Sonntag, 3. April 2016

26: Aufzeichnungen eines Aufgewachten, Teil 2: "You're All I Need"


Essay 2: „You’re All I Need“
Der Jahresvers meiner Gemeinde hiess letztes Jahr: „Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens…“. Das Zitat illustriert eine Folge lebenslanger christlicher Indoktrination: Man kennt keine andere Grundlage für ein glückliches Leben als den Glauben an die Bibel. Man liest und singt, Gott sei die einzige Freude, die einzige Zuflucht, die einzige Hoffnung. Und so nimmt das Christentum, das sich immer wieder von Sekten zu distanzieren versucht, sektenhafte Züge an. Man gerät in eine Abhängigkeit, die als Ausstiegsprävention angesehen werden kann, genauso wie etwa die Vorstellung, hinter jedem Zweifel stecke der Teufel, der einen ins Unheil stürzen wolle. Der Umgang mit Zweifeln ist bei Christen zutiefst gestört: Sie versuchen, ihre Zweifel zu "überwinden"; das Ziel ist von vornherein, wieder "zu Gott zurückzufinden". Wenn Sie eine Rechenaufgabe gelöst haben und beim Überfliegen des Rechenweges Ungereimtheiten finden, wie gehen Sie dann vor? Sagen Sie sich: "Mein Ergebnis muss einfach stimmen. Ich muss nur fest daran glauben. Auch wenn es in diesem Rechenweg fragwürdige Sachen hat  wer sagt denn, dass es nicht möglich ist, am Ende zu diesem Ergebnis zu kommen? Ich fände es doof, wenn ein anderes Ergebnis herauskäme, also warum sollte ich mir das Leben erschweren?". Das ist eine weitere Hürde: Angst vor der "gottlosen Welt".

Die Bibel lehrt, dass es abseits des Glaubens nichts gebe (allerdings wie so oft nicht konsistent). „Die Welt“ wird vom christlichen Autor John Eldredge als ein grosser Feind beschrieben, der sich in Form verschiedenster Menschenansammlungen zeige und dessen einziges Ziel es sei, Christen zu schaden. Wieder ein Schlag gegen Offenheit. Was „weltlich“ ist, sei schlecht, und die Welt soll man hassen (Johannes 12, 25). Was denn nun „weltlich“ bedeutet, darüber wird in christlichen Kreisen gestritten. Die einen verbieten ihren Kindern, Rockmusik zu hören oder Jeans zu tragen, während andere die Popkultur genauso akzeptieren und einsaugen wie alle anderen auch. Und Letztere haben – bewusst oder in den meisten Fällen wohl eher unbewusst – schon einmal etwas kapiert: Ein „heiliges“, konsequent biblisches Leben ist schrecklich und widerstrebt dem Wesen eines Menschen mit gesundem Verstand zutiefst. Klar, einige der Gesetze sind schön und gut, liebe deinen Nächsten wie dich selbst, jaja. Darauf reduzieren engagierte Christen die Richtlinien, damit ihr Bild vom liebenden, guten Gott in ihrem Alltag bestehen bleibt. Aber das ist noch nicht einmal die halbe Wahrheit.

Das Gesetz – von dem Jesus zufolge kein Strichlein jemals ungültig geworden ist (Matthäus 5, 17-20 / Lukas 16, 17) – ist voll von unmenschlichen und sinnfreien Passagen. Unfolgsame Teenager soll man steinigen. Ein Typ, der am Sabbat Holz sammelt, wird von Gott zum Tode verurteilt. Hexen darfst du nicht am Leben lassen. Wer andere Götter anbetet, muss ermordet werden. Sklavenhaltung ist OK. Von Frauen, die gerade ihre Tage haben, muss man sich fernhalten. Das sind Gesetze, die niemand braucht  ganz im Gegenteil. Kommt noch dazu, dass immer wieder geschrieben steht, etwas – etwa die Homosexualität – sei verboten, weil es Gott nicht gefalle. Seit ich das realisiert habe, fange ich innerlich fast an zu kochen, wenn wieder irgendein Indoktrinierter erzählt, das Gesetz sei „nur zu unserem Schutz da“. Das Gesetz ist in vielerlei Hinsicht amoralisch und unmoralisch, denn bei Moral geht es um das Vermindern von Leiden und das Fördern von Wohlergehen von Menschen, und viele von Gottes Regeln haben damit nichts zu tun. Die 10 Gebote verblassen neben der Grundregel des Jainismus, die besagt, dass man keinem Lebewesen etwas zuleide tun solle. 

