Mittwoch, 19. Dezember 2018

59: Jesus vs. Luke Skywalker - Wäre das Christentum austauschbar gewesen?

Wer bei diesem Titel Fanfiction erwartet hat, in der der Gottessohn gegen den Helden der Rebellion kämpft, wird leider enttäuscht (würde ich aber mit Interesse lesen, wenn's jemand schreiben will!). Es geht um eine andere Frage, die aber ebenfalls enorm spannend ist: Hätte nicht jede andere Ideologie den gleichen Erfolg haben können wie das Christentum?

Der Grund dafür, dass ich mich mit dieser Frage beschäftige: Aktuell darf ich das neue Buch von Joachim Sohn für den Alibri-Verlag lesen und rezensieren. Der fetzige Titel: "Wie ich Jesus Star Wars zeigte". Sohns Protagonist Florian Schneider möchte in dem Buch zeigen, dass die Behauptungen des Christentums erfunden sind, indem er in der Zeit zurückreist und Jesus zum Krieg der Sterne-Freak macht. So soll in der neuen Geschichte das Star Wars-Universum die Kultur dominieren und unzähligen Menschen als wahre Geschichte vorkommen. Was im Buch darauf passiert, werde ich hier natürlich nicht verraten. Überlegen wir einmal unabhängig davon: Ist das Christentum so austauschbar? Hätte jede Weltanschauung die Chance auf einen vergleichbaren Siegeszug wie das Christentum gehabt?

Teilweise ja...

Fundamental wichtig für den Erfolg des Christentums war die politische Dimension. Am 27. Februar 380 ernannte Kaiser Theodosius I. das Christentum zur römischen Staatsreligion. Dadurch wurde der Kult von einer absurden Weltuntergangssekte mit wenigen Anhängern, wie es immer schon unzählige gab, zu einer unvergleichlichen Macht, die all ihre Mitbewerber und Gegner gewaltsam unterdrückte und niederstreckte, die Kultur und Ethik Europas zutiefst vereinnahmte und zur absoluten Norm wurde. Es war nicht so, dass ein paar wenige Christen nach Rom kamen und durch deren Wirken bald immer mehr und mehr Leute erstaunt anerkannten, dass diese Religion der Wahrheit entsprach.

Solange das Christentum die Macht Roms nicht auf seiner Seite hatte, war es genau so erfolglos wie so ziemlich jede andere Sekte seiner Zeit (siehe hierzu auch Blogeintrag #57). Man hätte jede Religion zur Staatsreligion machen und ihr so riesige Macht verleihen können. Doch ob das wirklich gereicht hätte, um jeder beliebigen Religion zu einem so beispiellosen Erfolg wie dem des Christentums zu verhelfen, ist dennoch zu bezweifeln.

...aber in vielerlei Hinsicht auch nicht

Die politischen Instrumente hätten also jeder Religion helfen können und hätten auch der Jedi-Religion bestimmt zu einigem Erfolg verholfen, wäre sie zu jener Zeit gepredigt worden. Doch der Erfolg des Christentums ist allein damit nicht ausreichend zu erklären. Es hat sich im "Survival of the fittest" unter den Religionen auch aufgrund einiger Eigenschaften durchgesetzt und so lange gehalten, die andere Religionen nicht oder nicht im gleichen Umfang besitzen und die seinen Erfolg enorm begünstigt haben. Andere Religionen wären mit der politischen Unterstützung nicht so weit gekommen wie das Christentum. Und das liegt meiner Ansicht nach primär an folgenden Gründen:

1. Ein kritikimmuner Gott
Der Gott der Bibel ist kein Troll, der im Wald umherhüpft, kein Wassergeist in einem See, kein
primitiver Regenmacher auf einer Wolke, kein Monster auf einem Berggipfel. Er ist unsichtbar, unerfassbar, überall und doch nirgends. Er wird als komplett unwiderlegbar definiert, sodass kein neues Wissen über die Welt einen Gläubigen dazu bringen könnte, ihn als widerlegt anzusehen.

Um den christlichen Gott vor Kritik zu schützen, hat man zudem einige weitere hocheffektive Barrieren errichtet. In der Bibel wird die Vernunft des Menschen als höchst beschränkt und fehleranfällig bezeichnet. Gott und sein Handeln stehen ihr zufolge so weit über dem menschlichen Intellekt, dass der Mensch niemals darüber urteilen kann. Wenn irgendetwas merkwürdig oder sogar komplett bekloppt und unlogisch erscheint, dann erscheint es halt dem beschränkten Menschen so, aber in Wahrheit ist das alles stimmig und gut, nur halt auf eine Weise, die der beschränkte Mensch nicht verstehen kann. Es wird als Tugend angepriesen, ohne Belege und sogar trotz Gegenbelegen zu glauben und zu gehorchen.

