Essay 6: Es geht ohne Gott
Im Musikerteam meiner Ex-Gemeinde stellten wir einmal belustigt fest, dass das Lied „Es
geht ohne Gott in die Dunkelheit“ nur mit den ersten vier Worten im
Liedverzeichnis vermerkt war. Es sollte noch Jahre dauern, bis ich merken
würde, dass in diesen vier Worten Wahrheit steckt. Jetzt, wo ich mich endlich
getraut habe, all meine Zweifel und Fragen vor meinem inneren Auge zu
versammeln und von einem ungläubigen Standpunkt aus zu betrachten, habe ich auf all meine Fragen an Gott und den Glauben eine schlüssige, überzeugende Antwort: Der biblische Gott existiert nicht. Sie sind ChristIn? Dann schlage ich vor, dass Sie diesen Standpunkt auch einmal unter die Lupe nehmen. Ich weiss, dass Sie Fragen und Zweifel haben. Es geht hier um Ihre
Lebensgrundlage, um die Art, wie Sie die Welt sehen! Wenn Ihr Glaube so
wasserdicht ist, was haben Sie dann zu befürchten? Sie können sogar nur
gewinnen: Entweder, Ihr Glaube behauptet sich unbestreitbar und wird gefestigt,
oder Sie stellen fest, dass Ihr Glaube nicht der Richtige war, und können den
Holzweg verlassen.
Auf
jeden Fall habe ich festgestellt, dass der
Weg aus dem Glauben hinaus derselbe ist wie derjenige in den Glauben
hinein: Man muss es für sich selbst entdecken.
Man kann kaum jemanden dazu überreden, Christ zu werden – dazu klingt die ganze
Sache einfach zu unglaubwürdig, und deshalb gehörte ich zu den Christen, die
immer krampfhaft den Missionsbefehl zu relativieren versuchten; ich wusste, dass mein Glaube für Aussenstehende so unglaubwürdig wirkte, dass ich
ihn keinem Fremden aufschwatzen könnte. Nein, die Leute müssen entweder als
Kinder indoktriniert werden oder sich selbst darauf einlassen und von den
netten Angeboten (Sicherheit, Liebe, Hoffnung) und Pseudoargumenten à la Inexistenz
Gottes ist nicht beweisbar etc. eingelullt werden, dann können sie der Illusion
verfallen. Ist das passiert und ist man ausreichend indoktriniert, dann kehrt
sich das Ganze um: Man kann einen Christen kaum zum Aufgeben des Glaubens
überreden, da er es nicht gewohnt ist, in diesem Gebiet seinen Verstand richtig anzuwenden und auf ihn zu hören. Er oder sie muss sich selbst darauf einlassen, den Zweifel, den Peter Boghossian treffend als
die Stimme des intellektuellen Gewissens bezeichnete, ernst nehmen und sich anhören, was Kritiker dazu zu sagen haben, dann kann er die Illusion Schritt für Schritt langsam hinter sich
lassen. Mich hat godisimaginary.com von Marshall Brain an meine Glaubensgrenzen gebracht, und
Apologeten mit Durchblick wie Richard Dawkins, Christopher Hitchens, Matt
Dillahunty, Sam Harris, Hemant Mehta, JT Eberhard, Dan Barker und Seth Andrews haben den Rest
besorgt. Dann blieb nur noch eine Frage: Geht
es ohne Gott?
Nun, wenn es Gott nicht gibt, muss man sich den Sinn des Lebens eben selbst zusammenbasteln – das geht und ist
doch eigentlich sogar eine reizvolle Herausforderung. Was ist so toll an einem
Sinn des Lebens, der einem von aussen aufgedrückt wird? In den Worten von
Ex-Prediger Dan Barker: „Wer fragt, was der Sinn des Lebens sei, wenn es keinen
Gott gibt, der fragt, wessen Sklave er sein solle, wenn es keinen Meister
gibt.“ Eine Arbeit, die den eigenen Fähigkeiten und Interessen entspricht, kreative
Hobbies und besonders liebenswürdige Mitmenschen und das Jagen der eigenen Träume können einem so vieles geben – ganz ohne übernatürlichen Aberglauben. Die Religion hat kein Patent auf Gemeinschaft und Freude – das gibt es auch abseits dieser archaischen Strukturen des jüdisch-christlichen Aberglaubens.