Sehen Sie sich etwa einmal an, wie die Gesetze formuliert sind, die als Gründe für das Verbot von Sex vor der Ehe dienen: Es steht, wenn sich herausstellt, dass eine Frau bei der Hochzeit nicht Jungfrau gewesen sei, so sei sie auf den Stiegen ihres Vaterhauses zu Tode zu steinigen (5. Mose 22, 13-21) und wenn einer mit einer Unverheirateten schläft, wird sie nach Zahlung eines Bussgeldes zu seinem Eigentum und die beiden müssen heiraten (5. Mose 22, 28+29). Wenn ich das lese, sehe ich dahinter keinen liebenden Gott, der möchte, dass junge Leute in ihren Partnerschaften übervorsichtig vorgehen, sondern irgendwelche sexistischen, rückständigen Nahostpatriarchen, denen die Jungfräulichkeit heilig ist und die eine „gebrauchte“ Frau als wertlose Ware betrachten. Diese Gesetze brauchen wir nicht  ganz im Gegenteil. Mit meinem ungläubigen Staunen, das früher aufkam, wenn ich mit all den zahllosen Gräueltaten der Kirchengeschichte konfrontiert war, ist es nun endlich vorbei: Die Inquisition und die Unterdrückung von Frauen lassen sich anhand dieser Bibelstellen problemlos rechtfertigen, und Jesus hat sie wie erwähnt nicht abgeschafft. Das war eine Lüge von Paulus.

Dann ist da noch die Krux mit Gottes Liebe. Der Hauptgrund dafür, dass die Bibel so erfolgreich ist, ist nicht etwa der Respektable und Wünschenswerte; nämlich, dass sie besonders glaubwürdig wäre. Nein, die Wurzeln aller Religion sind Ignoranz und Angst. Addieren Sie "Ich weiss nicht, wie die Welt entstanden ist und was der Sinn meines Lebens ist" und "Das Leben ist hart und ich fürchte mich vor dem Tod", und Sie wissen, woher Religion kommt und warum wir so anfällig dafür sind. Die Bibel verspricht einfache, angenehme Antworten; sie verspricht genau das, was sich die Menschen von Natur aus am meisten wünschen: Sicherheit, Liebe, Hoffnung. Wie erfolgreich wäre die Bibel, wenn sie lehren würde, dass Gott niemandem helfe und alle Menschen in die Hölle kommen? Stattdessen ist die Rede von einem guten Gott, der alles in der Hand hat, von ewigem Leben mit allen Liebsten und bedingungsloser Liebe... Verlockend. Wie missionieren Christen? Mit logischen Argumenten? Nein, sie erzählen von Gottes Liebe und Vergebung. Der Erfolg der Bibel hat mit Glaubwürdigkeit herzlich wenig tun, machen Sie sich das einmal bewusst: Die Hauptfaktoren sind/waren die Entscheidung der Römer, das Christentum zur Staatsreligion zu machen, Zwangskonvertierungen im Mittelalter, elterliche Indoktrination und das Ausnutzen der menschlichen Ängste und Unsicherheiten. 

Besonders jungen Christinnen wird immer eingebläut, dass ihnen egal sein solle, was die anderen über sie sagen und denken, da Gott sie perfekt fände und über alles liebe. Klingt nett. Ich frage mich nur: Was bringt es dir, wenn dich ein abwesender, unsichtbarer Typ toll findet? Was hast du davon? Gleiches gilt für die Hoffnung, verstorbene geliebte Menschen wiederzusehen: Gläubige trauern wie alle anderen auch. Und laut Studien sind Gebete gleich effektiv wie das Hoffen auf's Glück. Wieder haufenweise Zeug, das wir nicht brauchen. Auch Gottes Schutz präsentiert sich mir als riesiger Witz. Christen danken bei jeder Gelegenheit Gott dafür, dass er sie beschützt habe. In der Bibel steht immer wieder, dass Gott wie eine sichere Burg sei, in der man sich geborgen fühlen könne. Nicht ganz – Gott hat da Paragraph Römer, Absatz 8, Zeile 28 in seinen AGB: Alle Dinge dienen den Gläubigen zum Besten. Er kann mit dir machen, was er will. Egal was geschieht, jede beliebige Tragödie kann sein Wille für dich sein. Das war’s mit der Sicherheit – man kann sich vor den Spielchen dieses Gottes nie sicher fühlen. Nicht wenigen Frauen ist zum Beispiel eine Vergewaltigung und nicht wenigen Kindern der Hungertod vorherbestimmt. So einen Pseudo-Schutz brauchen wir nicht. 

