Mittwoch, 18. Mai 2016

34: "Lebensfragen" - Ein missionarischer Flyer im Scrutator-Check

Ich bin auf dem Nachhauseweg von der Fachhochschule und erkenne schon von Weitem, was das für Menschen sind, die mir da entgegenkommen. Mit Anzug, Krawatte und Bibel ausgerüstet lauern sie unbescholtenen Bürgern auf, die auf dem entsprechend benannten Bürgersteig zu finden sind. Der eine der beiden Zeugen Jehovas grinst mich an und hält mir einen Flyer hin, während er sagt: "Grüezi. Ich habe hier etwas zum Lesen für Sie, über die grossen Fragen des Lebens. Wenn Sie wollen, können Sie auch mal unsere Website besuchen." Ich blicke ihn mit hochgezogener Augenbraue an, nehme dann aber den Flyer und bedanke mich. Die beiden gehen weiter, und während ich den Flyer näher inspiziere, weiss ich bereits: Das gibt 'nen Blogeintrag.

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Fangen wir am Anfang an. Rechts sehen Sie das Titelblatt des Flyers. Durch das Smartphone mit Touchscreen soll das Ganze wohl zeitgemäss wirken. Und es fällt sofort auf: Die Masche, die verwendet wird, ist die, die Neil Carter als "Heartstrings Method", also quasi "Tränendrüsen-Methode" bezeichnet: Man versucht, die Leute dort zu packen, wo sie emotional und verunsichert sind. Den Urhebern des Flyers fehlt es an logischen, rationalen Argumenten, und deswegen führt der einzige Weg, über den man noch an die Leute rankommen kann, über Emotionen. Mit "Lebensfragen" sind wahrscheinlich folgende Fragen gemeint: "Wer bin ich?", "Wo komme ich her?", "Was ist der Sinn des Lebens?", "Was passiert nach dem Tod?". Wenn sich die drei unten auf dem Flyer genannten Subjekte in einer Diskussion mit diesen Fragen auseinandersetzen würden, sähe das Gespräch etwa so aus:

Wissenschaft&Philosophie: "Wir haben keine gesicherten Antworten."
Bibel: "Ich habe Antworten."
Wissenschaft&Philosophie: "Wo hast du die her?"
Bibel: "Von Gott. Man muss halt dran glauben..."
Wissenschaft&Philosophie: "Deine Antworten sind unglaubwürdig.
Wir lehnen sie ab."
Bibel: "Pah, immerhin habe ich Antworten und ihr nicht!"

Wie sagte doch Matt Dillahunty: Die Hauptquellen von Religion waren Ignoranz und Angst. Die Wissenschaft ist ehrlich und gibt zu, wenn sie etwas nicht weiss. Das verunsichert viele Menschen. Menschen wollen Gewissheit haben. Und auf diese Menschen kommt dann die Religion zu und sagt: "Ich habe Antworten, und nicht nur das: Sie sind auch noch toll und tröstlich und hoffnungsvoll!". Aber dass die Wissenschaft etwas nicht weiss, bedeutet in keinster Weise, dass die Religion es erklären kann. Die Wissenschaft stützt sich auf Belege, während die Religion willkürlich Behauptungen aufstellt, die blind geschluckt werden müssen. Und es ist ja nicht so, als hätten Wissenschaft und Philosophie zu den grossen Fragen des Lebens nichts zu sagen! Aber um das zu erfahren, muss man sich halt ein wenig weiterbilden, und gerade die Wissenschaft bleibt halt immer ehrlich und darum vorsichtig dabei und wird nicht dogmatisch.

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So, wie geht's denn weiter?

Damit? Ernsthaft? Da kann man nur herzlich lachen. Ein Buch wird also wahr, wenn es sich selbst als wahr bezeichnet? Nun, dann wird's ein wenig kompliziert, denn dann stimmen auch der Koran, das Buch Mormon, das Känguru-Manifest... Sagen wir mal so: Glaubwürdigkeit sieht anders aus. Da gibt's keine willkürlichen Extrawürste, und eigentlich wisst ihr das ja. Sonst wärt ihr ja muslimische Mormonen Jehovas im asozialen Netzwerk. Schwierig.



Weiter im Text. Es folgt ein Beliebtheitsargument. Meine lieben Zeugen Jehovas, auch da wisst ihr doch eigentlich, dass euer Argument Quatsch ist. Millionen von Menschen finden ihre Antworten im Koran, und da zählen für euch die Zahlen nicht, ihr haltet den Koran dennoch für Schwachsinn. Das ist erneut "special pleading" für euren Glauben. Und so nebenbei: Die allermeisten der Menschen, die ihre Antworten in der Bibel finden, haben andere Antworten gefunden als ihr. Macht einen ein wenig stutzig, besonders nachdem man Johannes 17, 20+21 gelesen hat, wo Jesus spricht: "Ich bitte aber nicht allein für sie, sondern auch für die, so durch ihr Wort an mich glauben werden, 21 auf daß sie alle eins seien, gleichwie du, Vater, in mir und ich in dir; daß auch sie in uns eins seien, auf daß die Welt glaube, du habest mich gesandt."


