Samstag, 11. November 2017

56: Ist religiöser Humanismus möglich?

Zwischen dem 2. und 5. November fand in Zürich das Denkfest statt. Dort traf ich mit Michael Schmidt-Salomon eines meiner Idole, hielt einen Vortrag über meinen Weg vom Prediger zum Ungläubigen und hörte am Abschlusstag eine Podiumsdiskussion zur Frage "Braucht der Humanismus eine Reform?" (Foto: Valentin Abgottspon). Und Letztere brachte mich ins Nachdenken. Denn während des Podiums gaben sich auch die Religionsvertreter von Judentum, Christentum und Islam als "Humanisten" aus. Als jemand, der sich mit Religion einigermassen auskennt, gab mir das zu denken. Meinten hier alle, die Säkularen und die Religionsvertreter, dasselbe mit "Humanismus"? Diese Frage kam in der Diskussion zu kurz. Meine Freundin und ich diskutierten eine ganze Weile über diese spannende, relevante Frage, und heute möchte ich diese Frage in einem Blogeintrag behandeln.

Ein löblicher Ansatz
Humanismus ist, wenn man auf den Menschen setzt. Wenn man sich der Vernunft bedient und den Menschen ins Zentrum seiner Moralphilosophie stellt. Michael Schmidt-Salomon packte die Vorstellung in seinem Buch "Hoffnung Mensch" in ein Credo:

"Ich glaube an den Menschen
Den Schöpfer der Kunst
Und Entdecker unbekannter Welten.
Ich glaube an die Evolution
Des Wissens und des Mitgefühls
Der Weisheit und des Humors.
Ich glaube an den Sieg
Der Wahrheit über die Lüge
Der Erkenntnis über die Unwissenheit
Der Phantasie über die Engstirnigkeit
Und des Mitleids über die Gewalt.

Ich verschließe nicht die Augen
Vor den Schrecken der Vergangenheit
Dem Elend der Gegenwart
Den Herausforderungen der Zukunft
Aber ich glaube
Dass wir bessere Wege finden werden
Um das Leid zu vermindern
Die Freude zu vermehren
Und das Leben zu bewahren.

Ich glaube an den Menschen
Der die Hoffnung der Erde ist
Nicht in alle Ewigkeit
Doch für Jahrmillionen
(Amen)."

Und es gibt inzwischen liberale Religiöse, die sagen, Religion stehe dazu nicht im Widerspruch. Da muss man erstmal sagen: Löblich! Angesichts der Tatsache, dass wir Religionskritiker niemals alle Menschen "bekehren" werden, fällt einem da doch einigermassen ein Stein vom Herzen, denn es zeigt: Wir müssen das auch gar nicht. Entgegen dem, was viele Religiöse über Religionskritiker wie mich glauben, geht es mir nämlich nicht einfach nur darum, den Leuten irgendwie grundsätzlich auch den letzten Funken Glauben auszutreiben. Ich habe nicht grundsätzlich ein Problem damit, dass Menschen an irgendwelche höheren Mächte oder sowas glauben (auch wenn das irrational ist). Der Grund, warum ich Religion kritisiere, ist in erster Linie der darin angelegte "Anti-Humanismus", die negativen Auswirkungen, die mit dem Glauben leider so oft einhergehen. Und genau an dieser Stelle liegt das Problem: Kann man Religionen wirklich so weit reinwaschen, dass etwas übrig bleibt, das nicht mit Humanismus im Konflikt steht?

Differenzen und Konflikte
Woher kam denn mein Gedanke, zwischen Religion und Humanismus könnte es Konflikte geben? Nun, ich denke, auch wenn man die abrahamitischen Religionen enorm zurechtschneidet und -biegt, so gibt es dennoch gewisse zumindest potentiell humanismusfeindliche Konzepte, von denen sich zu trennen für diese Religionen kaum vorstellbar scheint. Dies beginnt strenggenommen schon mit dem blossen Glauben an höhere Mächte. Der ist zwar nicht grundsätzlich ein moralisches Problem, ist aber rational nicht zu rechtfertigen, stellt also einen Verstoss gegen die Vernunft dar. Schon bevor wir überhaupt angefangen haben, die genauen Eigenschaften und Konsequenzen dieses Glaubens zu erörtern, driften Humanismus und Religion auseinander, da der Humanismus konsequent an der Vernunft festhält, während die Religion bereit ist, diesbezüglich Ausnahmen zu machen. Sie lässt die Tür offen für die "Erkenntnismethode" des Glaubens, mit der sich alles rechtfertigen lässt, und untergräbt so ein fundamentales, enorm wichtiges Prinzip des Humanismus: Das logische und kritische Denken, die Basis für effektives und effizientes Problemlöseverhalten.

