Donnerstag, 9. Juni 2016

35: Liebe & Logik - Was sich der Scrutator so alles anhören darf


Mein Blog ist jetzt 5 Monate alt. Süss, der Kleine, oder? Oh nein. Er beisst. Und zwar besonders, wenn er Aberglauben riecht. Und diesen Aberglauben gibt es immer noch. Um das zu demonstrieren, zeige ich Ihnen heute die faszinierendsten Aussagen von Gläubigen, mit denen ich in meiner bisherigen Karriere als Religionskritiker in Kommentaren und Chats konfrontiert wurde. Lachen Sie, heulen Sie und staunen Sie.






"Ihr habt keine Gesetze, bitte zeig mir wo eure Gesetze sind, wo steht geschrieben das ihr nicht töten, stehlen, Kinder schänden und vergewaltigen dürft, was würde einen Gottlosen davon abhalten Sex mit seinen Eltern zu haben, oder mit seinen Kindern."

"Als die Israeliten fragten: Warum sollen wir auch die Babys töten?" Antwortete Gott "Weil ich etwas sehe, was ihr nicht sieht und ich etwas weiss, was ihr nicht wisst "

Tut mir leid, dass ich Sie gleich zu Beginn so schocke, aber die Wahrheit kann eben wehtun. Ja, Sie sehen richtig: Hier glaubt jemand im aufgeklärten Europa des 21. Jahrhunderts, es könne Rechtfertigungen für Völkermord geben. Er sagt zuerst, relative Moral sei furchtbar und führe zwangsläufig zu Chaos, bevor er dann seine eigene Moral relativiert, um Gott freizusprechen. Ja, Moral ist relativ, get over it. Wenn jemand nicht mit Moral einverstanden ist, kann man ihn nicht daran hindern. Das macht es aber nicht unmöglich, dass wir Gesetze entwickeln, indem wir uns daran orientieren, dass wir aufgrund von Empathie und einem Ideal von funktionierender Zivilisation menschliches Leid vermindern und menschliches Wohlergehen fördern wollen. Und da wir selbst von der Güte unseres Handelns überzeugt sind, sind wir tatsächlich gut - im Gegensatz zu den Christen, die behaupten, sie könnten nur gut sein, weil ihr übernatürlicher Aufpasser es ihnen befohlen habe.

"naja die evolutionstheorie nach darwin wurde schon lang wiederlegt"

"Atheisten sind Tiere, sie leben wir Tiere und sie werden als Tiere sterben, ich bezeichne euch nicht mal als Menschen, weil ihr doch sowieso glaubt das ihr von Tieren abstammt."

"Die Evolution wurde nie bewiesen, genauso wenig wie die Urknalltheorie."


Nein, solche Leute gibt es nicht nur in den USA. Ich stimme Michael Schmidt-Salomon zu, der befindet: 

"So erzählt man Kindern oft schon im Kindergarten, spätestens jedoch ab der ersten Klasse den naiven 'Backe-backe-Kuchen-Mythos' der biblischen Schöpfungsgeschichte, enthält ihnen aber die damit im Widerspruch stehenden Erkenntnisse der Evolutionsbiologie vor. Wenn überhaupt, so werden Schülerinnen und Schüler erst im zehnten Schuljahr eingehender mit dem Thema 'Evolution' konfrontiert, bis dahin jedoch haben sich kreationistische Vorstellungen in ihren Köpfen längst verankert. Fragen Sie sich selbst: Müsste es nicht genau andersherum sein? Müssten wir den Kindern nicht erst einmal vermitteln, was wir mehr oder wenige gesichert über die 'Natur der Dinge' wissen (Evolution), bevor wird fragwürdige Weltdeutungen (Schöpfungslehre) an sie herantragen, deren Problematik sie gar nicht abschätzen zu können, da ihnen dazu das notwendige Grundwissen fehlt?"
Michael Schmidt-Salomon (2012): Keine Macht den Doofen, S. 94

Schmidt-Salomon und die Giordano Bruno-Stiftung setzen sich glücklicherweise dafür ein, dass die evidenzbasierte Evolutionsbiologie früh genug in den Lehrplan integriert wird. Hier noch kurz ein kleiner "Grundkurs", der mir persönlich damals in meiner Ignoranz sehr half:


"Wenn ein Zug durch einen Tunnel fährt und es dunkel wird, dann wirfst du nicht dein Ticket weg und springst raus. Du bleibst sitzen und vertraust dem Lokführer. Vertrau Gott, egal, wie dunkel deine Situation aussieht. Gott sagt: 'Du kommst wieder raus!'"

