Montag, 14. November 2016

49: Was das evangelisch-reformierte Christentum gut macht


"Wir mögen dem nicht zustimmen, was die Religionen uns lehren wollen, aber wir können die Art bewundern, auf die sie es tun." -Alain de Botton

Kurz nach meinem Glaubensabfall lernte ich den Schweizer Philosophen Alain de Botton und dessen folgenden TED-Talk kennen:


Ja, ich bin insgesamt froh, den Glauben loszusein. Das heisst aber nicht, dass ich die Jahre als Gläubiger als verschwendet und durch und durch schrecklich ansehe. Absolut nicht! Nein, da war viel Gutes. Das hat auch de Botton erkannt: Die Religion war über Jahrhunderte im Zentrum unserer Gesellschaft und Kultur, und deswegen wurden viele gute Ideen, Rituale und Konzepte innerhalb der Religion installiert, und es wäre schade, das Kind mit dem Badewasser auszukippen und einfach strikt alles zu meiden, was "nach Religion riecht". Was können wir Säkularen uns von der evangelisch-reformierten christlichen Religion abkucken? Hier ein paar Ideen meinerseits.

Die Wichtigkeit von Gemeinschaft
Gemeinschaft ist gut, und im Christentum spielt sie eine sehr grosse Rolle. Dies einerseits aus dem Grund, dass man erkannt hat, dass Einzelgänger dazu neigen, ihre Glaubensstärke zu verlieren; man muss sich gegenseitig bestärken, da von oben leider nie was kommt. Aufgrund von Bibelversen wie "Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei" und natürlich auch aufgrund des Vorbildes der Jünger Jesu und der ersten Christen bilden sich aber Gemeinschaften, die viele positive Seiten haben. Man sieht sich sonntags im Gottesdienst, dienstags im Hauskreis, donnerstags zu einem Freizeitanlass, samstags zur Bandprobe... Man vereinsamt nicht, man hilft einander, spricht, isst, singt, lacht und weint miteinander. Das hilft und macht glücklich.

Auch in der säkularen Welt, in der Einsamkeit ein verbreitetes Problem ist, sollten wir viel Wert auf Gemeinschaft legen und uns immer wieder mal versammeln. Zusammen ist man wirklich stärker, sei es als Institution, die mit vereinten Kräften Grösseres erreicht, oder als Gruppe, in der man sich untereinander hilft, gemeinsam diskutiert, lacht und weint. Geteiltes Leid ist halbes Leid, und geteilte Freude ist doppelte Freude.

Die Allgegenwart von Reflexion und Philosophie
Predigten, Hauskreise, Andachten, Inputs, Bücher... Als Christ war ich sehr, sehr viel mit Nachdenken über Gott und die Welt - im wörtlichen Sinne - beschäftigt. Denkanstösse waren stets an der Tagesordnung und man wurde immer wieder mal herausgefordert, und das ist vorbildlich. In Verbindung mit der Gemeinschaft entsteht so ein "Klima der Philosophie". Die Religion, der ich angehörte, hat den Hobbyphilosophen in mir stark gefördert. Das Problem bei der Religion ist natürlich, dass das Denken von "heiligen" Texten und Glaubenssätzen zugleich eingeschränkt wird. Aber die Kultur der ständigen Reflexion und Philosophie ist etwas Löbliches. Sich zusammensetzen, um tiefgründig über die wirklich wichtigen Dinge zu diskutieren und zu philosophieren, ist etwas Gutes und Wichtiges, das wir auch in der säkularen Welt des öfteren anregen und praktizieren sollten. Und bei uns ist es ja zum Glück frei von Lastern wie "Glauben" und Dogmen. TED-Talks sind ein tolles Beispiel; es handelt sich dabei quasi um säkulare Gottesdienste, die zum Denken anregen.

Der Fokus auf Bescheidenheit und Selbstbesserung
Wie de Botton schon sagte, sehen die Religionen uns als hilfsbedürftige Kinder an, während säkulare Bildungsinstitute in uns vornehmlich rationale Erwachsene sehen, die keine Hilfe, sondern nur Informationen brauchen. Klar treiben es die Religionen zu weit, da sie uns als Sünder von Geburt an betrachten, die komplett von Jesus abhängig seien und deren Menschlichkeit Tod und Folter verdient habe, und das kann viel Schaden anrichten und unnötige Schuldgefühle produzieren. Aber die Kultur der Bescheidenheit, die das etwa bei uns in der Gemeinde hervorgebracht hatte, war wirklich gut. Niemand war sich zu schade, von seinen Problemen, Macken und Fehlern zu erzählen - im Gegenteil, das war unter uns Sündern gang und gäbe.

Gerade bei den Hauskreistreffen gab es oft eine Runde, in der man einfach erzählte, was im Leben gerade gut lief und wo einem der Schuh drückte, wo man Positives erlebt hatte und wo man an sich arbeiten wollte - ohne Maske, ohne falsches Grinsen. Man erzählte etwa vom mühsamen Chef und dass man sich wünsche, ihm gegenüber etwas sanftmütiger sein zu können. Leider wurden dann mit Bibellesen und Beten sowie der Aufforderung, auf Gott zu vertrauen und "im Glauben zu wachsen", keine optimalen Lösungswege beschritten. Aber die Kultur der Offenheit, die Selbstverständlichkeit, mit der man regelmässig über Sorgen und Ängste und die eigenen Unzulänglichkeiten sprach - das erlebte ich positiv, und davon können wir Säkularen uns eine Scheibe abschneiden. Und wie viel effektiver kann das werden, wenn wir frei von Aberglauben über unsere Probleme sprechen und gemeinsam nach realitätsbasierten Lösungsvorschlägen suchen!

Fazit
Das sind also die besonders positiven Aspekte, die ich an der Religion, die ich erlebte, hervorheben möchte:

-Die Wichtigkeit von Gemeinschaft. Es tut einfach gut, gemeinsam mit anderen den Lebensweg zu beschreiten, und es ist in vielen Belangen hilfreich und schön. Wir Säkularen sollten das nicht als "typisch religiös" in die Tonne treten, sondern uns ein Beispiel daran nehmen.

-Die Allgegenwart von Reflexion und Philosophie. Für uns Säkulare ist es interessant, Predigten, Hauskreise, Andachten, Inputs und christliche Bücher anzuschauen und uns davon inspirieren zu lassen, wenn wir überlegen, wie man eine Kultur der ständigen Reflexion und Philosophie aufbauen und aufrechterhalten kann.

-Der Fokus auf Bescheidenheit und Selbstbesserung. Der Humanismus sollte nicht zu einem Menschenbild führen, in dem der Mensch zum edlen, hochentwickelten Superwesen hochstilisiert wird. Es ist auch wichtig, auf dem Boden zu bleiben und sich nicht zu schade zu sein, offen über Probleme, Macken und Fehler zu sprechen.

Denken wir drüber nach! Was meinen Sie?

-Ihr Scrutator


P.S. Wenn Sie diese Gedankengänge spannend finden, rate ich Ihnen zur Lektüre von Alain de Bottons Buch zum Thema, "Religion für Atheisten"

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