Eine sehr zentrale religiöse Vorstellung ist die, wir seien gottgeschaffene Kreaturen, die unter allem in der Natur, die von diesem Gott für sie gemacht wurde, etwas ganz Besonderes seien - die Krone der Schöpfung. Auch die liberalste aller christlichen oder muslimischen Konfessionen wird diese Vorstellung kaum entbehren können. Und ein Mensch, der glaubt, dass er speziell von einem Gott und die Natur für ihn geschaffen wurde - und eventuell auch noch, dass dieser Gott einen Plan dafür hat, wie das hier alles weitergehen wird -, wird sich, die Welt und seine Rolle in dieser anders betrachten als ein Mensch, der sich wie ein Humanist an den Fakten orientiert. Die Fakten sagen uns, dass wir quasi die Neandertaler von morgen sind, ein Produkt der Evolution, das sich durch ein aussergewöhnlich grosses Gehirn auszeichnet, ansonsten aber keine Sonderstellung in der Natur einnimmt.

Damit sind die Differenzen betreffend des Menschenbildes noch nicht abgehandelt. Den abrahamitischen Religionen wohnt nämlich ein weiteres sehr zentrales Konzept inne, das angesichts des eben genannten Konzeptes paradox anmuten mag, und das ist dasjenige der tiefgehenden Verkommenheit des Menschen. So betonte der muslimische Verteter am Denkfest-Podium, er glaube nicht, dass der Mensch das Potential habe, sich zum Besseren zu entwickeln. Und die Hauptbotschaft des Christentums, seine "sales pitch", ist die Erlösung. Dass der sündige Mensch von aussen erlöst werden müsse, ist ein weit vernichtenderes Urteil als dasjenige des Humanismus. Auch hier zeichnet eine Orientierung an den Fakten ein anderes Bild: Die Gewalt unter uns Menschen nimmt stetig ab und eine schwarz-weiss-Einteilung in Gut und Böse, verkommen und heilig ist fehlgeleitet. Während Religion dem Menschen oft primär Schuldgefühle einimpfen möchte, steht der Humanismus für Realismus und Hoffnung ein.

Der Wert des Menschen wird in der Religion für gewöhnlich davon abgeleitet, dass er von Gott geschaffen sei und Gott ihm Wert beimesse. Das impliziert, dass der Mensch wertlos wäre, wenn man Gott nicht annehmen würde. Es impliziert zudem, dass bei Wert- und Moralfragen Gott ins Zentrum gehöre statt der Mensch. Auch wenn die Wirkung in vielen Fällen ähnlich ausfallen dürfte, so liegt doch ein grosser Unterschied dazwischen, ob man Humanist ist, weil Gott es so will, oder weil man selbst davon überzeugt ist. Volker Dittmar meinte: "Unser Leben hat den Wert, den wir ihm selbst geben. Nur Sachen und Sklaven haben den Wert, den andere ihnen geben."

Man könnte noch mehr anführen. Fassen wir zusammen: Eine wirklich absolut humanismustaugliche Religion müsste einen Gott verkünden, dessen Existenz rational begründbar ist, der den Menschen nicht als erhabene Krone seiner Schöpfung anpreist und keinen vorgefertigten Plan hat, der klarstellt, dass bei der Moral ganz allein der Mensch im Zentrum steht, der den Menschen nicht als verkommen und strafwürdig verurteilt und dem es völlig egal ist, ob die Menschen an ihn glauben oder nicht. Es stellt sich die Frage: Wird so ein Gott irgendwo verehrt?

