Samstag, 12. November 2016

48: "Kein Bock auf Religion?" - Kommentar zum Podiumsgespräch

Die Schweizer Freidenkervereinigung bewarb gestern einen Diskussionsabend in meiner geliebten Heimatstadt:


"Da geh ich doch glatt hin" dachte mich mir. Und als ich wieder rauskam, häuften sich die Gedanken in meinem Kopf, so zahlreich, dass ich mich zu einem Blogeintrag entschloss.

Die Diskussion
Zum Gespräch an und für sich gibt es eigentlich gar nicht viel zu erzählen. Die Diskutierenden waren sich weitestgehend einig; sie befanden alle, dass die Konfessionslosen eine alles andere als homogene Gruppe sind, die sich in gewissen Weisen organisieren kann, aber nicht muss. Ein Konfessionsloser muss kein Atheist sein, aber ein Kirchenzugehöriger muss auch nicht unbedingt ein Theist sein, das stellten die Teilnehmenden schnell klar. Und dass die Trennung von Kirche und Staat gewährleistet sein sollte, war für alle klar und akzeptabel. Soviel dazu - es gab aber einzelne Wortmeldungen, speziell aus dem Publikum, die ich noch thematisieren und kommentieren möchte, da wir so einiges daraus lernen können. Zuallererst möchte ich Gedanken zum Titel des Abends loswerden.

"Kein Bock auf Religion?"
Gegen Ende der Diskussion wurde auf Initiative des Publikums hin noch kurz und knapp auf die Frage eingegangen, warum denn die Leute keinen Bock auf Religion hätten. Die Freidenker nannten Rosinenpickerei und bessere Antworten von Seiten der Wissenschaft als Gründe, die Gläubigen legten sich klassischerweise auf das unattraktive Bild fest, das die institutionelle Form der Religion vermittle. Ich möchte rückblickend vor allem darauf hinweisen, dass die Formulierung des Titels nicht wirklich sinnvoll war. 

Eigentlich gemeint war wohl "Kein Bock auf Kirchenzugehörigkeit?", denn es sollte ja nicht über Religiöse und Nichtreligiöse, sondern über Kirchenzugehörige und Konfessionslose diskutiert werden. Wie erwähnt sind Konfessionslose nicht zwingend Menschen, die "keinen Bock auf Religion" haben, sondern die sehr wohl religiös (in ihrem Denken und Handeln geprägt vom Glauben an eine göttliche Macht, siehe Duden) sein können, aber diese Religiosität nicht als Mitglieder einer Kirche ausleben. Die Leute, die mit Religion tatsächlich nichts am Hut haben, sind Deisten und Atheisten. Wäre es nun zielführend, sich zu fragen, warum diese Leute "keinen Bock auf Religion" haben? 

Man stelle sich vor, eine Allianz von Verschwörungstheoretikern würde einen Abend mit dem Titel "Kein Bock auf Chemtrails?" veranstalten und darüber diskutieren, was an der Verschwörungstheorie attraktiv und was unattraktiv ist. Wäre das zielführend? Nein, denn was die Leute hauptsächlich davon abhält, zu Verschwörungstheoretikern zu werden, ist nicht, dass sie an der Vorstellung keinen Gefallen finden, sondern, dass sie ganz einfach nicht davon überzeugt sind. Denn Verschwörungstheorien sind nicht Hobbies, sondern Weltanschauungen, die Aussagen darüber machen, wie die Welt ist. Und ob einem eine Auffassung der Realität gefällt oder nicht, ist unerheblich. Was zählt, ist, ob sie einen überzeugt, ob man sie als wahr akzeptieren kann. Und auch die Religionen sind Verschwörungstheorien, die Aussagen darüber machen, wie die Welt ist. Und wer nicht religiös ist, wer also keiner übernatürlichen Macht huldigt, der tut das nicht primär deshalb, weil ihm diese Vorstellung nicht gefällt, sondern weil er nicht davon überzeugt ist, dass diese Vorstellung irgendetwas mit der Realität zu tun hat.

Nun also zu diversen Aussagen, die im Verlauf des Podiumsgespräches fielen.

