen ihre Behauptungen verteidigen, sonst wird die Diskussion unproduktiv. Versuchen Sie nicht, zu beweisen, dass keine Götter existieren. Fragen Sie stattdessen, ob eine Behauptung allein deshalb glaubwürdig ist, weil sie nicht endgültig widerlegt ist, und illustrieren Sie Ihre Aussage mit Beispielen. Lassen Sie die Evolution beiseite. Ob die Schöpfung eine glaubwürdige Erklärung ist, ist nicht davon abhängig, ob die Evolutionstheorie stimmt oder nicht. Wenn Sie etwas nicht erklären oder beweisen können, wird nicht automatisch der Theismus korrekt.

Ersparen Sie sich also den heissen Stuhl und nutzen Sie die vorhandene Zeit sinnvoll, indem Sie über die Plausibilität der theistischen Behauptungen diskutieren. Das ist wesentlich erfolgsversprechender, als krampfhaft zu versuchen, das Gegenteil der Behauptungen zu beweisen. Sie sind als Atheist keinen Glaubenssätzen verpflichtet und können jederzeit "Das weiss ich nicht" sagen. Und so können Sie Ihrem Gegenüber gleichzeitig implizit einiges über rationales Denken, einen gesunden Skeptizismus und intellektuelle Redlichkeit beibringen, ohne allzu militant zu wirken.

Fazit

Was ist Ihr Ziel, wenn Sie sich kritisch über den Theismus äussern? Wollen Sie provozieren, sich über andere erheben, sich amüsieren? Mein Ziel ist es, Menschen näher an Rationalität und Humanismus zu bringen und dabei selber dazuzulernen. Formate wie Street Epistemology und The Atheist Experience erzielen viele Erfolge, und ein Erfolg ist nicht nur, wenn ein Gläubiger zum Atheisten wird. Alles, was einen Gläubigen ein wenig vernünftiger macht, ist ein Erfolg. Man weiss nie, was man bewirkt. Niemand wird seine Meinungen von einem Moment zum anderen von Grund auf verändern. Aber man kann immer kleine Schritte begünstigen und Samen des Zweifels säen, die über Monate und Jahre vielleicht viel Gutes bewirken.

Letztlich sind produktive Diskussionen gut für uns alle. "Das Ziel des Diskutierens sollte nicht der Sieg, sondern der Fortschritt sein", sagte Joseph Joubert. Produktive Diskussionen bringen uns alle näher zur Wahrheit, und das ist meiner Ansicht nach ein wahrlich ehrenhaftes Ziel. Ich möchte so viele wahre Dinge und so wenige falsche Dinge wie möglich glauben, und ich möchte anderen möglichst effektiv dabei helfen, diesem Ziel ebenfalls näherzukommen, und dabei selbst von ihnen Hilfe erhalten. Sie auch? Bei Fragen stehe ich gerne zur Verfügung :)

Ein frohes Neues!

-Ihr Scrutator

Keine Kommentare: