Montag, 24. Oktober 2016

46: "Der Zorn des Lammes" - Gerechtfertigte Gegengewalt?



Der Einladung eines gläubigen Freundes folgend besuchte ich gestern einen Gottesdienst, in dem sich der Theologe Jens Kaldewey einem gewagten Unterfangen stellte: Er versuchte, Gott von seiner Schuld freizusprechen, die dieser sich als Gewalttäter aufgeladen hat bzw. haben soll. Ich war gespannt auf diese Quadratur des Kreises durch einen Theologen, die ich nun im Folgenden kommentieren möchte. Nehmen Sie Platz im Kirchsaal und öffnen Sie Ihre Herzen, um vom heiligen Geist berührt zu werden. <3
Kaldewey glänzt zunächst mit Redlichkeit: In der Theologie sei es angesagt, die Gewalttätigkeit Gottes entweder zu leugnen oder zu tabuisieren. Richtig erkannt! Die Art der Leugnung, die Kaldewey beschreibt, ist aber eigentlich sehr vernünftig: Aufgrund der Tatsache, dass es keine Gottesbeweise gibt, ist tatsächlich davon auszugehen, dass den Israeliten kein Gott beistand, sondern dass sie sich das nur ausmalten. Kaldewey will nun aber die Position verteidigen, dass den Israeliten tatsächlich ein Gott bei ihren blutigen Feldzügen geholfen habe, und diese Gräueltaten will er nun "relativieren". Ohne mit der Wimper zu zucken gibt Kaldewey zu, dass das alte und auch das neue Testament der Bibel - besonders mit der Hölle und den "Zornesschalen" der Offenbarung - von erschreckender Brutalität gekennzeichnet sind, und das ist schon einmal eine Seltenheit unter Gläubigen, ein Pluspunkt für diesen Durchblick. Mir schwant aber bereits Übles, als ich höre, dass er nun die beispiellosen Grausamkeiten in der Bibel "relativieren" möchte...

Kaldewey fährt fort, indem er darauf hinweist, dass die Bibel Jesus, dem "Lamm Gottes", gerne mal Honig ums Maul schmiert. Er erklärt, dass man die Brutalität Gottes doch ohne Probleme akzeptieren könne, wenn man wisse, dass er es ja nur gut meine und ihm genaustens bewusst sei, was er tue. Ungläubig starre ich den Prediger an. Ich komme mir vor wie auf einer Veranstaltung der NSDAP, auf der ein Funktionär erklärt, dass Adolf Hitler eine tolle Führungspersönlichkeit und obendrauf Vegetarier sei, ein tierlieber, engagierter, verantwortungsbewusster Mensch, und man folglich sicher sein könne, dass alles in Ordnung sei, was er tut.

Herr Kaldeweys Vernunft und Menschlichkeit scheinen zutiefst korrumpiert: Jedes Kleinkind versteht, dass Taten weit mehr zählen als Worte. Nie und nimmer kann man einem Despoten einen Blankoscheck für Grausamkeiten ausstellen, weil ihn ein Untergebener in den höchsten Tönen lobt. Wenn Gott in einem Kapitel der Bibel Menschen abschlachtet und quält, dann hilft es nichts, wenn in einem anderen Kapitel steht, er sei aber ein ganz Netter. "Die Bibel spricht vom Lamm, sie sagt nicht, Gott sei der Zorn", sagt Kaldewey. Ganz offensichtlich kennt er Verse wie 5. Mose 7, 21, Jesaja 45, 7, Hesekiel 21, 8 oder 1. Korinther 10, 10 nicht. Er hört sich an wie eine missbrauchte Ehefrau, die sich ganz fest einredet, dass ihr Mann sie liebe und alles im Griff habe und die deshalb auch die schrecklichsten Schikanen ohne Rückfragen in Kauf nimmt. Schlimm.

Dann wird's richtig bizarr. Kaldewey behauptet einfach mal, es gebe "Das Böse". Er erklärt nicht, was es ist oder woher es kommt (die theologischen Verwicklungen wären entsetzlich), sondern stellt es einfach mal in den Raum. Er sagt, es gebe Böses, das man einfach nicht bekehren könne (nicht einmal Gott in seiner Allmacht kann das, dumm gelaufen...), das man nur ausrotten könne, und nennt das Beispiel IS. "Habt ihr euch nicht auch schon gewünscht, dass da mal etwas mehr Gegengewalt kommt und jemand diesen IS einfach zerquetschen würde?" Eine ungewöhnliche Aussage für einen Christen. Als ich dann die gezeigte Folie sehe, muss ich mich beherrschen, um nicht laut herauszulachen. Die Eigenschaften des Bösen, die Kaledewey nennt, treffen praktisch lückenlos auf Gott zu:

Gott lügt: 
Jeremia 4, 10: "Ach, Herr, HERR, du hast wahrlich dieses Volk und Jerusalem arg getäuscht, indem du sprachst: «Ihr sollt Frieden haben!» und nun reicht das Schwert bis an die Seele!"

