Freitag, 17. Juni 2016

37: Das Buch Prediger - Ein Edelstein zwischen rauen Felsen

Der Titel suggeriert es bereits: Heute schauen wir uns etwas ganz Besonderes an, nämlich das beste Buch (bzw. das am wenigsten schreckliche Buch), das die Bibel zu bieten hat.

Etwas, was mich enorm nervt, wenn ich an meine Zeit als Christ zurückdenke, ist, wie ignorant ich war. Ich kritisierte die Evolutionstheorie lediglich auf Basis kreationistischer Infoblätter. Ich kritisierte Religionskritiker, die schreckliche Bibelstellen zitierten, warf ihnen Rosinenpickerei vor, bevor ich dann angenehmere Bibelstellen zitierte und mich damit selbst der Rosinenpickerei schuldig machte. Ich galt unter meinen Mitchristinnen und -christen als einer, der die Bibel gut kennt - doch ich hatte den allergrössten Teil des Buches nie gelesen. Ich tat dies zum ersten Mal, als ich gerade erst Atheist geworden war. Die meiste Zeit der Lektüre verbrachte ich in wörtlich ungläubigem Staunen, schockiert, belustigt und entsetzt. Doch es gab eine kurze, angenehmere Zwischensequenz in diesen Wochen des Bibelstudiums. Inmitten der Bibelwüste entdeckte ich die kleine Oase des Buches "Prediger".

Zuvor hatte ich nur sehr wenige vereinzelte Stellen aus dem 22. Buch der Bibel gekannt, aber schon damals hatte ich den Eindruck, dass der Ton dieses Buches irgendwie anders war. Und dieser Eindruck festigt sich, wenn man "Prediger" einmal von vorn bis hinten komplett durchliest. Es ist wie der Rest der Bibel nicht frei von Aberglauben und anderem Unsinn, aber unter dem Strich fällt mein Fazit verhältnismässig bemerkenswert positiv aus.

Ein Blick in das beste Bibelbuch
Zu Beginn gleich ein biblischer Running Gag: Der Autor gibt sich im ersten Vers als König Salomo aus, der er aber nicht sein kann, da das Buch von Historiolinguisten auf rund 600 Jahre nach dem angeblichen Tod des Königs datiert wurde. Und dann geht's los - mit einer grossen Portion Trübsal:

Prediger 1, 2-18: "Es ist alles ganz eitel, sprach der Prediger, es ist alles ganz eitel. 3 Was hat der Mensch für Gewinn von aller seiner Mühe, die er hat unter der Sonne? 4 Ein Geschlecht vergeht, das andere kommt; die Erde aber bleibt ewiglich*. (...) 8 Es sind alle Dinge so voll Mühe, daß es niemand ausreden kann. (...) Was ist's, das man getan hat? Eben das man hernach tun wird; und geschieht nichts Neues unter der Sonne. (...) Man gedenkt nicht derer, die zuvor gewesen sind; also auch derer, so hernach kommen, wird man nicht gedenken bei denen, die darnach sein werden. (...) 18 Denn wo viel Weisheit ist, da ist viel Grämens; und wer viel lernt, der muß viel leiden."

*= Widerspruch: Matthäus 24, 35: "Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen."

Der Autor gibt sich fast existentialistisch deprimiert. Diese Einstellung zieht sich durch das ganze Buch: Alles ist eitel, alles ist vergänglich. Das passt so gar nicht zu den modernen Christen, die sich ständig "in Christus erfreuen", über all die "Wunder der Schöpfung" staunen und sich schon fest auf's "ewige Leben" freuen. Wie geht der mysteriöse Autor nun mit der Situation als Mensch um?

Prediger 3, 1-12: "Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vornehmen unter dem Himmel hat seine Stunde. 2 Geboren werden und sterben, pflanzen und ausrotten, was gepflanzt ist, 3 würgen und heilen, brechen und bauen, 4 weinen und lachen, klagen und tanzen, (...) Streit und Friede hat seine Zeit. 9 Man arbeite, wie man will, so hat man doch keinen Gewinn davon. (...) 12 Darum merkte ich, daß nichts Besseres darin ist denn fröhlich sein und sich gütlich tun in seinem Leben."