Ach nein, wie wundervoll - die Theodizee-Frage wurde geklärt! Stimmt, ein Hund, der geimpft wird, sollte sich ja auch nicht über die schmerzende Spritze beklagen, denn es gibt nun mal keine andere Möglichkeit, ihn zu schütz... Aha, da haben wir ja das Problem. Ihr Christen unterschätzt euren Gott gewaltig. Er ist kein Lokführer und auch kein Arzt. Er ist angeblich allmächtig. Er muss keinen Tunnel bauen. Er muss keine Spritze einsetzen. Er kann alles genau so tun, wie er es möchte, und jederzeit alles verhindern und zulassen, wie es ihm gefällt. Jede Ohrfeige, die euch das Leben geschlagen hat, war eine Entscheidung seinerseits, zu der es unendlich viele Alternativen gegeben hätte. Hört auf, euch vorzumachen, Gott müsse irgendetwas.

"Vielleicht sollten wir nicht immer hinterfragen, warum etwas ist, sondern vielmehr auch die Frage stellen: 'Warum eigentlich nicht?' Was kannst du aus dieser Situation lernen? Wie wir doch wissen, dient uns doch alles zum Besten und wir können uns freuen Tag für Tag. Und noch einmal: Wir können uns freuen. Tag für Tag."

Das macht mich rasend. Ich möchte die Autorin bitten, ins Kinderspital zu den kleinen Krebspatienten zu gehen. Ich möchte sie bitten, zu völlig hoffnungslos verarmten Menschen in Afrika zu gehen. Ich möchte sie bitten, einer von einer Naturkatastrophe zerrissenen Familie gegenüberzutreten. Und dann soll sie all diesen Menschen sagen: "Hinterfragt nicht, warum das ist. Stellt euch die Frage: 'Warum eigentlich nicht?'". Wer tatsächlich glaubt, ein allmächtiger, allgütiger Gott stecke hinter dieser grausamen Welt, der hat das "Battered Woman Syndrome", das missbrauchte Ehefrauen treffen kann: "Gott meint es doch nur gut... Das ist halt seine Art, Liebe zu zeigen... Ich bin ja selbst schuld an allem... Ich brauche ihn doch..."

"Nun ja, die Bibel ist schlussendlich von Menschen geschrieben. Und die sind nun mal nicht perfekt und machen Fehler. Das zeigt ja irgendwie auch, dass Gott alle Menschen brauchen kann, nicht nur die perfekten"

Ich starrte auf den Bildschirm und traute meinen Augen nicht. War es das? Das mieseste Argument zur Verteidigung der Bibel aller Zeiten? Gut möglich. Diese Frau akzeptiert die Tatsache, dass kein Wort der Bibel verlässlich ist, und bastelt sich daraus ein Loblied auf ihren grossen Gott. 

So, senken wir das Niveau nun noch etwas weiter:

"Das einzige was einen Gottlosen interessiert ist sein Geschlechtsteil, er springt in ein Bett ins nächste und wenn sein Opfer im Bett schwanger wird sagt er " Ohh Nein ich will das Baby nicht. töte es !"

"Christ sein heisst nicht der Bibel zu glauben."

"Ganz ehrlich, Muslime sind bei weitem besser als Gottlose, im Gegensatz töten sie dich nur wenn du einen anderen Gott hast, aber Gottlose töten alles, egal ob sie Gut oder Böse sind, es interessiert sie nicht. Weil sie sich selbst anbeten, ein Gottloser ist meist eine egoistische Kreatur, es gibt nichts gefährlicheres als jemand der egoistisch ist."