Viele
Werte, die auch in der Bibel
vorkommen, kann und sollte man ins gottlose Leben mitnehmen, z.B. die
goldene Regel, die etwa Konfuzius schon lange vor Jesus gepredigt hatte: Behandle die Leute so, wie
du selbst behandelt werden willst, das ist keine schlechte Regel. Bei Moral geht es darum, menschliches Leiden zu vermindern und menschliches Wohlergehen zu fördern – und innerhalb davon gibt es sehr wohl "richtig" und "falsch". Welcher Christ würde bitteschön damit
aufhören, solche Werte hochzuhalten, wenn bewiesen wäre, dass die Bibel nicht
wahr ist? Es ist Schwachsinn, zu behaupten, dass es abseits der Religion keine
Moral geben könne, denn das würde heissen, die Bibel habe Moral erfunden und um moralisch handeln zu können, müsse man die biblischen Gesetze in sein Hirn kopieren – beides falsch. Der barmherzige Samariter im gleichnamigen Gleichnis Jesu war kein Christ, und die Israeliten werden kaum während des gesamten Exodus gedacht haben, dass Mord und Diebstahl absolut in Ordnung seien, und wurden dann erst durch die 10 Gebote eines Besseren belehrt. Wenn wir ein wenig nachdenken, erscheint es doch logisch, dass Moral nicht wahr ist, weil Gott sie proklamiert, sondern dass Gott sie proklamiert, weil sie wahr ist. Allerdings hat er wohlgemerkt insgesamt äusserst verquere Vorstellungen von Moral und Liebe und verstösst gegen seine besseren Gebote, und seine Anhänger wählen anhand eines externen Standards aus, welche seiner Gebote sie beachten.
Die Bibel sagt selbst: „Prüfet alles, und das Gute
behaltet!“ – und in der Bibel gibt es neben ein paar wenigen löblichen Passagen mehr als genug Aufrufe zu und Durchführungen
von Schandtaten, die in direktem Gegensatz zu unserer auf evolutionär bedingter
Kooperationsbereitschaft und Empathie sowie Humanismus basierenden Moral stehen. Ich merkte: Ich brauche keinen Gott, um Mitgefühl für Mitmenschen zu haben. Ich brauche aber einen Gott, um gegen Homosexualität zu sein, um absurde Geschichten über die Herkunft des Universums und des Lebens zu glauben, um mir zu überlegen, in welchem Kontext Völkermord, Sexismus und Sklaverei in Ordnung sind und um es als gerecht anzusehen, dass Menschen, die unhaltbare übernatürliche Behauptungen nicht geglaubt haben, für immer und ewig mit Feuer und Schwefel gefoltert werden. Man bleibt doch eigentlich derselbe Mensch, wenn man den Glauben ablegt – das können sich viele Christen leider
nicht vorstellen, obwohl sie meist viele ungläubige Leute kennen, die ihnen
ganz normal und vernünftig erscheinen.
Ich
will auch nicht leugnen, dass ein säkulares Leben wohl in einigem nicht so
schön und einfach ist. Hoffnung und Trost sind schwerer zu finden, wenn man nicht mehr davon überzeugt ist, dass man ein
ewiges Leben im Paradies zu erwarten hat und nicht an Gottes Führung glauben kann. Es gibt nicht mehr nur schwarz und weiss, richtig und falsch – die Welt ist vielschichtig und komplex. Vieles ist ungewiss. Doch es geht nicht darum, welche Sicht auf die Welt die Angenehmste ist, sondern
welche am nächsten an der Wahrheit ist. Dass ein Christ nicht gern in einer
gottlosen Welt leben würde, verleiht seinen Ansichten kein einziges
zusätzliches Körnchen Glaubwürdigkeit. Es steckt Wahrheit darin, wenn Volker Pispers sagt: „Aus sowas wächst man doch irgendwann raus, dann entwickelt man eigene
Wertvorstellungen! Heute sage ich mir: Religion ist was für Leute, die den
Alkohol nicht vertragen!“.