Heute wird nahezu jeder bekannte Denkfehler zur Verteidigung des Christentums eingesetzt. Praktisch alle Fehler, die Menschen im Denken immer wieder machen, begünstigen das Christentum: Popularitätsargumente, Traditionsargumente, Autoritätsargumente, cum hoc ergo proter hoc, das Verschieben der Beweislast, falsche Dilemmata, der Auswahlfehler, der Bestätigungsfehler, Ignoranzargumente, emotionale Argumente, das Überschätzen persönlicher Erfahrungen etc. etc.

2. Ein eingreifender Gott
Obwohl Gott als Wesen im Christentum sehr abwesend ist, ist er durch sein Wirken ständig sehr präsent. Das Leben ist eine Reise mit Gott, man führt eine enge Beziehung mit ihm, man kann immer zu ihm sprechen. Das Christentum verbindet sich auf diese Weise eng mit dem Alltag des Gläubigen. Die Götter anderer Religionen sind für den Alltag der Menschen oft nicht vergleichbar von Relevanz. Das Christentum vereinnahmt den Alltag des Gläubigen enorm und sorgt so dafür, dass diesem die Religion immer wichtig bleibt.

Ein weiterer zentraler Punkt hierbei ist: Nahezu jeder glückliche Zufall im Leben wird zum Beweis für Gott, da Gott ja einen Plan für einen hat, selbst in den banalsten Alltagssituationen bei einem ist, einen unterstützt und mit einem "redet". Ständig hat der Gläubige das Gefühl, Beweise für die Existenz und Güte seines Gottes zu erhalten - ganz besonders, wenn er vorher dafür gebetet hat. Das ist ein hervorragender Mechanismus, der den Glauben und die Wertschätzung des Gläubigen laufend stärkt und aufrechterhält.

3. Emotionale Geiselnahme
Das Christentum begnügt sich nicht damit, den Status einer Mythologie zu haben, in der die Götter eine Art Sitcom-Familie sind, deren Geschichten man sich erzählt, wie etwa in der griechischen oder nordischen Mythologie. Das Christentum stürzt sich direkt ins Leben der Menschen, in ihr tiefstes Inneres. Es packt sich den Menschen und sagt ihm: "Ich weiss, du hast Selbstzweifel. Ich weiss, du hast Schuldgefühle. Du hast Recht, du bist alles andere als perfekt, und die Welt ist es auch nicht. Aber es gibt da einen, der ist perfekt. Und der liebt dich mehr, als ein Mensch es je könnte. Du brauchst keine Angst vor dem Tod zu haben und musst dich nicht mit dem schwierigen Leben auf der Erde zufriedengeben. Denn dein Schicksal ist das Paradies - ewige Freude, maximale Gerechtigkeit."

Das Christentum packt die allermeisten Menschen an ihren wundesten Punkten, an ihren Selbstzweifeln und Ängsten. Wer hat das nicht? Es sagt dem Menschen, dass Gott eine unersetzliche Quelle von Liebe, Hoffnung und Moral sei, ohne die kein Mensch wirklich leben könne. Es gibt ihm "Antworten" auf seine drängendsten Fragen. Es verspricht ihm maximales Glück über maximale Zeit (Paradies) und droht ihm gleichzeitig mit maximalem Leid über maximale Zeit (Hölle). Dadurch gewinnt das Christentum Menschen, die in Lebenskrisen stecken, und bindet die Gläubigen an sich wie kaum eine andere Ideologie. Es drängt darauf, zum wichtigsten Teil des Lebens seiner Anhänger zu werden, den die Anhänger unter gar keinen Umständen verlieren wollen. Das bringen viele andere Religionen kaum in vergleichbarem Ausmass mit.

4. Missionierung
Das Christentum verlangt mit Nachdruck, dass man es weitergibt, sowohl an seine Kinder als auch an alle anderen Menschen. Die ganze Welt soll die "Gute Nachricht" hören, und es geht dabei um mehr als Leben und Tod, wie Punkt 3 gezeigt hat. Die Menschen werden bis in die Haarspitzen dazu motiviert, andere zu Christen zu machen, und das hat massgeblich zur Verbreitung des Glaubens beigetragen. Religionen, die nicht auf Mission beharren, bleiben Randphänomene und sterben aus. Die Indoktrination von Kindern ist bis heute der Hauptgrund für den "Erfolg" des christlichen Glaubens, denn wenn man das Christentum als Kind seriös eingetrichtert bekommt, wird man es kaum wieder los.