"Du bibelkritiker der wahrsheinlich son abgefuckter pedophiler ist der nix anderes zu tun hat als fehler in menshen oder denen ihren taten zu suchen weil du nicht weisst was mit deinem Leben anfangen. (...) Ich bin als christ geboren und werde als christ shterben, es wird kein mensh oder sonst was mich dazu bringen meinen glauben zu wechseln, genau so darf ein moslem nicht den glauben wechseln, weil gott hatt uns mit unserem richtigen glauben auf die welr gesetzt."

Can you feel the Rationalität and the Nächstenliebe?

Mit dieser Person hier diskutierte ich über die Opfer der Sintflut, als sie schrieb:

"Sie brachten sich gegenseitig um, vögelten rum, besoffen sich ständig, etc. Moral war ihnen schnurzegal. Ist es da nicht besser, mal einen Schlussstrich zu ziehen und einen Neuanfang zu wagen mit den Wenigen, die noch Moral und Werte haben? Wenn ich die Welt heute anschaue, hat dieser Gedanke für mich schon eine Berechtigung"

Diese Zitat zeigt, mit welcher Haltung die Bibel und folglich auch Christen unserer Welt gegenüberstehen: Sie sehnen das Ende herbei. Und manche, wie diese hochmoralische Dame, sind sogar der Meinung, dass ein weiterer Genozid ein probates Mittel zur Verbesserung unserer Welt wäre. Als ich zu bedenken gab, dass diese Vorgehensweise ja wohl völlig verrückt sei und bekanntlich schon bei Noah nichts genützt habe, gestand sie trotzig ein: "Ja, gelernt haben wir trotzdem nichts daraus." Na also. 

Und dann war da noch der Bekannte, der mir diese sehr bezeichnenden Zeilen schrieb, nachdem er sich meinen Blog angesehen hatte:

"Ich werde vermutlich mit deinen Argumentationen nicht mithalten können, aber ich werde weiterhin für dich beten und weiss, dass du auch weiterhin unter dem Segen des Vaters stehst, wenn du's denn wieder zulässt."

Das machte mich wahrhaft traurig. Er gab zu, dass er keine Argumente auf seiner Seite hatte, dass er den intellektuellen Wettstreit verloren hatte. Aber das spielte keine Rolle für ihn. Walk by faith, not by sight. 

Ich muss leider sagen, dass ich nach all diesen Erfahrungen Michael Schmidt-Salomon nicht mehr widersprechen kann, wenn er sagt, dass es das folgende Phänomen gebe:


Viele Religionskritiker wollen lediglich, dass sich die Religion aus der Politik raushält - ich will, dass sie sich vollständig aus dem Leben von Menschen raushält. Sie bringt Menschen dazu, auf einzelnen Gebieten wie völlig rückständige Deppen zu denken. Religioten stellen unbewiesenen übernatürlichen Nonsens über die echte Welt, rationalisieren Völkermord, Sklaverei und Sexismus und krallen sich krampfhaft an Glaubenssätzen fest, die mit der Realität und miteinander in Konflikt stehen. Das kann ich einfach nicht ertragen - besonders als Opfer dieser Auswirkungen. Kommt zurück in die Realität, Leute. 

- Ihr Scrutator

Kommentare:

Elisabeth Eder hat gesagt…

Dein Blog gefällt mir. Leider gibt es Menschen in meinem Leben die ich sehr sehr gern habe und daher nicht mit meinem Atheismus und den Gründen dafür konfrontiere. Ich bin ehrlich und sage, dass in meiner Weltanschauung kein Platz für Gott ist. Ich bin eben lieber selbst für mich verantwortlich. Aber diskutieren werde ich mit diesen Menschen nicht. Meine Eltern haben mich aber schon als Kind die Realität gelehrt und mir die Kinder-Bibel als Märchenbuch gegeben.

R.D. hat gesagt…

Vielen Dank! Ich weiss genau, wovon du sprichst - ich vermeide es tunlichst, mit den Leuten in meiner Gemeinde zu diskutieren, und auch sonst zwinge ich niemanden in eine Diskussion hinein. Ich weiss aus Erfahrung, dass Christen vor allem dann empfänglich sind, wenn sie selbst ihren Fragen nachgehen und dann recherchieren. Daumen hoch für deine Eltern =)

- Raphael alias Scrutator