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Ich stelle fest, dass sich diese Missionarsflyer heutzutage kürzer fassen als in der Vergangenheit. Nach einigen Verweisen auf die Website der Zeugen und einigen Bildchen finde ich mich auch schon auf der letzten Seite des Flyers wieder. Und was da steht, sehen Sie rechts. Es wird nochmal ordentlich versucht, die Tränendrüse zu reizen. Wenn ihr's wirklich wissen wollt, liebe Zeugen: Ja, diese Fragen beschäftigen mich. Ich teile euch gern meinen Wissensstand dazu mit.

Hat das Leben einen Sinn? Das ist eine Frage der Perspektive. Aus evolutionärer Sicht sind wir da, um uns fortzupflanzen und so den Fortbestand unserer Spezies zu sichern. Dass wir überhaupt entstehen konnten, ist das Resultat der Umstände auf diesem Planeten. Nichts deutet darauf hin, dass diese Ursachen nicht willenlos und willkürlich waren. Gerade weil wir einfach durch den evolutionären Prozess aus der Natur hervorgegangen sind, sind wir faszinierende Wesen, aber zugleich sollten wir uns nicht zu besonders fühlen, denn wir sind nicht "optimal designt", und Zustände wie auf der Erde gibt es auf zahllosen Planeten im Universum. Es ist alles andere als unwahrscheinlich, dass wir irgendwo mal noch anderes Leben finden werden. Es gibt keinen Grund zur Annahme, dass es abgesehen von der Fortpflanzung einen festen Sinn des Lebens gibt, der von aussen kommt. Aber wir sind mittlerweile so intelligent geworden, dass es uns möglich ist, uns von der blossen Fortpflanzung zu emanzipieren und uns eigene Ziele zu stecken, eigene Träume zu verfolgen. Das Leben ist, was du draus machst. Das ist unsere Herausforderung und unser Privileg.

Ist Gott an allem Schuld? Fragt Epikur. Ist Gott allwissend, allgegenwärtig, allmächtig und allgütig, so kann er jegliches Übel ohne jegliche Probleme auf unendlich viele verschiedene Arten verhindern und ist folglich immer mitverantwortlich, wenn etwas Schlechtes geschieht. Folglich ist Gott entweder ein Arsch, ein Schwächling oder eine Einbildung, und schon ist eure These kaputt. Ich verweise diesbezüglich gern auf meine Blogeintragsreihe zur Heilsgeschichte.

Was ist nach dem Tod? Das wissen wir nicht. Aber es gibt keine Belege, die Anlass zur Vermutung geben, dass es etwas anderes ist als das, was vor der Geburt ist: Nichts. Und das macht das Leben vergänglich und dadurch zu etwas Besonderem. Es ist für manche Menschen nicht einfach, damit fertig zu werden, dass irgendwann einmal alles vorbei ist. Aber das Leben ist nicht kurz, es ist das Längste, was einem widerfährt. Die Leute reden immer davon, sie hätten "eine Ewigkeit" an einem Bericht geschrieben oder "endlos" beim Arzt warten müssen - aber das Leben sei ja "so kurz". Das ist es nicht, und auch wenn es nicht unendlich ist, kann man doch genau deswegen das Zeitfenster, das man bekommt, auf ganz besondere Art schätzen lernen. Und Angst ist unangebracht, wie Mark Twain uns erklärt: "Ich fürchte den Tod nicht. Ich war Milliarden und Abermilliarden Jahre tot, bevor ich geboren wurde, und es hat mir nicht die geringsten Unannehmlichkeiten bereitet."

Fazit
So, meine lieben Zeugen: Euer Flyer ist ein echter Reinfall. Einerseits, wenn man unter "Reinfall" "Flop" versteht, denn er ist unglaubwürdig und hat nichts mehr zu bieten als Emotions-Köder. Aber genau deswegen ist er auch ein Reinfall im Sinne von etwas, auf das Leute reinfallen. "Weg mit der Logik, ich will tröstliche Antworten!" - wer so denkt, der ist eurem übernatürlichen Unsinn schutzlos ausgeliefert. Aber die Statistiken zeigen ja glücklicherweise, dass die Leute immer besser im kritischen Denken werden und immer weniger etwas mit den willkürlichen, übernatürlichen Behauptungen von euch und euren irrationalen Kumpanen der verschiedenen Religionen zu tun haben wollen. Was findest du dazu, Jogi?



- Ihr Scrutator

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