Der Teufel im Detail?
Wenn humanismusfeindliche Konzepte kaum aus den Religionen wegzukriegen sind, könnte es dann nicht sein, dass sie tatsächlich darin geblieben sind? Dass eine Humanismusdefinition angenommen wird, die Raum lässt für Konzepte, die eigentlich humanismusfeindlich sind?

Denken wir an Diskussionen mit Religiösen, in denen es um "Rationalität" geht. Hätte man am Denkfest ein Podium zum Thema Rationalität abgehalten, so hätten sich unter Garantie von jeder grossen Weltreligion Vertreter gefunden, die ihre Religion als rational bezeichnet hätten. Bei einer tiefgehenden Diskussion hätte sich jedoch gezeigt, dass sie diesen Begriff sehr unterschiedlich definieren und Dinge als rational bezeichnen, die zutiefst irrational sind. Und ich hege den Verdacht, dass es sich auch beim angeblichen Humanismus der Religiösen zumindest vereinzelt so verhält. Bestimmt gibt es Christen und Muslime, die Humanismus so definieren, dass es darum gehe, das Beste für den Menschen zu wollen, und als das Beste für den Menschen sehen sie unter anderem an, dass sich Frauen ihren Männern unterordnen. Der Teufel dürfte wie so oft im Detail stecken - Vorsicht ist geboten.

Eine unnötig schwierige Aufgabe
Eines steht fest: Es ist nicht so, dass die fundamentalistischen Christen und Muslime ihre Religion korrumpiert, verfälscht, pervertiert hätten. Vielmehr haben die Liberalen ihre Religion bereinigt, zensiert, beschönigt. In Diskussionen zwischen den beiden Lagern sind die Liberalen auf verlorenem Posten. Während die Fundamentalisten auf ein ganzes Arsenal an Bibel- und Koranversen zurückgreifen können, bleibt den Liberalen nichts weiter, als auszuführen, dass sie persönlich der Meinung seien, man müsse die "heiligen" Texte in der heutigen Zeit ganz anders betrachten. Zwar betonen sie, dahinter stehe eine Systematik, allerdings ist dabei nichts erkennbar, was von Willkür abgrenzbar wäre, geschweige denn etwas, was wirksam dem Fundamentalismus die Grundlage entziehen könnte.

Das ist eines der Hauptprobleme des religiösen Humanismus: Er beruft sich auf die selbe Basis wie die antihumanistischen Fundamentalisten und spricht sich dagegen aus, die heiligen Bücher, diese Beete voller giftiger Keime, vom Tisch zu fegen. Mit den Methoden der liberalen Religiösen könnte man etwa auch "humanistischen Nationalsozialismus" begründen. Man könnte sagen, zur Zeit Hitlers sei Antisemitismus nun einmal die Norm gewesen und man müsse die üblen Aussagen von "Mein Kampf" lediglich irgendwie in die heutige Zeit einordnen und human auslegen, statt das Kind mit dem Badewasser auszukippen. Sam Harris kritisierte solche Vorgehensweisen in den folgenden Worten:

"Das Problem, das religiöses 'Gemässigtsein' für uns alle aufwirft, besteht darin, dass es dem 'Gemässigten' nicht erlaubt ist, sich allzu kritisch über den religiösen Buchstabenglauben zu äussern. (...) Indem es ihnen nicht gelingt, dem Buchstaben des Gesetzes getreu zu leben, während sie die Irrationalität derer tolerieren, die es tun, versündigen die Gemässigten sich gleichermassen am Glauben und an der Vernunft. Solange die Kerndogmen des Glaubens nicht in Frage gestellt werden - das heisst das Wissen, dass es einen Gott gibt oder was er von uns will - wird religiöse Mässigung nicht dazu beitragen, uns den Weg aus dem Dickicht zu weisen." -Sam Harris in Das Ende des Glaubens