Gott vergiftet wohltuende Beziehungen:
Matthäus 10, 34-37: "Ihr sollt nicht wähnen, daß ich gekommen sei, Frieden auf die Erde zu bringen. Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. 35 Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater, und die Tochter mit ihrer Mutter, und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter; 36 und des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein.  37 Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert; und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert."

Lukas 14, 26: "So jemand zu mir kommt und haßt nicht seinen Vater, Mutter, Weib, Kinder, Brüder, Schwestern, auch dazu sein eigen Leben, der kann nicht mein Jünger sein."

Gott quält:
Hiob 9, 17+18: "Denn [Gott] fährt über mich mit Ungestüm und macht mir Wunden viel ohne Ursache. 18 Er läßt meinen Geist sich nicht erquicken, sondern macht mich voll Betrübnis."

2. Thessalonicher 1, 7-9: "...wenn nun der HERR Jesus wird offenbart werden vom Himmel samt den Engeln seiner Kraft 8 und mit Feuerflammen, Rache zu geben über die, so Gott nicht erkennen, und über die so nicht gehorsam sind dem Evangelium unsers HERRN Jesu Christi, 9 welche werden Pein leiden, das ewige Verderben von dem Angesichte des HERRN und von seiner herrlichen Macht...."

Gott macht kaputt:
Jesaja 24, 1: "Siehe, der HERR macht das Land leer und wüst und wirft um, was darin ist, und zerstreut seine Einwohner."

Gott stiehlt:
5. Mose 20, 14: "Allein die Weiber, die Kinder und das Vieh und alles, was in der Stadt ist, und allen Raub sollst du unter dich austeilen und sollst essen von der Ausbeute deiner Feinde, die dir der HERR, dein Gott, gegeben hat."

Gott schlachtet:
Jeremia 25, 33: "...und es werden an jenem Tage die Erschlagenen des HERRN daliegen von einem Ende der Erde bis zum andern; sie werden nicht beklagt, nicht gesammelt und nicht begraben werden; zu Dünger auf dem Lande sollen sie werden."

Gott richtet zugrunde:
5. Mose 7, 1-20: «Wenn der Herr, dein Gott, dich in das Land geführt hat, in das du jetzt hineinziehst, um es in Besitz zu nehmen, wenn er dir viele Völker aus dem Weg räumt… Wenn der Herr, dein Gott, sie dir ausliefert und du sie schlägst, dann sollst du sie der Vernichtung weihen. Du sollst keinen Vertrag mit ihnen schliessen, sie nicht verschonen… Du wirst alle Völker verzehren, die der Herr, dein Gott, für dich bestimmt. Du sollst in dir kein Mitleid mit ihnen aufsteigen lassen… ausserdem wird der Herr, dein Gott, Panik unter ihnen ausbrechen lassen, so lange, bis auch die ausgetilgt sind, die überleben konnten und sich vor dir versteckt haben.»

Gott verschlingt Leben:
2. Mose 12, 29+30: "Und es begab sich zu Mitternacht, da schlug der HERR alle Erstgeburt in Ägypten, von dem ersten Sohne des Pharao, der auf dem Throne saß, bis auf den ersten Sohn der Gefangenen, die in dem Gefängnisse waren, auch alle Erstgeburt des Viehes. 30 Da stand der Pharao auf in derselben Nacht, er und alle seine Knechte und alle Ägypter; und es war ein großes Geschrei in Ägypten, denn es gab kein Haus, darin nicht ein Toter war."

Gott ist heimtückisch:
Markus 4, 11+12: "Und er sprach zu ihnen: Euch ist gegeben, das Geheimnis des Reiches Gottes zu erkennen , denen aber, die draußen sind, wird alles in Gleichnissen zuteil, 12 auf daß sie mit Augen sehen und doch nicht erkennen, und mit Ohren hören und doch nicht verstehen, damit sie nicht etwa umkehren und ihnen vergeben werde."

Gott richtet Chaos an:
Jesaja 13, 13-18: "Darum will ich den Himmel erschüttern, und die Erde soll von ihrer Stelle rücken vor dem Zorn des HERRN der Heerscharen und am Tage der Glut seines Zorns. 14 Und sie werden wie verscheuchte Gazellen und wie Schafe, die niemand sammelt, sich wenden, ein jeder zu seinem Volk, und fliehen, ein jeglicher in sein Land. 15 Welchen man aber erwischt, der wird erstochen, und wer ergriffen wird, fällt durchs Schwert. 16 Ihre Kinder werden vor ihren Augen zerschmettert, ihre Häuser geplündert und ihre Weiber geschändet werden. 17 Siehe, ich erwecke die Meder wider sie, die des Silbers nicht achten und am Golde kein Gefallen haben. 18 Ihre Bogen werden Jünglinge zu Boden strecken; sie werden sich der Neugeborenen nicht erbarmen, und ihr Auge wird die Kinder nicht schonen."

Ja, Herr Kaldewey: Ihr Gott ist böse. SEHR böse. Und dass Sie das trotz Bibelkenntnis nicht erkennen, wenn Sie so eine Folie verfassen, zeugt eindrücklich vom Stockholm-Syndrom, das der Glaube so oft mit sich bringt. Emotionale Barrieren verunmöglichen es Ihnen, das Offensichtliche zu sehen.