Was brauchen wir denn nun, was uns das christliche Leben exklusiv bieten könnte? Sind die Leute nur in der Kirche lieb und hilfsbereit? Quatsch – und ausserdem gibt es ausserhalb der Kirche vielleicht sogar mehr Leute, die aus eigener Überzeugung nett sind und nicht deshalb, weil das Gott halt befohlen hat und man ihnen andernfalls mit dem Höllenfeuer droht. Wie leben denn die Christen heutzutage? Sie leben – mit Ausnahme der Mönche und Nonnen – angepasst in der Welt, leben meist nicht so, als sei das hier nur die "Hauptprobe", zu dem die Bibel das irdische Leben macht, und verhalten sich kaum anders als die Ungläubigen. Sie leben ein im biblischen Sinne eigentlich ziemlich gottloses Leben, sie fühlen sich in den weltlichen Umgebungen sogar nicht selten wohler und entspannter als dort, wo sich alles um Gott drehen muss. Wer würde "Tag und Nacht über das Wort des Herrn nachsinnen" wollen? Wer würde ständig in "keuschem Wandel" durch die Welt gehen und "die Welt hassen" wollen? 

Geborgenheit und Freude kommen auch in der Kirche nicht von oben; sie entstehen durch soziale und psychologische Faktoren und nicht etwa durch den unbewiesenen heiligen Geist. Die Stimmung bei grossen christlichen Jugendmeetings ist nichts Übernatürliches. Der beste Beweis dafür ist, dass so viele junge Leute Gemeinden mit guten Bands vorziehen. Würde man bei der Anbetung tatsächlich Gott spüren, dann wären Qualität der Musik und Anzahl und Gemütsverfassung der Menschen um einen herum ja wohl keine Faktoren. Aber das sind sie. Meine lieben Christinnen und Christen: Nimmt Gott wirklich unbestreitbar praktisch an euren Leben teil und spielt die Hauptrolle, die ihr zum Ideal erhebt? Ist es nicht vielmehr so, dass er abwesend ist und ihr ihm alles krampfhaft in die Schuhe schieben müsst, um ihn in euren Leben zu sehen? Sagt Jesus etwa die Wahrheit, wenn er sagt: „Ohne mich könnt ihr nichts tun“? Spüren wir nicht, dass das nicht stimmt? Deswegen ignorieren wir doch so viele Gesetze und andere Aussagen der Bibel! Wir spüren, dass da viel Unsinn dabei ist. Gott ist abwesend. Und die naheliegendste Erklärung dafür ist bei einem angeblich beziehungswilligen Gott nicht, dass Gott aus mysteriösen Gründen riskiert, dass Leute aus Unglauben von ihm abfallen, sondern dass er nicht existiert. Bedenkt eins: Unsichtbares und Inexistentes sehen einander sehr ähnlich.

->Zu Teil 3 der "Aufzeichnungen eines Aufgewachten"<-

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Wow, der Artikel ist so ziemlich der Beste, der hier erschienen ist und hab den Link gleich mal an Freunde und Kollegen verschickt. Er trifft denke ich den Nagel voll auf den Kopf und zeigt sehr stringent und direkt die Realität. Mein aufrichtiger Respekt, denn so deutlich habe ich nur selten eine Charakterisierung des Christentums gelesen.
Eine Passage ist mir ganz besonders ins Auge gestochen:
"Addieren sie ‚Ich weiss nicht, wie die Welt entstanden ist und was der Sinn meines Lebens ist‘ und ‚Das Leben ist hart und ich fürchte mich vor dem Tod‘, und sie wissen, woher Religion kommt und warum wir so anfällig dafür sind."
Stammt diese direkt aus deiner Feder? Weil sie ist schon selten genial und ich hab sie mir gleich notiert und würde gerne die richtige Quelle referenzieren.

Wegen des Gastartikels. Grundsätzlich schreibe ich natürlich sehr gerne einen Artikel, obgleich meine Zeit leider begrenzt ist. Daher würde ich vorschlagen, dass ich mich erst mal bei dir vorstelle (z.B. per Mail), meine Hintergründe schildere.
Liebe Grüße
Florian

R.D. hat gesagt…

Danke für die Blumen und die Publicity ;) =) Die angesprochene Passage stammt tatsächlich von meiner Wenigkeit.

Kein Problem - schreib mir doch via Kontaktbox und nenne mir da deine Mailadresse!

Anonym hat gesagt…

Alles klar, ist erledigt