5. Spirituelle Erfahrungen
Was Gläubige wie nichts anderes scheinbar in ihren Ansichten bestätigt, sind persönliche Erfahrungen. Fragen Sie einen Gläubigen, ob er noch gläubig wäre, wenn es keine Schöpfungsargumente, keine historischen Argumente, überhaupt keine logischen Argumente für Gott gäbe, und er wird dies in fast allen Fällen ohne zu zögern bejahen. Christen glauben, Gott erlebt zu haben, ihm begegnet zu sein - das überzeugt Menschen und macht sie gegen Argumente so resistent. Würden Sie Leuten Gehör schenken, die gegen die Existenz Ihres Grossvaters argumentieren? Wohl kaum, Sie kennen und lieben Ihren Grossvater ja, Sie waren in seiner Gegenwart, Sie sind ihm begegnet und er ist ein fester Teil Ihres Lebens! Und so real fühlt sich Gott auch für die meisten Christen an, und der Grund dafür sind Zufälle, die Gott zugeschrieben werden, und spirituelle Erfahrungen, die teils unfassbar intensive Emotionen auslösen und als Begegnungen mit Gott gedeutet werden.

Um die glücklichen Zufälle ging es bereits bei Punkt 2. Nun fehlen noch die spirituellen Erlebnisse. Dabei geht es um überwältigende Gefühle von Glück, Erleichterung, Euphorie und Verbundenheit mit etwas Grösserem. Damit es dazu kommt, braucht es bestimmte soziologische und psychologische Prozesse. Das Christentum hat hervorragende Wege gefunden, spirituelle Erlebnisse hervorzurufen. Es führt dem Menschen seine Fehlerhaftigkeit und scheinbare Hoffnungslosigkeit vor Augen und überschüttet ihn dann mit Liebe und scheinbarer Hoffnung. Es bindet Menschen in Gemeinschaften ein, in denen sich mächtige Gruppendynamiken bilden, es bringt sie mit Musik und Meditation (Gebet) und dem Gedanken an eine allumfassende, allmächtige, unendlich liebende Vaterfigur dazu, teils überwältigende Gefühle zu empfinden oder sogar Spontanheilungen zu erleben. So denken Menschen, dass sie Gottes Präsenz spüren und sein Wirken sehen und sind fortan felsenfest von seiner Existenz überzeugt und gegenüber rationaler Argumentation nahezu komplett resistent.

Fazit

Wie wir sehen, gibt es viele Gründe für den Erfolg des Christentums, die im gemeinsamen Zusammenspiel eine enorme Wirkung entfalten. Die Religion bringt zahlreiche sehr erfolgsversprechende Eigenschaften mit, die anderen Religionen oft fehlen. Natürlich war die politische Dimension absolut entscheidend und ohne Kaiser Theodosius I. wäre das Christentum nie zu dem geworden, was es heute ist - aber der Kaiser allein hat den Erfolg nicht zu verantworten. Die Jedi-Religion müsste sich beim Christentum in vielerlei Hinsicht eine Scheibe abschneiden, wenn sie den gleichen Erfolg haben wollte: Sie müsste sich so gut wie möglich gegen Kritik immunisieren, sich eng in den Alltag der Gläubigen einbinden, ihre Anhänger mit Indoktrination, Versprechungen und Drohungen emotional als Geiseln nehmen, Missionierung fordern und einen Nährboden für spirituelle Erlebnisse schaffen. Wenn's dann noch mit der politischen Machtübernahme klappt, sieht's gut aus.

Dass auch andere die Mechanismen nutzen können, zeigen andere erfolgreiche Religionen - der Islam ist dem Christentum in vielerlei Hinsicht enorm ähnlich und entsprechend erfolgreich. Es wäre sehr interessant, zu sehen, wie sich all das anhand des Star Wars-Universums umsetzen liesse. Jedenfalls kann niemand beweisen, dass es Yoda nicht gibt, und wenn wir unseren Kindern mit Ernsthaftigkeit erzählen würden, dass die Macht in ihren Alltag eingreift, dann würden sie sie überall erkennen. Ich lese dann mal weiter und bin gespannt, wie Joachim Sohn die Sache in "Wie ich Jesus Star Wars zeigte" angeht. Meine Rezension wird bald bei Facebook zu lesen sein. Bis dahin wünsche ich eine frohe Wintersonnenwende!

-Ihr Scrutator

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