Daumen hoch für diese Folgerung! Shit happens, es gibt Ups und Downs - geniesst das Leben! Ich erinnere mich an das Zitat, das John Lennon zugeschrieben wird: "In der Schule fragten sie mich, was ich werden wolle, wenn ich gross bin. Ich schrieb: 'Glücklich'. Sie sagten, ich hätte die Aufgabe nicht verstanden. Ich sagte ihnen, sie hätten das Leben nicht verstanden."

Den nächsten Pluspunkt verdient sich der Autor gleich zu Beginn von Kapitel 4:

Prediger 4, 1: "Ich wandte mich um und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne; und siehe, da waren die Tränen derer, so Unrecht litten und hatten keinen Tröster; und die ihnen Unrecht taten, waren zu mächtig, daß sie keinen Tröster haben konnten."

Ganz genau - auf der Erde geht es ungerecht zu und her, und der angeblich existierende gütige Gott lässt es geschehen. Dass sich dies ein Bibelautor eingesteht, ist ein wundervoller Kontrast zu all den sturen Propheten, die die Situation praktisch ausnahmslos immer als gerecht darstellen.

Es geht weiter mit Depression, durchzogen von Aberglauben und bibeltypisch mit vereinzelten guten Statements, die von fragwürdigen Aussagen umringt sind. Und dann plötzlich wieder so ein Hammer:

Prediger 8, 13-15: "Aber dem Gottlosen wird es nicht wohl gehen; und wie ein Schatten werden nicht lange leben, die sich vor Gott nicht fürchten. 14 Es ist eine Eitelkeit, die auf Erden geschieht: es sind Gerechte, denen geht es als hätten sie Werke der Gottlosen, und sind Gottlose, denen geht es als hätten sie Werke der Gerechten. (...) 15 Darum lobte ich die Freude, daß der Mensch nichts Besseres hat unter der Sonne denn essen und trinken und fröhlich sein..."

Wow - eine gnadenlos treffende Analyse! Der Autor drückt zwar zuerst seinen Aberglauben aus, führt sich aber dann selbst vor Augen, dass die Hand Gottes, an die er glaubt, nicht zu sehen ist. Ob man glaubt oder nicht, ob man gerecht oder böse ist - das hat keinen Einfluss auf das Walten des Zufalls. Also geniesst einfach das Leben, Leute. Im nächsten Kapitel bringt er es nochmal auf den Punkt:

Prediger 9, 11: "Ich wandte mich und sah, wie es unter der Sonne zugeht, daß zum Laufen nicht hilft schnell zu sein, zum Streit hilft nicht stark sein, zur Nahrung hilft nicht geschickt sein, zum Reichtum hilft nicht klug sein; daß einer angenehm sei, dazu hilft nicht, daß er ein Ding wohl kann; sondern alles liegt an Zeit und Glück."

Was für ein Durchblick - und das in der Bibel! Der Autor widerspricht in seinen Folgerungen seinen eigenen zuvor gemachten Aussagen; es ist, als würde er seinen eigenen Aberglauben schreibend widerlegen. Ganz recht, mein Freund: Das Universum sorgt sich nicht um menschliche Schicksale, es passiert einfach. Kein gerechter Gott vorhanden, richtig erkannt! Und darum heisst die Devise:

Prediger 2, 24:  "Ist's nun nicht besser dem Menschen, daß er esse und trinke und seine Seele guter Dinge sei in seiner Arbeit?"

Prediger 9, 7: "So gehe hin und iß dein Brot mit Freuden, trink deinen Wein mit gutem Mut!"

Fazit
Das ist doch mal erfrischend! Auch wenn sich auch in diesem Buch der Bibel Fälschung, Widersprüche, Unsinn und Unmenschlichkeiten finden, ziehen sich zugleich ein paar der allerbesten Aussagen der gesamten Bibel durch die Kapitel des unkonventionellen Buches "Prediger". Die schonungslose Ehrlichkeit und die Balance zwischen Pessimismus und Optimismus stechen in ihrem Realismus und ihrer Alltagstauglichkeit klar aus dem realitätsfernen Bibelkanon heraus. Hoffen wir, dass noch viele Prediger den Prozess durchlaufen werden, den der Autor dieses Buches anscheinend zumindest ansatzweise durchlaufen hat und der zu folgender Erkenntnis führt:



Geniessen Sie Ihr Leben!

- Ihr Scrutator

P.S.

Über's gottlose Leben:

#30 Aufzeichnungen eines Aufgewachten, Teil 6: Es geht ohne Gott

#42: Eine Religion für Nichtreligiöse (Übersetzung)

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