"Die Bibel ist kein Gesetzbuch"
Diese Aussage von Frau Lachenmeier ist staunenswert. Fast alle Christen der Geschichte und auch viele heutige GlaubensgenossInnen würden ihr klar widersprechen. Und das zeigt eines der Hauptprobleme der Berufung auf die Bibel auf: Jedem sagt das Buch etwas anderes. Es steckt kein Gott dahinter, der eine einheitliche Botschaft an die Menschheit übermittelt, sondern es ist das Produkt vieler Schreiber, die alle unterschiedliche, sich widersprechende Gottesbilder, Moralvorstellungen und Motive hatten. Vom Pazifisten bis zum Inquisitor kann jeder seine Vorstellungen an der Bibel festmachen, und das ist ein Problem und sollte jedem klar machen, dass das Buch nicht als Handlungsanleitung taugt.

"Wir können doch die Bibel nicht einfach beiseite stellen!"
Ja, es gab auch Statements zum schockierten Haareraufen aus dem Publikum zu hören. Diese Dame stellte implizit die Behauptung in den Raum, das Christentum habe das zueinander nett-Sein erfunden und sagte wörtlich, wenn wir die Bibel nicht mehr als Basis benutzten, müssten wir plötzlich in Frage stellen, ob wir zueinander nett sein sollten. Freidenker-Präsident Kyriacou verwies sie vernünftigerweise auf die Menschenrechte als Alternativbasis, und wie erwartet erdreistete sich die junge Dame, darauf direkt zu antworten, die Basis für die Menschenrechte sei ja auch die Bibel gewesen. Auch darauf wusste Kyriacou gut zu reagieren, indem er aufzeigte, dass etwa die 10 Gebote schon mit dem ersten Gebot im Widerspruch zu den Menschenrechten stehen, was die junge Dame (mit offenbar etwas beschränktem Horizont) als "Interpretation" abtat. "Ich stelle es mir als ziemliches Chaos vor, wenn wir ohne die Bibel über Werte diskutieren würden", sagte sie. Auch hier war Kyriacous Antwort sehr gut; er erinnerte daran, dass es bei moralischen Fragen immer Christen auf der Pro- und auf der Kontraseite gegeben hat, was beweist, dass "christliche Werte" als solches noch nicht einmal praktikabel definiert sind und die Bibel das Problem der Uneinigkeit über Werte nicht lösen kann.

In anderen Blogposts habe ich bereits davon erzählt, dass Christen laufend den Fehler machen, neuzeitliche, säkulare Werte in die Bibel hineinzuprojizieren, die dort schlicht und einfach nicht drinstehen. Hier wurde dies wieder einmal demonstriert. Die Werte der Bibel stehen im Widerspruch zu den Menschenrechten und beziehen zudem ihren Gültigkeitsanspruch aus der Autorität Gottes. Damit dieses Wertesystem also überhaupt eine Grundlage hat, müsste ein Gottesbeweis her, der Gott von einer Fiktion unterscheidet. Solange es diesen nicht gibt, fehlt den christlichen Werten* die Grundlage. Und selbst wenn die Existenz Gottes erwiesen wäre, wäre Autorität noch immer ein furchtbar schlechter Grund, eine Verhaltensregel zu akzeptieren. Es ist wesentlich vernünftiger und moralischer, dem humanistischen Ansatz folgend die Ansprüche des Menschen anstatt denjenigen Gottes ins Zentrum der Moral zu stellen.
*= Zu diesem Thema empfehle ich mit Nachdruck das Buch "Die Legende von der christlichen Moral" von Andreas Edmüller

Vielleicht hat das Christentum einen Beitrag zu den Menschenrechten geleistet, aber nur etwa so, wie die Alchemie zur Chemie oder die Astrologie zur Astronomie beigetragen hat: Als primitiver und fehlerbehafteter früher Versuch, der mittlerweile von besseren Ansätzen ersetzt wurde und nicht mehr hervorgekramt werden sollte. Erschreckend, dass Menschen auch nur auf den Gedanken kommen können, sie würden vielleicht nicht mehr zueinander nett sein, wenn es ihnen ein paar Schriftrollen aus der Wüste nicht befehlen würden. Und wo wir gerade bei Erschreckendem sind:

"Niemand hat die Botschaft der Sintflutgeschichte verstanden"
Vereinzelt war die Sintflutgeschichte angesprochen worden; man sei sich ja einig, dass der dort aufgezeigte Gott von niemandem als erstrebenswertes Vorbild dargestellt werden wolle, sagten die beiden Freidenker. Doch dann meldete sich ein Gläubiger und sagte: "Ich bin erstaunt, dass wir hier Religionswissenschaftler haben, die anscheinend die Botschaft der Sintflut nicht verstanden haben. Gott hat bereut, dass er das getan hat, und hat versprochen, dass er es nie wieder tun würde!". 