Und
natürlich dürfen wir die Kehrseite der Medaille nicht vergessen. Ein säkulares Leben beinhaltet
ebenfalls viele Freuden: Wahre Freiheit, das Leben im Hier und Jetzt sorgenfrei
geniessen statt es nur als "Hauptprobe" vor dem Paradies anzusehen, rational denken und
der evidenzbasierten Wissenschaft glauben, aber diese natürlich auch stets hinterfragen dürfen, sich nicht an zweifelhafte konservative
Gesetze halten müssen, kein Druck wegen Gottes Erwartungen mehr, weil man nie
genau weiss, was denn nun die eigenen Aufgaben sind und wie man jetzt genau in
den Himmel kommt… Für mich persönlich besonders schön: Das Szenario vom Ende
der Welt, das Johannes aufzeichnet (Stichwort Antichrist), ist mehr als
furchterregend, und das brauche ich nun nicht mehr zu fürchten. Ich fühle mich
pudelwohl und frei beim Gedanken, die Bibel nicht mehr als verbindlich ansehen
zu müssen. Es fühlt sich an, als sei ich aus einem Traum aufgewacht und hätte
endlich eine persönliche Beziehung mit der Realität angefangen. Ryan Bell erklärt das Gefühl so: "Den Glauben an Gott loszulassen, ist unheimlich und aufregend; wie wenn man als Kind auf dem Fahrrad losfährt und glaubt, Papa halte es fest, und dann über die Schulter schaut und sieht, dass das nicht der Fall war."Anfang 2015 begann ich definitiv, aus meinem Traum aufzuwachen. Sollte ich das weiterverfolgen? Schnell war klar: Auf gar keinen Fall. Die Frau, mit der ich den Rest meines Lebens verbringen wollte, sagte mir, dass sie mich verlassen würde, falls ich nicht mehr glauben sollte, und ich wusste, dass ich die Beziehungen zu meiner Mutter und vielen Freunden ernsthaft in Gefahr bringen würde. Ich hatte solche Angst vor diesen Konsequenzen, dass ich mich ein ganzes Jahr lang heftig gegen meine neuen Erkenntnisse wehrte. Es ist nicht leicht, in der Kirche zu sitzen und sich zu fühlen wie das Kind in "Des Kaisers neue Kleider", das innerlich genau weiss, dass der Kaiser nackt ist, obwohl alle anderen das Gegenteil proklamieren (interessanterweise wurde ich in dieser Phase für eine Führungsposition in einem christlichen Verein angefragt, da ich anscheinend "eine sehr persönliche Beziehung zu Jesus" habe). Ich wollte meine Ansichten auf Teufel komm raus bekämpfen, doch die ersehnten Antworten fand ich nirgends. Man kann seine Ansichten nicht durch Willenskraft ändern, ich wusste bereits zu viel. Und so wurde der Druck zunehmend unerträglich, bis ich irgendwann wusste: Ich kann mein Leben nicht an eine Illusion verkaufen, für keinen Preis der Welt. Und als ich sah, wie meine Freundin litt, weil dieser unbewiesene Zauberer angeblich von ihr forderte, mich zu opfern, war mir mehr als klar: Das sollte auch sonst niemand tun.
Religion ist nach all den Jahren der Aufklärung immer noch unter uns, und sie bringt immer noch Menschen dazu, übernatürlichen, unbewiesenen Nonsens als Basis für ihr Leben und ihre Entscheidungen zu benutzen. Hätte mir meine Freundin unter Berufung auf Gott etwas angetan, was strafbar ist, so wäre sie verurteilt oder in eine Nervenheilanstalt geschickt worden. Hätte ich meiner Freundin verkündet, ein unsichtbares Einhorn in meinem Schrank hätte mir die Trennung befohlen, so wären ihre Wut und Trauer wohl berechtigterweise grenzenlos gewesen. Doch meine Wut auf ihren Glauben wird als respektlos angesehen, denn ihre Einbildung ist zwar genau gleich schlecht belegt wie das Einhorn, aber gesellschaftlich akzeptiert. Nach diesem qualvollen Erlebnis wusste ich: Wenn ich irgendetwas tun kann, um Menschen von diesem Gefängnis für den Verstand namens Christentum zu befreien, dann will ich es tun. Ein „missionarischer Eifer“, wie ich ihn während meiner Zeit als Christ nie hatte aufbringen können, erfasste mich – endlich eine Haltung in Religionsfragen, die sich glaubwürdig verteidigen lässt und die ich gern in die Welt hinaustrage! Und so begann das Projekt "Scrutator". Wenn ich mit meiner Kritik auch nur ein paar Gläubige zum Nachdenken bringe, bin ich bereits glücklich. Wake up.
1 Kommentar:
Glückwunsch! Immer interessant und aufschlussreich von dir zu lesen, obwohl ich nie gläubig war. Gerade weil im Namen dieses Unsinns soviel Not und Elend auf der Welt geschieht, sollten wir jeden Tag unseren Beitrag dazu leisten, das dieser Spuk irgendwann mal ein Ende findet. PS: Ich bin der Meinung, wir sollten andere Menschen so behandeln wie sie behandelt werden wollen, nicht wie wir behandelt werden wollen.
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