Mittwoch, 11. Mai 2016

32: Ein paar Gedanken

23:36. Ich sitze im Zug von Basel nach Zürich. Es ist dunkel draussen, und gelegentlich erleuchtet eine Strassenlampe die vorbeirasenden Büsche. Ich starre gedankenverloren aus dem Fenster. Ich, der Abgefallene, der Ketzer, der Lone Ranger, der einsame Kämpfer, den seine ehemaligen Verbündeten für verwirrt und verblendet halten. Es ist ein schmerzvolles und einsames Dasein, aber ja, es hat etwas Cooles. Und ich weiss, dass ich jetzt etwas kann, das all meine ehemaligen Glaubensgeschwister nicht können: Praktisch vorbehaltlos und überzeugt hinter meiner Haltung in religiösen Fragen stehen und stundenlang starke Pro-Argumente nennen und sämtliche Kontra-Argumente entkräften, ohne mich je auf Glauben berufen zu müssen. Denn mein Übertritt zum agnostischen Atheismus war die informierteste Phase meines Lebens, in die ich rund 2 Jahre investiert habe und an der ich noch immer kritisch arbeite. Ich recherchierte, reflektierte, redete mit Leuten beider Seiten, hörte mir Vorträge beider Seiten an, kippte mal auf die eine, dann wieder auf die andere Seite und legte schliesslich in der glücklichsten Phase meines Lebens den Glauben an Jahwe ab. Nein, das war definitiv keine emotionale Angelegenheit. Auf die Idee, jemand würde aufhören, Gott für real zu halten, weil er wütend auf ihn ist, können echt nur intellektuell besonders herausgeforderte Christen kommen. Nein - mein Entscheid, mich dem Glauben hinzugeben, das war ein emotionaler Entscheid gewesen. Und den Glauben überhaupt zu haben, war überhaupt nicht meine Entscheidung gewesen.

Meiner Eltern hatten mir Gott aufgedrückt, indem sie die Bibel als Fakt dargestellt und keine anderen Meinungen durchgelassen hatten. Ist doch ganz einfach - Luft sieht man ja auch nicht, und man glaubt trotzdem dran! So indoktriniert man Kinder auf einfache und scheinbar harmlose Weise mithilfe eines ignoranten Fehlschlusses. Luft kann man messen und sichtbar machen, Gott nicht. Und was weder sichtbar noch messbar ist, ist von etwas, das nicht existiert, nicht zu unterscheiden, also Vorsicht mit dem Glauben. Doch ich schluckte das Ganze natürlich - die Natur hat es ja so eingerichtet, dass das junge Kind seinen Eltern voll vertraut. Als ich nach dem Suizid meines Vaters "Das Skript" von John Eldredge las, gefiel mir dessen an die Bibel angelehnte Philosophie so gut, dass ich beschloss, die ganze Sache mit dem Christentum noch ernster zu nehmen. Indoktrination und emotionale Irrationalität - so gelangt man zum Glauben an die Bibel. In seinem Song "Belief" beschreibt John Mayer den Glauben treffend als "die chemische Waffe für den Kampf im Innern" - er tötet die schwierigen Fragen des Lebens ab, indem er sie einfach mit einer "Gott-Antwort" beantwortet. Doch wenn die Rationalität und das kritische Denken diesen chemischen Angriff überleben, dann ist die Hoffnung noch nicht verloren. Und so war es bei mir. Und jetzt gehe ich mit einem praktischen Werkzeugkasten durch die Welt, der allerlei Tools zur Erkennung und Dekonstruktion von Bullshit enthält. Gerade erst habe ich ihn wieder gebraucht.

Am Montag hatte nämlich einer diese kolumbianische Missionarin zum Fussballtraining mitgebracht. Und in der Pause musste die uns natürlich eine Predigt halten. Mit hochgezogener Augenbraue hörte ich zu. „Glaubt an Gott, dann wird er sich euch zeigen! Es gab Zeiten, da verliess ich mich auf mich selbst, und wisst ihr was? Ich wurde depressiv, denn ich sah all meine Schwächen und mein Versagen, und ich heulte bloss.“ Alles klar. Ich soll also zunächst einmal Gottes Existenz akzeptieren, bevor und damit sie mir bewiesen wird – Ersteres ist völlig irrational, Letzteres gelogen, denn auch nach 20 Jahren Glaube kriegt man keinerlei Beweise und muss immer noch glauben. Und dann der Kern der Sache: Es geht der Frau Missionarin nicht so sehr darum, die richtige Weltanschauung zu haben, sondern eine möglichst Tröstliche. Klasse, bin dabei. „Einige von euch werden sagen: ‚Wo ist Gott, ich sehe ihn nicht? Beweis es!‘“. Oho! Ich horchte auf und erwartete aus Erfahrung das Schlimmste. „Aber die Sache ist die: Wir sind in Gott! Er ist überall um uns herum!“. Ich musste mich beherrschen, um nicht lautstark meine Handfläche gegen meine Stirn zu klatschen. Gott einfach voraussetzen, um den Bedarf einer Rechtfertigung zu umgehen - wie man so etwas an den für kritisches Denken zuständigen Fakultäten des menschlichen Gehirns vorbeischmuggeln kann, ist mir schleierhaft. Die Paulus-Masche funktioniert nicht, Kleine. Das kleine, leicht missratene Blümchen da drüben auf dem Rasen beamt nun mal einfach keinem einzigen Menschen das Wissen über die Existenz des biblischen Gottes Jahwe ins Gehirn. Vielleicht sind manche geneigt, so einem Blümchen eine schöpfende Hand zuzuschreiben, aber selbst wenn jemand so eine willkürliche These aufstellt, ist damit noch nicht geklärt, wem diese schöpfende Hand gehört. Ah, ich weiss schon, das ist der Moment für das Argumentum ad ignorantiam: Wir wissen nicht, wer es war, also war es Jahwe. Lass mich Neil de Grasse Tyson zitieren: „Du hast gerade gesagt ‚Ich weiss es nicht‘. Das heisst, dass du an diesem Punkt aufhören solltest!“. Wenn es keine Erklärung gibt, dann gibt es keine Erklärung – basta. Menschen mögen keine Ungewissheit, aber man muss wissen, wann man sie zu akzeptieren hat (bei diesem Blümchen müssen wir das nebenbei nicht - es gibt da diese hochinteressante, unerhört gut belegte Evolutionstheorie...).

Die Missionarin hatte derweil munter weitergeplappert, unterstützt von ihrer unangenehm inkompetenten Dolmetscherin, die nebenbei grinsend anmerkte: „Sie hat das Feuer des heiligen Geistes!“. Oh nein, meine Liebe, das hat sie gewiss nicht, denn wenn sie es hätte, dann bräuchte sie deine Hilfe nicht. Laut Bibel hat der heilige Geist Babelfisch-Skills und übersetzt die gute Nachricht automatisch in die Sprachen der Anwesenden. Aber was soll’s, im christlichen Universum gibt es für jeden unerklärlichen Umstand eine Totschlag-Antwort, Gottes Wege sind eben höher als unsere bzw. unergründlich. Hinterfragen verboten, schon klar, kenn ich noch von früher. Brauch ich nicht mehr. Ich grinse, während mein Zug in Zürich einfährt. Adieu, ihr Gläubigen. Oder was man halt so sagt, wenn man nicht mehr nur von den meisten, sondern von sämtlichen altertümlichen Mythen nicht mehr überzeugt ist.

- Ihr Scrutator

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