Zustimmendes Gemurmel anderer Gläubiger war die Folge, während ich nur den Kopf schütteln konnte. Dass es Menschen möglich ist, einen Gott, der sich eines derartigen Völkermordes, ja "Weltmordes" schuldig gemacht hat, zu verteidigen und sogar zu verehren, macht mich immer wieder neu fassungslos, traurig und wütend. Freidenker Micha Eichmann konterte sogleich: "Aber was ist das denn bitte für ein Gott?" Ganz genau! Wie kann man einen Gott verehren, der zu solchen Mitteln greift, obwohl er als Allmächtiger unendlich viele Alternativen hat? Und wie kann man einen allmächtigen Gott dafür loben, dass er etwas bereut hat? Sollte einem das nicht Angst einjagen? Wer weiss, welche Gräueltaten Gott noch begehen wird, bevor ihm klar wird, dass er sie besser unterlassen hätte!

"Dem Monster Religion ist das Genick noch nicht gebrochen worden, aber es sollte ihm gebrochen werden."
"Ich bin Atheist, denn ich bin ein denkender Homo Sapiens, und Denken und Glauben schliesst sich aus."
Die letzten paar Wortmeldungen waren bissig und kamen von Atheisten. Und ich hatte keine Freude an diesen Aussagen. Gerade die beiden hier zitierten Statements gehörten meiner Ansicht nach nicht an eine Podiumsdiskussion, in der es ja nicht um Sieg und Erniedrigung der Gegenseite geht, sondern darum, gemeinsam gedanklich vorwärtszukommen

Zunächst einmal sind beide Aussagen faktisch äusserst zweifelhaft. Es sind pauschale Produkte des schwarz-weiss-Denkens, das Freidenker Religiösen oft anlasten. Religion kann zum Monster werden, aber sie ist nicht einfach nur ein Monster. Der Mann, der das sagte, bezeichnete die Bibel als eine "zutiefst unheilige Schrift von machtbesessenen Menschen", aber damit macht man es sich zu einfach. Es ist komplizierter als das. Auch wenn manche Teile von Menschen geschrieben worden sein könnten, die die Leute kontrollieren wollten, so trifft das ganz bestimmt nicht auf die gesamte Bibel zu, und man verliert seine Glaubwürdigkeit gegenüber Christen, wenn man solche uninformierten Pauschalbehauptungen aufstellt. Auch die zweite Pauschalbehauptung, dass sich Denken und Glauben ausschliessen würden, macht es sich viel zu einfach. Klar hat Religion die Tendenz, das freie Denken einzuschränken, aber es stimmt nun einmal absolut nicht, dass Religiöse nicht denken würden und jeder Denkende Atheist sei. Das ist falsch und weit entfernt von konstruktiver Kritik.

Das einzige, was man mit pauschalen Beschimpfungen bewirkt, ist, dass bei der Gegenseite die Schotten dicht gemacht werden. Der Pfarrer in meiner Sitzreihe schüttelte den Kopf und murmelte ein paar unverständliche Worte, als der erste der beiden Sätze gesprochen wurde, und ich war genervt, denn ich wusste: Dieser Mann fühlt sich nun bestärkt in seinem Bild der bösen Atheisten, die die Religion mit Gewalt ausrotten wollen, die ein uninformiertes schwarz-weiss-Bild von Religion haben und die die Endzeitprophezeiungen von Verfolgung erfüllen. Wir können es uns nicht leisten, dass die Gegenseite die Schotten dicht macht. Wir sollten den Dialog nicht mit pauschalen Verleumdungen vergiften, sondern sachlich und differenziert vorgehen, wie es die beiden Freidenker taten, wenn wir etwas erreichen und Veränderung einleiten möchten. Ich möchte das nämlich. Sie auch?

-Ihr Scrutator

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