Der evolutionäre Humanismus kommt ganz ohne all den Ballast aus und bietet so eine effektivere Bastion gegen den Fundamentalismus. Denn die Liberalen, die Gemässigten, sagen im Wesentlichen, so falsch lägen die Fundamentalisten nicht. Sie persönlich fänden einfach, dass sie etwas differenzierter auf die Grundlagen kucken sollten. Der evolutionäre Humanismus hingegen löst sich von den gefährlichen Texten und kann ganz frei voranpreschen. Die liberalen Religiösen sagen: "Ja, Gott hat was angeordnet, und es mag in vielen Teilen unmenschlich klingen, aber ich persönlich höre da halt was Humanistisches." Das legitimiert die Basis der Fundamentalisten. Die evolutionären Humanisten hingegen sagen: "Es gibt keinen Grund, anzunehmen, dass es einen Gott gibt, geschweige denn, dass der was angeordnet hat und man darauf hören sollte. Lasst uns selbst darüber nachdenken, was für uns das Beste ist."

Stellen Sie sich zwei Menschen vor, Herrn Liberal und Herrn Evolutionär, die einem dritten Menschen, Herrn Fundamentalist, dabei zusehen, wie der einen Mehlsack durch die Gegend zieht. Herr Liberal sagt ihm: "Das machst du grundsätzlich gut mit dem Schleppen. Aber ich persönlich denke, du solltest den Sack tragen, ich zeige dir wie." Herr Fundamentalist protestiert heftig. Während Herr Liberal und Herr Fundamentalist hitzig über die richtige Schlepptechnik diskutieren, bastelt Herr Evolutionär aus Holz einen Wagen und spannt ein Pferd davor. Dann sagt er zu Herrn Fundamentalist: "Die Technik von Herrn Liberal ist sicherlich besser als Ihre bisherige. Aber wie wäre es denn, wenn wir einfach mit der Schlepperei aufhören?" "Wir sollen unsere geliebte Handarbeit aufgeben?", fragt Herr Liberal empört. "Sie müssen das nicht. Der Sack kommt ja schon auch so ans Ziel", antwortet Herr Evolutionär. "Aber es ginge so leichter. Ich finde, wenn Sie wirklich wollen, dass der Sack zuverlässig an sein Ziel kommt, sollten Sie aufhören, das Schleppen zu legitimieren, Herr Liberal. Aber die Entscheidung liegt bei Ihnen."

Fazit
Ich gebe Michael Schmidt-Salomon Recht, wenn er sagt, dass wir weniger über Worte streiten und uns mehr auf Wirkungen konzentrieren sollten. Die Wirkung von Religion, die sich als humanistisch bezeichnet, ist auf jeden Fall häufig positiv. In den besten Fällen fällt dabei fast alles weg, was jemand wie ich an Religion kritisiert, und das ist grossartig. Aber Schmidt-Salomon sagt wie ich eben auch, dass man nicht vergessen darf, dass enorm fraglich ist, wie Religionen redlicherweise humanistisch sein können. Der religionsfreie evolutionäre Humanismus ist und bleibt die bessere Alternative, denn wenn man an der Basis der Religion festhält, bleibt Raum für den Fundamentalisten-Ballast. Es spielt eine Rolle, wie man Humanismus begründet und was man genau darunter versteht, und darauf muss auch hingewiesen werden dürfen.

Schliesslich wird ein liberaler Religiöser, der darauf hingewiesen wird, dass eine konsequente Religiosität auf jeden Fall im Widerspruch zu Humanismus steht, wohl kaum in den Hardcore-Fundamentalismus abdriften. Ich denke, die Chance ist grösser, dass er in die andere Richtung geht. Man muss sich ja nur fragen: Wenn ich wirklich Humanist sein will, wozu brauche ich dann noch ein religiöses Gewand dafür? Warum quetsche ich die Begründung für meinen Humanismus aus Interpretationen gewisser Einzelteile einer alten Textsammlung, die diesen nie im Sinn hatte, statt einfach aus eigener Überzeugung freier Humanist zu sein?

Kurzum: Ja, religiöser Humanismus ist möglich und löblich - aber fraglich. Die Debatte um die genaue Bedeutung von Humanismus und die Herleitung desselbigen sollte weiterhin geführt werden, damit wir alle zusammen möglichst effektiv und effizient auf eine bessere Welt hinarbeiten können.

-Ihr Scrutator