Sonntag, 10. April 2016

27: Aufzeichnungen eines Aufgewachten, Teil 3: Der angerufene Teilnehmer antwortet nicht

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Essay 3: Der angerufene Teilnehmer antwortet nicht
Meine Zweifel begannen sich erstmals richtig zu erhärten, als ich im Herbst 2014 eine Predigt zum Thema „Begegnung mit Gott“ halten durfte. Schon während des Schreibens, aber besonders im Nachhinein fiel mir auf, dass das eine echte Problemzone in meinem Glauben war. Hatte Gott je mit mir kommuniziert? Wann immer ich das glaubte, geschah es durch Zufälle, die ich natürlich nicht als solche interpretierte, Gefühle, Bibelstellen oder andere Christen  Gott hatte noch nie so mit mir kommuniziert, dass es keine naheliegendere naturalistische Erklärung für das Ereignis gab. Und wenn jemand anderes von einem solchen "Erlebnis mit Gott" berichtet hatte, hatte ich schon fast immer diese leise Stimme meines Verstandes gehört, der dezent darauf hinwies, dass es sich keineswegs mit Sicherheit um eine göttliche Intervention handelte. In der Bibel war das Übernatürliche fast schon omnipräsent  warum war es in unserer Welt so selten und so fragwürdig? Warum gab es bestimmte Gemeinden, in denen der heilige Geist anscheinend Dauergast war? Was machten die besser? Mochte Gott diese Leute lieber – oder lag es am Ende doch nur an den Leuten und es war gar keine himmlische Macht im Spiel..? Welch ketzerischer Gedanke. Doch solche Gedanken begannen sich zu häufen, bis ich mir eines Tages eingestand: "Ich will nicht mehr nur hören, warum mein Glaube der Richtige ist. Ich will wissen, was die Wahrheit ist." Der Bann des "confirmation bias", des Bestätigungsfehlers, der zu bevorzugter Behandlung bestätigender Informationen und Ignoranz und Voreingenommenheit in Bezug auf alles andere führt, war gebrochen.

Ich plapperte in meiner Predigt schliesslich die grosse Motivationsparole nach, die allen enttäuschten Christen gepredigt wird: „Gott spricht auf verschiedenste Weisen! Er kann hinter allem stecken!“. Zu Deutsch: Wenn dir mal was Positives passiert, dann stell‘ dir einfach mal ganz fest vor, Gott sei das gewesen und behaupte dann, er habe dir geholfen, er habe zu dir geredet. Wenn du das nicht fertigbringst, dann hast du zu wenig Glauben, konzentrierst dich zu wenig und/oder musst eine Schulung besuchen. Meine Frage: Was soll das für ein liebender, allmächtiger Vater sein, der so zu einem spricht, dass man sich meditativ konzentrieren und Schulungen besuchen muss, um ihn zu hören, und der noch mehr schweigt, wenn man aufgrund seines bisherigen Schweigens zweifelt? Was für eine innige Beziehung ist das, in der ich die Existenz meines Gegenübers verteidigen muss? Wie würden wir einen Menschen beurteilen, der so vorgeht? 