Kaldewey fährt aber unbeirrt fort und bringt seinen Strohmann des unverbesserlichen Bösen ins Spiel, um Gottes Grausamkeit als Notwendigkeit zu entschuldigen. Er sagt: "Ein Chirurg schneidet Krebszellen heraus, und da fliesst viel Blut. Trotzdem hat er seine Arbeit gut gemacht. Warum können wir das, was wir jedem Arzt zugestehen, Gott nicht zugestehen?" Wissen Sie, was Churchill, Viehbauern und Chirurgen von Gott unterscheidet, Herr Kaldewey? Sie sind nicht allmächtig. Deshalb haben sie manchmal keine andere Wahl, als zu solchen Massnahmen zu greifen. Wenn Gott allmächtig ist, ist bei ihm nichts "notwendig". Er hat unendlich viele Möglichkeiten, Probleme zu lösen, und wenn er sich für Gewalt entscheidet, hat er sich damit klar als bösartig erwiesen.

Und überhaupt: Wie können Sie all die Grausamkeit Gottes ausblenden, die sich überhaupt nicht gegen "Böses" richtet? Hiob war völlig unschuldig und wurde einer beispiellosen Tortur unterzogen. Die Amalekiter wurden ausgerottet, weil ihre Vorfahren mit den Israeliten eine Schlacht geschlagen hatten, die Hetiter, Amoriter, Kanaaniter, Pheresiter, Heviter und Jebusiter, weil sie das Land bewohnten, das Gott seinem Volk geben wollte. Sogar die Israeliten selbst schlägt Gott mit Krankheiten, Krieg, Mord und Totschlag und schickt sie sogar in die Sklaverei. Alle Menschen müssen Krankheiten und Naturkatastrophen erleiden, weil sie mit Adam und Eva verwandt sind. Und wer von den unplausiblen Behauptungen der Bibel nicht überzeugt war, soll ewig gequält werden. Es ist dreiste Selektivität, wenn man behauptet, die Gewalt des Bibelgottes richte sich ausschliesslich gegen "das Böse". Und wenn es Menschen gibt, die so böse sind, dass sie gar nicht anders können, als böse zu sein, dann liegt der Fehler natürlich bei ihrem Schöpfer und Gott würde eigentlich gegen sich selbst kämpfen.

Kaldewey beschliesst seinen Schuss in den theologischen Ofen mit diesem Fazit: Der Zorn Gottes geschehe nur aus Liebe und richte sich nur gegen "das Böse". Das habe ich oben schlüssig widerlegt. Menschen, die auf dem Land sind, das man will, die Nachfahren zweier Menschen sind, die einem nicht bedingungslos gehorchten oder Leute, die nicht überzeugt waren, dass es einen gibt, sind definitiv nicht "das Böse". Die Gewalttätigkeit ist laut Bibel für alle Un- und Andersgläubigen Gottes letztes Wort und sollte bei einem allmächtigen und zugleich allgütigen Gott überhaupt nicht zum Vokabular gehören. Es ist ganz einfach: Wenn Gott die Nötigkeit von Gewalt nicht verhindern kann, ist er nicht allmächtig, will er sie nicht verhindern, ist er nicht allgütig, das ist ja wohl klar. Dem letzten Punkt auf der Folie allerdings kann ich voll und ganz zustimmen.

Fazit
Der Anfang von Kaldeweys Predigt war wirklich nett und von Ehrlichkeit und Weitsicht geprägt: Gottes Grausamkeit wird unter Theologen und auch sonst unter Christen wirklich weitgehend geleugnet oder tabuisiert (oder nicht einmal im vollen Ausmass gekannt), es war charakterstark von Kaldewey, das zuzugeben. Dann aber ging es steil bergab: Kaldewey erfand mal eben "Das Böse" als Strohmann und zeichnete ein Bild eines leidenschaftlichen Gottes, der die Erde als Chirurg heldenhaft vom Krebs befreit. Kaldeweys These scheitert an den Fakten: Der Bibelgott lässt sich zahllose monströse Schandtaten zu Schulden kommen, die nichts mit der Bekämpfung von "Bösem" zu tun haben und ist als Allmächtiger nicht an die exzessiv brutale Art der Bekämpfung des "Bösen" gebunden, die er anwendet.

Es war einmal mehr zutiefst erschreckend, einen Christen zu hören, der versucht, absolut unfassbare Grausamkeiten als absolut vertretbar und sogar als Zeichen der Liebe darzustellen und so seine Vernunft wegwirft und seine Menschlichkeit verrät. Eine Predigt wie diese kann nur funktionieren, wenn das Publikum die Bibel entweder nicht ganz oder nur mit Scheuklappen gelesen hat. Wer wie ich innerlich frei zur Lektüre des "Wortes Gottes" schritt, den kann man mit solchen emotionsgesteuerten, logikbefreiten Verdrehungen der Tatsachen nicht hinters Licht führen.

-Ihr Scrutator

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