Stellen Sie sich vor, Sie kommen irgendwo zur Welt und werden mit zahlreichen Geschwistern von Ihrer Mutter grossgezogen. Eines Tages drückt sie Ihnen einen Stapel Briefe in die Hand und sagt, die seien von Ihrem Vater. In den Briefen steht, Ihr Vater sei ein unsichtbarer Zauberer, der über Wasser gehen und Menschen heilen könne. Er liebe Sie sehr. Viele Ihrer Geschwister erhalten ebenfalls Briefe, und in vielen stehen völlig andere Dinge. Als Sie Ihre Mutter fragen, warum Ihr Vater sich denn nie persönlich zeige und Zeit mit Ihnen verbringe, zuckt sie nur mit den Schultern und sagt: "Er will halt, dass du an ihn glaubst, ohne ihn zu sehen." Wie verarscht würden Sie sich vorkommen? Wie würden Sie auf jemanden reagieren, der Ihren angeblich realen Vater in Schutz nehmen und Ihnen vorwerfen würde, es sei doch total egoistisch, zu verlangen, dass Ihr Vater eindeutig und persönlich mit Ihnen in Kontakt tritt (solche Vorwürfe musste ich mir anhören, wenn ich meine Zweifel anderen Gläubigen anvertraute)? Und so ganz nebenbei: Wie könnte sich irgendjemand in die Arme eines Gottes werfen, der das Herz des Pharao verhärtete und schliesslich alle erstgeborenen Kinder in Ägypten umbrachte und ewige Folter als gerechte Strafe ansieht (um nur ein paar seiner zahllosen Gräueltaten zu nennen)?

Gebete – während meiner gesamten christlichen „Karriere“ waren auf diesem Gebiet die Zweifel enorm stark, aber ich verdrängte sie konstant, wie so vieles anderes. Auf godisimaginary.com wird das Prinzip schön erklärt: Christen glauben, Gott beantworte Gebete entweder mit „Ja“, „Nein“ oder „Warte“ – ein Konzept, in dem Gott nicht verlieren kann. Passiert das Erbetene, dann wird der Herr gepriesen. Passiert es nicht, wird er auch gepriesen. Passiert es Jahre später, wird es auch Gott zugeschrieben. Sie können also auch zu einem Milchkarton oder einem Tennisschläger beten und nach diesem Muster genauso unwiderlegbar glauben, dass das Objekt auf ihre Gebete höre. Es wurden zahlreiche Langzeitstudien zu Gebeten durchgeführt, bei denen etwa für manche kranken Probandengruppen gebetet wurde und für andere nicht. Es konnte nicht der geringste Hinweis auf die Wirksamkeit von Gebeten festgestellt werden, was bedeutet, dass der biblische Gott nicht existiert oder dass er sich auf Kosten der Patienten absichtlich vor den neugierigen Wissenschaftlern versteckte. 

Wie absurd, zu Gott zu beten, er möge doch jemandem helfen, seine Zweifel zu überwinden oder die Folgen eines Terroranschlags oder einer Naturkatastrophe zu überstehen. Denkt etwa Gott so: "Ich weiss nicht, ob ich diesen Leuten helfen soll... Aber gut, wenn diese anderen da das unbedingt wollen...." Wie arrogant und naiv, zu glauben, Gott würde uns privilegierten Menschen im Westen helfen, unsere Autoschlüssel zu finden, Prüfungen zu bestehen oder beim Sport zu siegen und zugleich verhungernde Kinder in Afrika eiskalt ignorieren! Dan Barker sagt richtigerweise: Beten ist wie Masturbieren; es fühlt sich nur für dich selbst gut an und bringt der Person, an die du denkst, überhaupt nichts. Eindrücklich auch das Beispiel von Leuten mit amputierten Gliedmassen, ebenfalls von godisimaginary: Wie kommt es, dass man für solche Leute so viel und so innig beten kann, wie man will, ohne einen Erfolg zu erzielen? Warum „heilt“ Gott nur so, dass man immer auch den Zufall dahinter vermuten kann?

Es ist nicht schwer, Gott Dinge zuzuschreiben. Wenn ein Christ eine Bibelstelle liest, die irgendwie gerade zu seiner aktuellen Situation passt, verkündet er danach strahlend, dass Gott zu ihm gesprochen habe. Ich erinnere mich, dass ein Gemeindeglied berichtete, es habe in den letzten Monaten 8-mal dieselbe Bibelstelle gelesen oder zugesandt bekommen, da sei ja jeder Zufall auszuschliessen. Nun ja… Einerseits handelt es sich mit der bereits erwähnten Stelle Römer 8,28 um einen äusserst beliebten Vers, mit dem Christen gern um sich werfen. Zudem hatte der Mann gerade seine Frau an einen anderen verloren, seine Welt lag in Trümmern. Was kann ein Christ da noch für Bibelverse bringen?  Es bleibt nicht viel – ausser vielleicht Römer 8,28. Für den Christen ist sowas eindeutig als Reden des Herrn zu verstehen – enorm naiv und charakteristisch für den confirmation bias, der all die Momente ausblendet, in denen Gott schwieg oder in denen ein gelesener Bibelvers überhaupt nicht passte. Aber das passiert halt, wenn Glaube  das Annehmen von Hypothesen ohne Beweise, sprich Naivität  derart zelebriert wird wie unter Christen.

Auch der Vers selbst (Römer 8,28) ist für Christen relativ leicht zu verteidigen, da jedes Unglück irgendwelche positiven Seiten oder Folgen haben und so als Intervention Gottes mit guten Absichten dargestellt werden kann. Aber das ist äusserst zweifelhaft und entbehrt wie alle Argumente für Gott jeglichen Beweises. Es fehlt der Grund dafür, warum man ausgerechnet an Jahwe glauben sollte und nicht an Allah, Vishnu, den intergalaktischen Herrscher Xenu oder das fliegende Spaghettimonster – Gottheiten, über deren Unglaubwürdigkeit sogar Christen gerne lachen, weil es übernatürliche Thesen sind, für die es keine Beweise gibt. Und auch der allmächtige, allwissende Gott der Bibel will uns offenbar jeglichen Beweis für seine Existenz verweigern, er will sich anscheinend niemals unbestreitbar offenbaren. Auch der Zweifler Thomas oder Saulus bzw. später Paulus brauchten Beweise, bevor sie glauben konnten, und laut der Bibel gab Gott ihnen, was sie brauchten. Warum gehe ich leer aus? 

Ich verspreche euch, liebe Ex-Geschwister im Glauben: Wenn Jesus bei mir vorbeischauen und mir handfeste Beweise mitbringen würde, dann wäre ich wieder an Bord. Es ist ja nicht so, als hätte ich es nicht versucht, als hätten ich und andere Gott nicht unzählige Male angefleht, er möge sich mir doch eindeutig zeigen. Wenn es euren Gott gibt, dann sieht er ganz genau, was in mir los ist und wie er mich wieder für sich gewinnen kann  doch er schweigt weiter. Das Volk Israel hatte Beweise und glaubte doch nicht, sagt ihr. Schon mal bemerkt, dass ihr damit bestätigt, dass ein Gottesbeweis nicht wie oft von euch behauptet den freien Willen einschränkt (auch Satan weiss ganz genau, dass es Gott gibt, und konnte sich doch gegen ihn entscheiden)? Einmal davon abgesehen, dass israelische Archäologen keinen einzigen Hinweis für die Wahrheit der Exodusgeschichte gefunden haben, ist es hier vor allem wichtig, zu realisieren: Die Israeliten glaubten sehr wohl – sie gehorchten bloss nicht. Ich hingegen wende mich nicht von Gott ab, weil ich wütend auf ihn bin oder weil ich eine rebellische Phase durchmache  ich bin nicht mehr davon überzeugt, dass es Gott überhaupt gibt. Wäre ich Gott und sähe, dass sich Leute auf diese Weise von mir abwenden, dann hätte ich das Gefühl, einiges falsch gemacht zu haben. 

Doch statt sich wieder und wieder all diese Fragen zu stellen, kann man auch einfach einmal annehmen, dass dieser Gott nicht existiert. Und was passiert dann? Alle Fragen und Widersprüche lösen sich in Luft auf. Unsere Welt sieht genau so aus wie eine Welt, in der es den biblischen Gott nicht gibt, aber in der Leichtgläubigkeit, Angst und Ignoranz weit verbreitet sind.

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